Mittwoch, 19. Dezember 2018

Nachfolge in Unternehmen "Die natürliche Ordnung ändert sich"

Nachfolge ist heute viel komplizierter als früher: Das Reinreden in die zweite Generation führt dazu, dass diese keine Kontrolle mehr über das eigene Handeln hat

Entrepreneurship-Expertin Sabine Rau vom King's College in London über alterssture Väter, emanzipierte Söhne und den strategischen Wert von Unternehmerkindern, die auf dem Betriebshof spielen.

manager magazin.de: Frau Professor Rau, kürzlich hat Benjamin Otto entschieden, dass er seinem Vater Michael nicht als Chef des Handelskonzerns Otto Group nachfolgen will. Ist er einfach nur zu bang für eine große Aufgabe?

Sabine Rau: Ich würde eher sagen, Herr Otto liegt im Trend.

mm.de: Warum das?

Rau: Die natürliche Ordnung ändert sich. Die Abfolge vom Vater auf den Sohn, die früher gar nicht diskutiert wurde, wird zunehmend in Frage gestellt - von den Söhnen ebenso wie den Vätern.

mm.de: Wir erleben also im Geschäftsleben eine Welle der Männeremanzipation?

Sabine Rau: "Benjamin Otto liegt im Trend"
Rau: Nachfolge, gerade in Familienunternehmen, ist heute viel komplizierter als früher. Heutzutage müssen Dinge entschieden werden, die früher meist nicht entschieden werden mussten - etwa wie man mit Kindern verschiedener Ehefrauen des Firmenpatriarchen umgeht. Zweitens sind die Töchter heute auch mit im Pool möglicher Nachfolger. Drittens sind die Anforderungen enorm gestiegen: Management wird immer anspruchsvoller, weil die Innovationszyklen immer kürzer werden, so dass Nicht-Innovation viel schneller zu Wettbewerbsnachteilen führt.

mm.de: Die deutsche Volksweisheit "Der Vater erstellt's, der Sohn erhält's, beim Enkel zerfällt's" gibt es so ähnlich auch in vielen anderen Weltsprachen. Ist es ein universales Gesetz, dass die Nachfahren großer Unternehmer meist versagen?

Rau: Das vielleicht nicht. Aber wenn es so kommt, sind die Väter oft selbst schuld.

mm.de: Aber am Ende versagen doch eher die Söhne oder Töchter.

Rau: Nicht unbedingt. Man muss die Ursachen genau studieren. Zum einen haben ältere Unternehmer, vor allem Gründer, die sehr erfolgreich waren, die Tendenz, nicht loszulassen. Denken Sie an Max Grundig oder Josef Neckermann: Die haben ihre Unternehmen am Ende sogar ruiniert. Wenn die Väter den Söhnen keinen Raum lassen, wird es ganz schwierig.

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