Dienstag, 25. September 2018

Hiesingers bewegender Brief an Thyssenkrupp-Mitarbeiter "Es war mir eine Ehre, dieses Unternehmen zu führen"

Heinrich Hiesinger: Kann und wird der Aufsichtsrat den Thyssenkrupp-Chef noch umstimmen?

Thyssenkrupp-Chef Heinrich Hiesinger will aufgeben, der Aufsichtsrat soll heute über den erbetenen Rückzug des Vorstandschefs entscheiden. Die Arbeitnehmer sind alles andere als erfreut über den Abgang des bei einzelnen Aktionären umstrittenen Managers. In einem bewegenden Brief an die Mitarbeiter begründet Hiesinger seinen Schritt näher, spricht ihnen Mut zu und seinen großen Dank aus.

Thyssenkrupp-Chef Heinrich Hiesinger schmeißt hin, und die Arbeitnehmer sind alarmiert. Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath warnte am späten Donnerstagabend vor einer Zerschlagung und einem Ausverkauf des Industriekonzerns. Er sehe die Gefahr, dass der Rest des Mischkonzerns von Finanzinvestoren nun zerschlagen werde, sagte Segerath. Der IG-Metall-Vertreter gehört dem Aufsichtsrat von Thyssenkrupp an, der an diesem Freitag über die Bitte Hiesingers über Auflösung seines Mandats als Vorstandschef entscheiden will.

Die IG Metall bedauerte den angekündigten Rücktritt von Hiesinger. "Auch wenn wir in der Sache oft unterschiedlicher Meinung waren - Herr Hiesinger ist ein integrer Mensch", sagte Detlef Wetzel, früherer IG-Metall-Chef und stellvertretender Aufsichtsratschef von Thyssenkrupp Steel, der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" (Freitag). Er bedauere, dass Hiesinger den Konzern verlassen wolle.

IG Metall und Hiesinger hatten lange um die Ausgliederung der Stahlsparte in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem indischen Tata-Konzern gerungen. Nachdem Hiesinger die Fusion nach zweijährigen Verhandlungen Ende vergangener Woche mit Tata besiegelt hatte, kündigte er am Donnerstagabend überraschend seinen Rückzug an.

In einem Brief an die Mitarbeiter erläuterte der Vorstandschef seine Beweggründe näher. "Diese Entscheidung habe ich mir nicht leicht gemacht - ganz im Gegenteil", zitiert die Nachrichtenagentur Reuters aus dem Brief. Der Manager verweist darauf, dass eine große Rückendeckung notwendig sei, um als Vorstand voranzukommen.

"Die breite Unterstützung der Aktionäre und im Aufsichtsrat war Grundlage für den Erfolg der strategischen Weiterentwicklung von Thyssenkrupp seit 2011, bei der wir uns immer gleichermaßen an den Interessen von Kunden, Mitarbeitern und Aktionären orientiert haben", schreibt der 58-Jährige.

Diese breite Unterstützung scheint dem Manager jetzt offensichtlich zu fehlen und betont zugleich:

"Das gemeinsame Verständnis von Vorstand, Aufsichtsrat und wesentlichen Aktionären über die strategische Ausrichtung von Thyssenkrupp war für mich eine wichtige Voraussetzung, um als Vorstandsvorsitzender Thyssenkrupp erfolgreich zu führen."

Hiesinger erinnert laut Reuters in dem Brief an die Fortschritte, die der Konzern seit der Krise durch das milliardenschwere Desaster im amerikanischen Stahlgeschäft gemacht habe. Mit dem beschlossenen Stahl-Joint-Venture mit Tata sei ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einem starken Industriekonzern erreicht worden.

Zum Abschluss spricht er den Beschäftigten Mut aus:

"Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Sie können stolz sein auf das, was Sie erreicht haben. Ich danke Ihnen allen von Herzen."

Bei seinen vielen Besuchen vor Ort, in den Werken, an den Standorten sei er immer wieder vom Einsatz und der Verbundenheit der Mitarbeiter tief beeindruckt gewesen:

"Bewahren Sie sich bitte diese Haltung. Bewahren Sie sich Ihre Zuversicht und Ihren Mut auf dem Weg nach vorne. Ich sage Danke. Es war mir eine Ehre, dieses Unternehmen zu führen."

Hiesinger war im Zuge der Fusion der Stahlsparte mit dem Konkurrenten Tata zuletzt immer wieder unter Druck geraten, weil Anteilseigner wie der US-Hedgefonds Elliott oder Cevian Capital aus Schweden mehr Tempo bei dem seit langem angekündigten Umbau des Ruhrkonzerns gefordert hatten. Einzelne Investoren wie der als aktivistisch geltende US-Investor Paul Singer und sein Hedgefonds Elliott hatten den Thyssenkrupp-Chef scharf attackiert.

Für Hiesinger, der seit sieben Jahren an der Spitze von Thyssenkrupp steht, war die Vereinbarung mit Tata ein lang erwarteter Befreiungsschlag. Die Stahlfusion soll den Weg für einen Konzernumbau ebnen. Die Strategie dafür soll bis Mitte Juli vorgelegt werden.

rei/dpa/Reuters

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