Freitag, 14. Dezember 2018

Tech-Standort "Deutschlands Rückstand wird sich auswachsen"

Große Hoffnungen ruhen auf der IT-Gründerszene in Berlin - doch Tech-Kapitale wie Seoul oder Tel Aviv sind viel weiter
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Große Hoffnungen ruhen auf der IT-Gründerszene in Berlin - doch Tech-Kapitale wie Seoul oder Tel Aviv sind viel weiter

Über die Startup-Metropole Berlin wird mehr geredet als darin investiert. Arndt Rautenberg, Ex-Telekom-Strategie-Chef und Berater für Finanzinvestoren, erklärt, warum sich das ändern könnte - und weshalb selbst deutsche Mittelständler jetzt gerne Geld in Internet-Jungfirmen anlegen.

mm: Die deutsche Startup-Szene, vor allem in Berlin, wird viel gefeiert - große Exits hat sie bis heute aber nicht hervorgebracht. Woran liegt das?

Arndt Rautenberg: Ganz so langweilig geht es in Deutschland auch nicht zu. Der US-Finanzinvestor Hellman & Friedman übernimmt in diesen Tagen die Mehrheit an der Scout24-Gruppe von der Deutschen Telekom Börsen-Chart zeigen und taxiert den Wert des Unternehmens dabei auf zwei Milliarden Euro. Das entspricht rund dem 25-Fachen des Jahresgewinns.

mm: Ausnahmen bestätigen die Regel?

Rautenberg: Der deutsche Technologie-Markt ist noch nicht groß genug für teure Exits verglichen etwa mit den USA. Internet-Firmen können dort meist auf mehr Kunden und damit mehr Umsatz verweisen, der Heimatmarkt ist für Gründer ungleich größer. Und die Tech-Welt ist, was den Glauben an die Zukunftschancen junger Firmen anbelangt, außerhalb Deutschlands noch immer optimistischer.

mm: Ist das nicht ein Klischee?

Rautenberg: Eines, das die Wirklichkeit leider bestätigt. Nehmen wir das Beispiel Snapchat.

mm: Das ist das bei Jugendlichen populäre Netzwerk, bei dem man sich Fotos zuschicken kann, die sich sofort wieder auflösen - und das bisher kein Geschäftsmodell vorzuweisen hat?

Rautenberg: Das wird doch über die meisten jungen Internetfirmen gesagt - seinerzeit selbst bei Google Maps. Und später wachsen daraus echte Umsatzstürmer heran. Snapchat wird in den USA gefeiert. Hier heißt es, so etwas brauche kein Mensch. Potenziellen Investoren hierzulande fehlt oft noch das Verständnis und die Affinität für die Tech-Branche. Viele Entscheider gehören hierzulande einer Generation an, die mit Technologie-Startups wenig anfangen kann.

mm: Die Tech-Kapitale Berlin ist also mehr Hype als Realität? Wie sollen so die großen Exits und Erfolgsgeschichten überhaupt entstehen?

Rautenberg: Wenn man in Deutschland ein Startup gründen möchte, ist Berlin sicherlich einer der besten Orte dafür. Vergleicht man die Stadt allerdings mit anderen Tech-Zentren weltweit wie etwa Tel Aviv oder Seoul - vom Silicon Valley ganz zu schweigen - dann sind diese IT-Ballungsgebiete einfach viel weiter entwickelt. Dort vibriert massiv größere ökonomische wie innovative Kraft.

mm: Ihr Rat an die Berliner Tech-Gründer lautet also: Zieht lieber weiter?

Rautenberg: Das wäre ein völlig falscher Ansatz. Berlin braucht noch ein paar Jahre, um zu reifen. Die nächste Generation an Investoren legt doch gerade erst richtig los, Unternehmer wie etwa die Samwer-Brüder mit ihrem Inkubator Rocket Internet oder der Xing-Gründer Lars Hinrichs. Solche Geldgeber sind mit dem Internet aufgewachsen und haben selbst Erfolgsgeschichten geschrieben. Und diese Gründergeneration ist sehr gut vernetzt mit anderen Tech-Hochburgen in Asien oder den USA. Deutschlands Rückstand wird sich also auswachsen, die Tech-Community ist global.

mm: Klassische Wagnisfonds aus den USA haben zum Teil schon in deutsche Startups investiert. Kommen als nächstes nun auch die Private-Equity-Investoren nach Berlin?

Rautenberg: In den USA gibt es eine ganze Reihe an Finanzinvestoren, die auf den Technologie-Sektor fokussiert sind. Für die kommt Deutschland in der Tat zunehmend in Frage, da der amerikanische Markt nahezu abgegrast ist. Gute Investments sind dort entsprechend selten und teuer, davon könnte Deutschland 2014 profitieren. Viele dieser US-Finanzinvestoren sehen sich derzeit gezielt nach deutschen Mitarbeitern um.

mm: Wer sondiert noch die deutsche Tech-Branche?

Rautenberg: Ein klarer Trend liegt bei den Family Offices, den Vermögensverwaltern der Wohlhabenden dieser Welt. Ob aus Europa, Asien oder Nahost - viele suchen jetzt nach Einstiegsmöglichkeiten bei deutschen Startups.

mm: Und die deutschen Reichen?

Rautenberg: Auch unter ihnen spricht sich herum, dass zu einer guten Investitionsstrategie auch Technologie und somit Start-ups gehören. Gerade die großen Unternehmerfamilien aus dem Mittelstand zeigen vermehrt Interesse an den Jungfirmen.

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