14.11.2017

Schneller Konzernumbau

Wie Siemens General Electric schlägt

Von

DPA

Siemens-Chef Joe Kaeser, GE-Kollege John Flannery

Von John Flannery ist an diesem Montag ein demütiger Auftritt gefragt. Joe Kaesers Stern strahlt dafür umso heller. Während der neue Chef von General Electric den Investoren erklären muss, wie er den amerikanischen Industrieriesen wieder flott bekommen will, kann der Siemens-Boss den jüngsten Niedergang von GE als Beleg verwenden, dass sein eigener Kurs richtig sei.

"Beat GE" - diesen donnernden Schlachtruf gab "Mr Siemens" Heinrich von Pierer vor 15 Jahren vor, und damals klang es nach Größenwahn. Heute misst sich Siemens nicht mehr explizit am US-Rivalen, aber zumindest aus Aktionärssicht ist es geschafft.

Am Umsatz gemessen ist GE immer noch größer als Siemens, doch genau da liegt das Problem: Zu schwer wiegen die Konzernteile, deren Profite nicht ausreichen, um die üppige Dividende zu verdienen. Da passt es ins Bild, dass GE heute bei seiner Investorenkonferenz ankündigte, die Quartalsdividende von 24 auf 12 Cent zu halbieren: Flannery will auf diese Weise pro Quartal rund eine Milliarde Dollar im Unternehmen halten - Geld, dass GE dringend braucht.

Der Börsenwert von General Electric ist im laufenden Jahr um mehr als 40 Prozent geschrumpft, der von Siemens hält sich im Plus. Während die Industriemarge von General Electric im dritten Quartal auf 7,6 Prozent sank, konnte Siemens für das abgelaufene Geschäftsjahr 11,2 Prozent melden: Ziel erreicht! Die "Financial Times" zitiert einen Analysten von der Deutschen Bank, die beiden Wettbewerber seien "wie Tag und Nacht": "Bei Siemens ist die Frage, was sie mit ihrem überschüssigen Kapital anfangen. Bei GE, wie stark sie die Dividende kürzen."

Umbau ist nötig: Die Probleme bei GE stärken Kaesers Position

Angesichts dieser Erfolgszahlen stoßen Kaesers Pläne, tausende Stellen abzubauen, ganze Werke und Konzernsparten zur Disposition zu stellen, auf Unverständnis und Widerstand von Beschäftigten und Gewerkschaft. Da liefern die Turbulenzen des einst unerreichbaren Vorbilds GE für Kaeser eine willkommene Argumentationshilfe: Siemens hat in der Konzernstrategie alles richtig gemacht.

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Mit Siemens Mobility gibt der letzte große deutsche Bahnhersteller seine Eigenständigkeit auf. Dafür schafft die Fusion mit dem französischen Wettbewerber Alstom eine neue klare Nummer eins in Europa. Selbst im globalen Ranking zieht Siemens-Alstom weit nach vorn - und könnte noch weitere der wenigen verbliebenen Konkurrenten in seinen Sog ziehen.

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Für Siemens-Chef Joe Kaeser, der schon 2014 im französischen Präsidentenamt um Alstom buhlte, lohnt sich das Werben. Der Siemens-Konzern soll 50 Prozent des neuen Unternehmens behalten, das ähnlich wie Airbus im Flugzeugbau eine fast konkurrenzlose Macht in Europas Bahnindustrie wird.

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Die Führung bekommt Alstom-Chef Henri Poupart-Lafarge, die Zentrale soll bei Paris bleiben. Siemens übernimmt eine ähnliche Rolle wie in der Windkraftfusion mit der spanischen Gamesa: Maßgebliche finanzielle Beteiligung, Kontrolle über Aufsichtsrat und Teile des Managements.

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Zusammen kommt Siemens-Alstom nach eigenen Angaben auf 15,3 Milliarden Euro Jahresumsatz in der Bahntechnik. Neben den prestigeträchtigen Superzügen TGV und ICE, die bislang konkurrierten, will das Unternehmen vor allem mit der digitalen Signaltechnik von Siemens und Bahnservices punkten - hier sind in Europa mehr lukrative Aufträge zu erwarten als in rollendes Material.

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Kaeser verweist als Grund für die Fusion ausdrücklich auf "einen dominanten Player in Asien, der die Marktdynamik verändert": Der chinesische Staatskonzern CRRC, 2015 aus zwei Unternehmen fusioniert, hat mit seinem eigenen 400-km/h-Superzug Fuxing der westlichen Konkurrenz nach wenigen Jahren Starthilfe den Rang abgelaufen. Nach Zahl der produzierten Züge sind die Chinesen uneinholbar vorn - und drücken die Preise. Umsatzmäßig ist der Vorsprung mit laut Alstom 30,5 Milliarden Euro nicht ganz so groß.

