23.11.2017

Thyssenkrupp-Chef hält an Spartenfusion fest

Das ungeliebte Stahlgeschäft treibt Thyssenkrupp-Gewinn

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"Davon lassen wir uns nicht blenden": Thyssenkrupp-Chef Heinrich Hiesinger nimmt die guten Zahlen der Stahlsparte zur Kenntnis, hält aber an der Fusion mit Tata Steel fest

Ausgerechnet das ungeliebte europäische Stahlgeschäft hat Thyssenkrupp im abgelaufenen Geschäftsjahr zu einem höheren operativen Gewinn verholfen. Davon will sich Heinrich Hiesinger aber "nicht blenden" lassen, wie er sagt. Der Vorstandschef bleibt hart, setzt trotz aller Proteste auf einen Zusammenschluss des Stahlgeschäfts mit Konkurrenten Tata Steel.

Thyssenkrupp-Chef Heinrich Hiesinger will trotz besserer Ergebnisse die Stahlsparte 2018 in ein Joint Venture mit dem Konkurrenten Tata Steel abschieben. Natürlich freue er sich über das derzeit positive Marktumfeld für die Schwerindustrie, sagte der Manager am Donnerstag bei der Bilanz-Pressekonferenz. "Aber davon lassen wir uns nicht blenden." Die strukturellen Probleme der Branche in Europa seien ungelöst. Im Flachstahlbereich gebe es immer noch erhebliche Überkapazitäten. Gegen die Fusionspläne gingen zeitgleich die Stahlkocher des Konzerns auf die Straße.

Ausgerechnet das ungeliebte europäische Stahlgeschäft hatte Thyssenkrupp im abgelaufenen Geschäftjahr maßgeblich zu einem höheren operativen Gewinn verholfen. Der um Sondereffekte bereinigte Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) des Konzerns kletterte 2016/17 (Ende September) um ein knappes Drittel auf 1,9 Milliarden Euro. Die Stahlsparte verbesserte dank gestiegener Preise ihren operativen Gewinn um rund Dreiviertel auf 574 Millionen Euro.

Im Video: Thyssenkrupp-Mitarbeiter demonstrieren gegen Fusion

In dem Joint Venture mit Tata würden keine Maßnahmen ergriffen, die es nicht ohnehin geben würde, sagte Hiesinger. Im Gegenteil, die Belastungen würden wohl sogar geringer ausfallen. "Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir im Dialog mit den Arbeitnehmervertretern eine gute Lösung finden werden."

Im fortgeführten Geschäft, sprich ohne die mittlerweile verkauften Stahlgeschäfte in Amerika, verbesserte sich das bereinigte Ebit um 15 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro. Dabei profitierte der Konzern auch von höheren Einsparungen als geplant.

Unter dem Strich bleibt ein Verlust

Dennoch stand im Ende September abgeschlossenen Geschäftsjahr netto ein Verlust von 649 Millionen Euro. Hintergrund ist die Abschreibung von 900 Millionen Euro auf das mittlerweile verkaufte brasilianische Stahlwerk, die Thyssenkrupp im ersten Halbjahr vorgenommen hatte. Im fortgeführten Geschäft sank das Nettoergebnis um fast ein Drittel auf 212 Millionen Euro. Die Aktionäre sollen eine unveränderte Dividende von 0,15 Euro je Aktie erhalten.

Wegen der Fusionspläne ist beim größten deutschen Stahlkonzern seit anderthalb Jahren Druck im Kessel. Die Gespräche mit dem Management hätten überhaupt keine Klarheit gebracht, hatte der Vize-Aufsichtsratschef von Thyssenkrupp Steel Europe, Detlef Wetzel, kritisiert. "Mein Eindruck ist, dass das so nichts wird. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt könnten wir einem Joint Venture nicht zustimmen." Der Vorstand müsse sich stark bewegen, um die Forderungen der IG Metall zu erfüllen.

IG Metall will der Zusammenlegung gegenwärtig nicht zustimmen

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Der Streit um die Stahlsparte von ThyssenKrupp geht in die Endphase. Der Konzern hat mit Tata Steel eine Absichtserklärung unterzeichnet, nach der Thyssens Stahlgeschäft mit jenem des indischen Konkurrenten fusioniert werden soll. Ob es tatsächlich so kommt, hängt allerdings von der Zustimmung des Aufsichtsrats ab, in dem die Arbeitnehmerseite, die dem Vorhaben kritisch gegenübersteht, die Hälfte der Sitze hat. Weitere Beteiligte am Ringen um Thyssens Stahlbereich sind beispielsweise die Großaktionäre sowie die Politik. Hier der Überblick darüber, wer in der Causa welches Interesse verfolgt:

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ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger:
Hiesinger will den Konzern eigentlich als Ganzes erhalten, versucht aber dennoch seit zwei Jahren, das Stahlgeschäft herauszulösen. Der Grund: Die Stahlbranche durchlief in den vergangenen Jahren eine Krise, in der ein weltweites Überangebot die Preise in den Keller rutschen ließ. Zuletzt gab es zwar Zeichen der Besserung, das Geschäft gilt jedoch weiterhin als hochvolatil und wirft keine üppigen Margen ab.
Hiesinger hält daher offenbar die Konsolidierung der Branche für den richtigen Weg - und mit dem Tata-Deal könnte er aktiv daran teilnehmen. Scheitert das Vorhaben, könnte das nach aller Anstrengung zudem auch Konsequenzen für Hiesingers Karriere haben.

