Montag, 20. November 2017

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 Jobabbau in Kraftwerksparte Siemens-Chef Kaeser kündigt "schmerzhafte Einschnitte" an

Siemens-Generatorenwerk in Erfurt: "Wenn dieses Geschäft eine Zukunft haben soll, dann müssen wir reagieren"

Siemens-Chef Joe Kaeser hat "schmerzhafte Einschnitte" beim schwächelnden Kraftwerksgeschäft angekündigt. "Wenn dieses Geschäft eine Zukunft haben soll, dann müssen wir reagieren", sagte er am Donnerstag bei der Bilanzpressekonferenz in München. Die Sparte kämpfe seit längerem "mit sehr schwierigen Marktverhältnissen". Siemens müsse die Kapazitäten senken.

Der Markt für große Gasturbinen schrumpfe seit Jahren und habe sich seit 2010 mehr als halbiert. Erneuerbare Energien und der Trend zur dezentralen Energieversorgung sind für den Nachfrageschwund verantwortlich und sorgen für Preisdruck und Überkapazitäten.

Zwar werde es weiterhin einen weltweiten Markt für große Gasturbinen geben - dieser werde jedoch deutlich kleiner sein, so Kaeser. Zudem werde sich die Nachfrage Richtung Asien, Lateinamerika und Afrika verschieben. "Daher müssen wir jetzt handeln." Laut Kaeser sind in den vergangenen drei Jahren gerade einmal zwei große Gasturbinen bestellt worden.

Die Arbeitnehmerverteter sollen am 16. November über Details informiert werden. In Deutschland hat die Kraftwerkssparte von Siemens Standorte in Mülheim, Offenbach, Erlangen, Berlin, Leipzig, Essen, Duisburg, Erfurt und Görlitz. Inklusive Service sind in Deutschland rund 16.000 Menschen in der Sparte beschäftigt.

Ergebnis im Industriegeschäft minus 10 Prozent, Power & Gas minus 40 Prozent

Siemens Börsen-Chart zeigen hat im vierten Quartal operativ Federn lassen müssen, seine Gesamtjahresziele aber erreicht. Die Kraftwerks- und die kürzlich fusionierte Windkraft-Sparte haben den Technologiekonzern belastet. Das Ergebnis aus dem industriellen Geschäft ging deshalb um zehn Prozent auf 2,2 Milliarden Euro zurück, wie der Industriekonzern am Donnerstag in München mitteilte.

Siemens verfehlte damit die Erwartungen der von Reuters befragten Analysten deutlich. Die Aktie des Konzerns gab im frühen Handel um knapp 3 Prozent nach.

In der Sparte Power & Gas brach das Ergebnis um 40 Prozent ein, Siemens Gamesa schrieb sogar Verlust. "Die meisten Geschäfte sind so stark wie nie", sagte Vorstandschef Joe Kaeser vor der Bilanzpressekonferenz. "Dennoch haben wir in einzelnen Geschäften strukturelle Aufgaben zu bewältigen."

Der spanisch-deutsche Windkraftkonzern Siemens Gamesa hat die Streichung von 6000 Arbeitsplätzen angekündigt, auch in der Siemens-Kraftwerkssparte wird der Abbau von mehreren tausend Stellen erwartet. Die Kosten für diese Maßnahmen hat Siemens aus den Prognosen für das neue Geschäftsjahr 2017/18 (zum 30. September) ausgeklammert. Die Umsatzrendite im industriellen Geschäft soll wie 2016/17 zwischen elf und zwölf Prozent liegen, das Ergebnis je Aktie bei 7,20 bis 7,70 Euro.

Im vergangenen Geschäftsjahr verdiente Siemens unter dem Strich knapp 6,1 Milliarden Euro, nach 5,5 Milliarden Euro im Vorjahr. Der Umsatz legte von 79,6 Milliarden auf 83 Milliarden Euro zu. Konzernchef Joe Kaeser sprach von hervorragenden Ergebnissen, die sogar noch über dem historischen Erfolg des vorangegangenen Jahres lägen. "Dennoch haben wir in einzelnen Geschäften strukturelle Aufgaben zu bewältigen", erklärte Kaeser mit Blick auf die anstehenden Einschnitte.

Stellenabbau zum Teil mit Neueinstellungen kompensieren

Siemens will den drohenden Stellenabbau in der Kraftwerkssparte zumindest teilweise mit Neueinstellungen in anderen Konzernsparten kompensieren. Im neuen Geschäftsjahr werde es weltweit 30.000 bis 33.000 neue Einstellungen geben, davon etwa 4000 bis 5000 in Deutschland, sagte Konzernchef Joe Kaeser am Donnerstag im Fernsehsender n-tv. Mit einer "konstruktiven und lösungsorientierten" Haltung gehe er davon aus, dass "viele" Mitarbeiter aus der Kraftwerkssparte konzernintern übernommen werden können.

Kaeser sagte, dies könne etwa durch Fortbildungen gelingen. In einem wachsenden, aufstrebenden Unternehmen gebe es viele Möglichkeiten. Zu den konkreten Einschnitten der kriselnden Sparte äußerte sich der Siemens-Chef nicht, es wird erwartet, dass nach einer Sitzung des Wirtschaftsausschusses am 16. November Entscheidungen bekannt gegeben werden.

Dass Belegschaftsvertreter der Siemens-Spitze mangelnde Kommunikation vorgeworfen haben, kritisierte Kaeser. Es habe bereits am 23. Oktober Gespräche gegeben, in denen das Management seine Pläne zu erklären versucht habe. Wichtig sei, dass in einem Konzern miteinander und nicht übereinander geredet werde. "Ganz offensichtlich machen das andere anders", sagte Kaeser zu einem gerade veröffentlichten offenen Brief, in dem die IG Metall und der Gesamtbetriebsrat die Konzernführung scharf angegriffen hatten.

Die befürchteten Stellenstreichungen in der Kraftwerkssparte sorgen für wachsende Unruhe. Am Mittwoch warnten auch die Regierungschefs von Berlin (Michael Müller/SPD), Brandenburg (Dietmar Woidke/SPD), Sachsen (Stanislaw Tillich/CDU) und Thüringen (Bodo Ramelow/Linke) den Konzern vor radikalen Einschnitten und möglichen strukturpolitischen Auswirkungen in Ostdeutschland. Dabei kritisierten sie auch, bislang von Siemens keine verlässlichen Informationen zu erhalten.

luk, dpa, reuters

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