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manager magazin



19.02.2006
 

Google

Schluss mit Liebe

Von Frank Patalong

Ein halbes Jahrzehnt konnte sich Google der Zuneigung der Netz-Community sicher sein. Doch die entzieht der Suchmaschine die Liebe, seit das Unternehmen als Komplizin des chinesischen Zensurregimes am Pranger steht. Unerhörtes geschieht da: Im Internet formiert sich Widerstand gegen Google.

"Es gibt auf der ganzen Welt kein anderes Mittel", schrieb weiland Robert Musil, "ein Ding oder Wesen schön zu machen, als es zu lieben." Eine schöne Umschreibung der Volksweisheit "Liebe macht blind". Beides soll heißen: Wenn liebende Gefühle wallen, fallen uns die kleinen Fehler des anderen nicht mehr auf.

Was aber, wenn uns die Liebe abhanden kommt? Einschläft, verloren geht oder - der schlimmste aller Fälle - enttäuscht wird und darum erlischt?

Psychologen, Kriminalisten, Literaten und Regisseure wissen, dass so etwas nicht nur reichlich Schmerz bereitet, sondern auch zu den häufigsten Motiven für Aktionen gegen den ehemals (oder eigentlich) geliebten Menschen gehört.

Die Literatur ist voll davon seit antiken Zeiten, seit Medea Kinder mordend Amok lief, weil ihr Jason die Liebe entzog. Georg Büchners Woyzeck tötet Marie, mit der er ein Kind hat, weil sie ihn betrügt: Der Treuebruch lässt seine Liebe in Hass umschlagen. Michael Douglas erlebt in "Eine verhängnisvolle Affäre" eine rachsüchtige Furie, als er seiner Affäre die Liebe entzieht.

Kampagnen-Logo: Schluss mit der Liebe
Tiefschlag: Satire gegen Google
Beißende Web-Satire: Mark Fiores Flash-Satiren sind Spitzenklasse. "Setzen Sie sich zurück, entspannen Sie", heißt es in dieser, "und sehen Sie, wie sich westliche Suchdienste in gloriose Revolutions-Suchmaschinen verwandeln!" Wahlspruch des neuen Yahoo-MSN-Google-Services bei Fiore: "Search and repress"

Anti-Google-Kampagne: "Keine Liebe für Google"
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Das Prinzip "aus Liebe wird Hass" gilt aber nicht nur in Film, Literatur und richtigem Leben, sondern auch in Cyberia: Als Google der Heerschar seiner Liebenden schwor, "nicht böse" sein zu wollen, und sich dann doch dabei erwischen ließ, begannen diese, Protest-Plakate zu malen und Blogs voll zu schreiben, zu Aktionen aufzurufen und der bis vor kurzem populärsten Web-Marke der Welt kollektiv die Zuneigung zu entziehen.

Ende einer Affäre: "Normal" ist pfui

Kein Zweifel: Googles Stern verliert an Glanz - und Google-Kritiker mutieren zu Gegnern. Die Empörung über Googles Sündenfall, als der Web-Suchdienst sich in China auf staatliche Zensur und Meinungsunterdrückung einließ, um dort weiter ungestört seine Geschäfte machen zu können, ist nur aus der tiefen Enttäuschung zu erklären, die in der Zuneigung der Nutzer zu Google ihre Wurzeln hat.

Und darin, dass die "Popkultur-Marke" Google für Minimalismus mit Leistung, für nur verhaltene Kommerzialität und den Willen stand, anders und besser als die anderen sein zu wollen. Und zwar nicht nur in kreativer, sondern auch in ethischer Hinsicht.

War Google nicht der informelle Haufen, der jedem ambitionierten Mitarbeiter Zeit für kreative Projekte freistellte? Der völlig informell agierte, die studentische Lebensart ins Geschäftsleben importierte? Sich augenzwinkernde Gags und Statements erlaubte?

Welche andere Suchmaschine liefert schon seit Jahren als Antwort auf die Sucheingabe "Failure" die Biografie-Seite von Georg W. Bush auf der Website des Weißen Hauses, ohne diesen "Fehler" zu korrigieren? Das ist sympathisch, hemdsärmlig, cool. Als die Bush-Regierung kürzlich bei den führenden Suchmaschinenbetreibern vorfühlte, ihre Datensammlungen über das Such- und Surfverhalten zusammenzutragen, ließ Google die Datenschnüffler publikumswirksam abblitzen und sich als Bewahrer der Privatsphäre feiern. Kurz darauf eröffnete Google in China eine selbst zensierte Webseite, ganz nach den Wünschen des dortigen Regimes. Die Nutzerschaft empfand den Widerspruch als Treuebruch.

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