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Krupp-Stiftungs-Chefin Ursula Gather:
Hauptaktionär von ThyssenKrupp ist mit 23 Prozent der Anteile die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung (kurz: Krupp-Stiftung), die auch zwei Mitglieder in den ThyssenKrupp-Aufsichtsrat entsandt hat. Die Dividenden aus dieser Beteiligung dienen der Stiftung als wichtige Geldquelle, aus der sie ihre Projekte und Förderungen finanziert.
Stiftungs-Chefin Gather stand zwar auf Anfrage für ein Statement nicht zur Verfügung. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass die Stiftung eine ähnliche Linie vertritt, wie Konzernchef Hiesinger: Generell sollte der ThyssenKrupp-Konzern erhalten bleiben, dem Zusammenschluss der Stahlsparte mit Tata Steel dürften sich die Vertreter der Stiftung im Aufsichtsrat aber kaum widersetzen.

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Cevian-Deutschlandchef Jens Tischendorf:
Zweitgrößter Aktionär bei ThyssenKrupp ist mit gut 15 Prozent seit wenigen Jahren der Finanzinvestor Cevian aus Schweden, dessen Deutschland-Chef Jens Tischendorf auch einen Sitz im Aufsichtsrat des Konzerns hat.
Cevian galt lange als Unterstützer der Linie Hiesingers bei den Verhandlungen mit Tata Steel. Zuletzt hat der Großaktionär jedoch angeblich seine Haltung geändert. Anstelle des Tata-Deals favorisiere Cevian nun die komplette Aufspaltung des ThyssenKrupp-Konzerns, berichtete Bloomberg mit Verweis auf mit der Situation vertraute Personen.
Ein "Nein" Cevians gegen den Thyssen-Tata-Deal im Aufsichtsrat könnte fatale Folgen haben. Denn falls die Arbeitnehmer das Vorhaben im Kontrollgremium ablehnen sollten, wäre Konzernchef Hiesinger zumindest auf der Kapitalseite auf Einigkeit angewiesen.

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ThyssenKrupp-Betriebsratschef Wilhelm Segerath:
Von der Arbeitnehmerseite bekommt ThyssenKrupp-Chef Hiesinger viel Gegenwind auf seinem Kurs zur Verschmelzung der Stahlsparte des Konzerns mit Tata Steel. Die Beschäftigten - rund 22.000 arbeiten noch in den Thyssen-Stahlwerken in Duisburg und Bochum - fürchten um ihre Jobs und um die bislang bestehenden Möglichkeiten zur Mitbestimmung. Tatsächlich rechnen Thyssen und Tata bei dem Deal mit Synergieeffekten von 400 bis 600 Millionen Euro. Durch den Zusammenschluss würden bis zu 2000 Jobs in der Verwaltung wegfallen und möglicherweise bis zu 2000 weitere in der Produktion. Die Lasten sollen beide Partner etwa zu gleichen Teilen tragen.
Am Freitag wollen die Stahlarbeiter in Bochum demonstrieren. Medienberichten zufolge bevorzugen die Arbeitnehmer sowie die IG Metall die Option, ThyssenKrupp-Stahl in eine Deutsche Stahl AG einzubringen, gemeinsam mit anderen Branchenfirmen. Diese Pläne sind aber nicht alles andere als konkret. Zuletzt sprachen Thyssens Betriebsräte denn auch weniger von Opposition gegen das Tata-Vorhaben, als von der Notwendigkeit, die "schlechte Entscheidung mitzugestalten".

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Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet:
Die Nordrhein-westfälische Schwarz-Gelbe-Landesregierung, die das Thema nicht zuletzt aufgrund der bevorstehenden Bundestagswahl wohl sehr sensibel behandeln sollte, hat sich bereits für den Deal mit Tata ausgesprochen. "Wir haben mit der möglichen Fusion mit Tata die Chance, mit einem starken Partner in Europa zusammengehen zu können", sagte NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) kürzlich im Düsseldorfer Landtag. Die SPD dagegen ist gegen das Vorhaben und mahnt an, andere Optionen zu prüfen.

Die Gewerkschaft fordert unter anderem langfristige Garantien für die rund 27.000 Beschäftigten und die Standorte. Der Betriebsrat befürchtet den Abbau zahlreicher Arbeitsplätze. Am Donnerstag wollten im rheinland-pfälzischen Andernach Tausende Stahlkocher gegen die Pläne demonstrieren - Thyssenkrupp betreibt dort ein Weißblechwerk. Auf der Kundgebung sollte auch SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles sprechen.

Im neuen Geschäftsjahr will Thyssenkrupp seine gute operative Entwicklung fortsetzen und seine Gewinne weiter erhöhen. Das bereinigte operative Ergebnis (Ebit) soll 2017/18 auf 1,8 bis 2,0 Milliarden Euro im Vergleich zu den 1,7 Milliarden Euro aus dem fortgeführten Geschäft im Vorjahr zulegen. Analysten rechnen im Schnitt mit 2 Milliarden. Der Jahresüberschuss soll deutlich positiv sein und über dem Vorjahreswert liegen.

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