Dienstag, 30. August 2016

Tata-Steel-Europachef Karl Köhler zum Klimaschutz "Die Gefahr besteht, dass wir außer Landes gejagt werden"

Karl-Ulrich Köhler: "Chinesischer Stahl ist schon ein erheblicher Wettbewerbsfaktor. Die Hersteller dort müssen nichts für die Emissionen bezahlen", beklagt der Chef von Tata Steel Europe
Tata Steel / Karl-Ulrich Köhler
Karl-Ulrich Köhler: "Chinesischer Stahl ist schon ein erheblicher Wettbewerbsfaktor. Die Hersteller dort müssen nichts für die Emissionen bezahlen", beklagt der Chef von Tata Steel Europe
Karl-Ulrich Köhler (59) ist ein Veteran der Stahlindustrie. Beim Ruhrkonzern ThyssenKrupp führte er bis 2009 die Stahlsparte. Nach deren Debakel mit Werksneubauten in Brasilien und den USA heuerte er als Europachef beim indischen Wettbewerber Tata Steel an, mit britischen und niederländischen Werken die Nummer zwei der Branche auf dem Kontinent (nach ArcelorMittal). 2014 erreichte Tata Steel Europe schwarze Zahlen. Dennoch bleibt die Frage akut, ob die Schwerindustrie, die Europas Wohlstand begründete, hier noch eine Zukunft hat.

manager-magazin.de: Herr Köhler, die EU hat neue Pläne für den CO2-Markt bis 2030 vorgestellt, um ihre Klimaschutzziele zu erreichen. Die Stahlbranche, einer der großen Emittenten von CO2, schreit auf. Lässt sich die Grundlage unserer Industrie einfach nicht vereinbaren mit einer grünen Zukunft?

Köhler: Die Verantwortung für das Gleichgewicht in der Natur wird von unserer Industrie verstanden und erkannt. Eine Vorbildrolle im Klimaschutz zu übernehmen, ist ein gutes Ziel - als Richtung, aber man muss das Maß im Auge behalten.

Die Gefahr besteht, dass die Unternehmen mit dem besten Stand der Technik hier in Europa - unseres ist eins davon - außer Landes gejagt werden, weil sie unerfüllbare Ziele und auch noch hohe Kosten auferlegt bekommen. Stahl wird hier weiterhin gebraucht, aber die Produktion findet dann anderswo statt.

Karl-Ulrich Köhler
  • Copyright: Samuel Ashfield / Tata Steel
    Samuel Ashfield / Tata Steel
    Karl-Ulrich Köhler ist Chef von Tata Steel Europe.
mm.de: Stahl wird schon zu mehr als der Hälfte in China produziert - und die dort in den vergangenen Jahren aufgebauten Werke mit ihren gewaltigen Überkapazitäten wissen kaum noch, wohin mit ihrer Ware.

Köhler: Chinesischer Stahl ist schon ein erheblicher Wettbewerbsfaktor in Europa, die Importe steigen ständig. Der Transport um den Globus kostet ja bei den heutigen Frachtraten fast nichts. CO2 wird dabei nicht weniger freigesetzt. Die Hersteller dort müssen aber nichts für die Emissionen zahlen.

mm.de: Sie doch auch kaum. Ist der Preis im Emissionshandel nicht auch deshalb gefallen, weil die großen Stahlhersteller viel mehr CO2-Zertifikate umsonst zugeteilt bekamen, als sie für ihre Produktion brauchten?

Köhler: Das war so in der Phase der Weltwirtschaftskrise, als unsere Produktion deutlich nach unten gedrückt wurde. Wenn keiner mehr produziert, fällt auch kein CO2 an. Wirtschaftlich war das aber nicht besonders gesund. Jetzt ist es anders. In diesem Jahr muss allein unser Werk im holländischen Ijmuiden für fast 10 Prozent des Stahls, den wir produzieren, CO2-Zertifikate zukaufen. Das ist ein klarer Standortnachteil.

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