Montag, 20. August 2018

Die unsinnige Zerschlagungsdebatte ThyssenKrupp - die Zukunft ist der Siemens-Weg

ThyssenKrupp:

Als Heinrich Hiesinger als Thyssenkrupp-Chef zurücktrat, wusste er, was er tat. Ja, sagte er zu Vertrauten, das könne zu Chaos führen. Aber das werde auch etwas Gutes mit sich bringen: Die Anteilseigner müssten sich zusammenraufen und dann eine gemeinsame Strategie verfolgen. Der Literaturwissenschaftler spricht in solchen Fällen von Katharsis, definiert als Läuterung der Seele von Leidenschaften, die treibende Kraft eines klassischen Trauerspiels.

Sicher ist: Wir erleben beim Ruhrkonzern ein Trauerspiel, spätestens seit dem Rücktritt des Aufsichtsratsvorsitzenden Ulrich Lehner, der Freund und Feind überraschte und die ihm anvertraute Firma kopflos zurückließ. Noch unklar ist, ob es auch zur Läuterung kommt. Die Chancen indes stehen - entgegen der weitverbreiteten Meinung - nicht schlecht. Es gibt ein Leben für Thyssenkrupp Börsen-Chart zeigen nach Heinrich Hiesinger, es könnte sogar lang sein und lebenswert.

Dazu jedoch muss die öffentlich und intern eher grob geführte Diskussion um Erhaltung der Einheit kontra Zerschlagung der Firma einer realitätsnäheren Debatte weichen. Denn zwischen diesen beiden unwirtlichen Polen liegt eine Welt, die man nur betreten muss.

Die Einheit ist eine Fiktion

Der Nordpol heißt: Die Einheit der Firma. Sie zu wahren ist die Aufgabe des Hauptaktionärs Krupp-Stiftung. Das kann jedoch nicht heißen, dass alles so bleibt, wie es ist. Thyssenkrupp selbst ist aus einer Fülle von Abspaltungen und Übernahmen entstanden, und Hiesinger hat zuletzt mit dem Stahl-Joint-Venture (mit Tata) den früheren Kern des Unternehmens ausgelagert. Die Einheit ist also eine Fiktion, Satzungslyrik.

Der Südpol wäre: Die Zerschlagung des Konzerns. Sie sei das Ziel der Finanzinvestoren Cevian (mit etwa 18 Prozent beteiligt) und Elliott (unter 3 Prozent), heißt es. Vielfach wird darunter verstanden, dass die Aufzugsparte als wertvollster Unternehmensteil verkauft werden soll. Das aber wäre nicht vernünftig und wird im übrigen weder von Cevian noch von Elliott gefordert. Denn die Aufzugsparte könnte mit höheren Investitionen in ein paar Jahren deutlich besser dastehen als heute und damit wertvoller sein für die Anteilseigner.

Vorbild Siemens

Eigentlich ist die Zukunft von Thyssenkrupp recht einfach zu gestalten. Man muss die Zentrale stark verkleinern und den wichtigen Einheiten - neben den Aufzügen der Anlagenbau und der Automobilzulieferer - mehr Freiheiten und Geldmittel geben. Das kann man mit der geldwerten Entmachtung des Headquarters erreichen. Und etwa über Teil-Börsengänge beziehungsweise Joint Ventures, an denen man weiter die Mehrheit halten kann.

Ein Vorbild für diese Strategie ist Siemens. Dort hat Konzernchef Joe Kaeser die Medizintechnik abgespalten, die Windenergie mit Gamesa vereinigt und will nun die Züge mit Alstom fahren lassen. Die Essener können aber auch nur fünfzig Kilometer weiter nach Leverkusen schauen, wenn sie Inspiration suchen. Der frühere Chemie- und Pharmakonzern Bayer hat sein Portfolio in den letzten 15 Jahren weitgehend ausgetauscht. Ohne Chaos, ohne großen Krach, einfach nur mit vorausschauendem Handeln.

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