Montag, 20. November 2017

Niedrigzins belastet Versicherungsbranche Lebensversicherer müssen Milliarden-Notreserven bilden

Rentnerpaar am Meer: Die Erträge aus der Lebensversicherung schrumpfen

Hamburg - Die deutschen Lebensversicherer müssen immer höhere Notreserven anhäufen, um ihre alten Zinsversprechen zu erfüllen. Allein im Jahr 2014 flossen 8,4 Milliarden Euro in die sogenannte Zinszusatzreserve - so viel wie nie zuvor. Insgesamt ist dieser Krisentopf nun mit 21,2 Milliarden Euro gefüllt. Das geht aus einer Antwort des Bundesfinanzministeriums auf eine Kleine Anfrage der Linken-Fraktion im Bundestag hervor, die SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Die Zinszusatzreserve wurde 2011 eingeführt, weil es den Versicherern zunehmend schwerfällt, die hohen Zinsen zu erwirtschaften, die sie ihren Kunden einst versprochen haben. Noch im Jahr 2000 warben die Unternehmen mit einem Garantiezins von vier Prozent, doch danach ging es bergab. Seit Januar 2015 dürfen die Unternehmen ihren Kunden nur noch höchstens 1,25 Prozent fest versprechen. Die Begrenzung soll sie davor schützen, irgendwann zahlungsunfähig zu werden.

Um die hohen Zinsversprechen aus den alten Verträgen weiter erfüllen zu können, zwingt die Finanzaufsicht die Versicherer, die Zinszusatzreserve zu bilden. Das Geld verbleibt dabei im Unternehmen. Für welche Altverträge solche Reserven zu bilden sind, richtet sich dabei nach dem aktuellen Durchschnitt der Rendite europäischer Staatsanleihen.

Da diese Rendite im Zuge der lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank zuletzt stark gefallen ist, müssen die Versicherer immer mehr Geld in den Puffer stecken. Mittlerweile müssen sie bereits für Verträge mit einer Garantieverzinsung von 3,25 Prozent vorsorgen. Wenn sich das Zinsumfeld wieder bessert, kann die Reserve theoretisch nach und nach wieder aufgelöst werden.

"Die Versicherer bunkern das Geld der Versicherten"

Das Problem der Reservepflicht: Je mehr Geld in den Krisentopf eines Unternehmens fließt, desto geringer fallen die Überschüsse aus, die an die aktuellen Kunden verteilt werden können. Um die hohen Garantieversprechen an die Altkunden zu erfüllen, muss also die ohnehin nicht üppige Überschussbeteiligung der neuen Kunden weiter gesenkt werden.

Kritiker bemängeln zudem, dass die Gelder, die in die Zusatzreserve fließen, keine Eigenmittel des Unternehmens, sondern zum Großteil Beiträge der aktuellen Versicherten sind. "Die Versicherer bunkern das Geld der Versicherten und rechnen sich selbst arm", sagt die Linken-Abgeordnete Susanna Karawanskij. Dass es auch anders gehe, zeige das Beispiel Österreich. "Dort ist es den Versicherungsunternehmen ausdrücklich untersagt, dass sie die Zinsreserve aus Beiträgen Versicherter aufbauen", sagt Karawanskij. Eine solche Regelung brauche man auch in Deutschland.

"Erhebliche Belastung der Ertragslage"

Auch die Versicherer selbst sind nicht glücklich mit der Reserve. Um die Mittel dafür aufzubringen, müssen sie häufig alte, noch gut verzinste Papiere verkaufen - wodurch die Überschüsse weiter sinken. Die Reserve sei in einem völlig anderen Zinsumfeld konzipiert worden, moniert der Branchenverband GDV - und fordert Änderungen.

In der Tat dürften angesichts der ultraniedrigen Zinsen in den kommenden Jahren noch höhere Belastungen durch die Reservepflicht auf die Unternehmen zukommen. Ein "erheblicher Anstieg" der Reserve sei absehbar, heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage der Linken-Fraktion. Man sei sich "bewusst, dass eine erhebliche Belastung auf die Ertragslage der Lebensversicherungsunternehmen zukommt". Dennoch sei ein weiterer Ausbau der Zinszusatzreserve notwendig, "weil sonst in der Zeit nach 2019 die Erfüllbarkeit der Lebensversicherungsverträge stark gefährdet wäre".

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