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Den undankbaren dritten Platz behält Bombardier Transportation mit 6,8 Milliarden Euro. Der kanadische Konzern hätte seine in Berlin sitzende Bahntochter auch gerne bei Siemens angedockt, bis zuletzt war diese Option noch auf dem Tisch. Für die Deutsche Bahn und andere Kunden ist Bombardier als Lieferant die wichtigste verbliebene Alternative. Doch das von Daimler und ABB übernommene Massengeschäft - immerhin der größte Hersteller in Deutschland - bringt rote Zahlen. Wohin die laufende Sanierung führt, ist unklar.

BNSF Railway

Der ewige Siemens-Rivale General Electric ist in der Bahntechnik mit 4,3 Milliarden Euro Umsatz weit abgehängt, zumal Teile seines Geschäfts schon vor Jahren an Alstom und damit nun an Siemens gingen. Direkte Konkurrenten sind die Konzerne ohnehin kaum. GE rüstet in den USA vor allem die dort dominierenden Güterbahnen mit Diesel-Antrieb aus. In den Geschäft tummeln sich in ähnlicher Größenordnung auch noch weitere US-Firmen wie Caterpillar, Wabtec, Trinity Rail oder Greenbrier.

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Abgeschlagen ist mit 4,1 Milliarden Euro Bahntechnik-Umsatz Hitachi - trotz der japanischen Pionierrolle mit dem Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen und weiter hohen Investitionen in ein effizientes Bahnsystem. Andere Hersteller wie Kawasaki und Mitsubishi sind dort ebenfalls noch aktiv - scheuen aber den Kapitalaufwand für neue Megaprojekte wie eine Magnetschwebebahn. Hitachi hat 2015 auch noch den italienischen Hersteller Ansaldo Breda übernommen und damit die Auswahl auf dem europäischen Markt weiter ausgedünnt.

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Nur wenige der kleinen Wettbewerber schalten weiter auf Wachstum. Dazu zählt der Schweizer Hersteller Stadler, der 2015 Teile der Fahrzeugproduktion des eher auf Schienentechnik spezialisierten deutschen Unternehmens Vossloh übernahm.

Diesen Punkt müsste Joe Kaeser noch nicht einmal selbst setzen. "Die Deutschen zeigen GE, wo genau es schiefläuft", betitelt "Bloomberg" einen Artikel. Siemens habe sich rechtzeitig vom Anspruch eines umfassenden Industriekonglomerats verabschiedet und Geschäftsteile abgegeben oder nur noch lose angebunden.

Flannery, so viel hatte er zuvor schon angedeutet, wird nun Kaesers Beispiel folgen. GE soll Randgeschäfte von bis zu einem Fünftel des Konzernumsatzes aufgeben. Wenn es nach Finanzpresse und Analysten geht, soll ein radikalerer Wandel in Richtung einer Holding-Struktur folgen.

Damit niemandem der Kontrast zwischen den beiden Wettbewerbern entgeht, betonte Kaeser ihn bei der Präsentation der Geschäftszahlen: "Wir haben verstanden, dass althergebrachte Konglomerate keine Zukunft mehr haben." Andere - und da musste er keine Namen nennen, denn Philips oder Alstom hatten sich ja schon zuvor selbst zerlegt - "sind weniger aktiv dabei, ihre strategische Transformation zu gestalten. Das lässt sich auch an ihren Aktienkursen ablesen."

AP/dpa

Siemens-Chef Joe Kaeser peilt die Führung in der Windkraftindustrie an: Siemens, selbst bereits bei Offshore-Anlagen mit Abstand vorn, hat 2016 den spanischen Wettbewerber Gamesa übernommen. Zusammen reicht es - je nach Ranking - für einen der vorderen Plätze. Laut Bloomberg-Ranking kamen Gamesa und Siemens zusammen im vergangenen Jahr auf 6,4 Gigawatt neu installierte Leistung, fast gleichauf mit dem zweitplatzierten Erzrivalen General Electric. Die Branche ist ziemlich in Bewegung, und deutsche Hersteller drängen wieder nach vorn. Auch ...

Senvion

... die Hamburger Senvion (ehemals Repower) tritt nach einem Intermezzo mit indischen Besitzern und einem Kurzzeit-Finanzinvestor wieder eigenständig auf. Ex-Schaeffler-Chef Jürgen Geißinger führt jetzt die 2016 an die Börse gegangene Firma, die hart spart. Im Jahr kam sie nach eigenen Angaben auf 1,8 Gigawatt Neuanlagen. Das reicht so gerade für einen Platz in den globalen Top Ten - wenn Siemens und Gamesa zusammengezählt werden.

REUTERS

Platz 9: Ming Yang (China)

Das Unternehmen ist der größte chinesische Windradhersteller in Privatbesitz. Obwohl China seit Jahren den mit Abstand größten Absatzmarkt darstellt, marschiert die dortige Industrie auf dem Weltmarkt nicht richtig durch. Ming Yang ist fast ausschließlich auf dem Heimatmarkt aktiv.

Installierte Leistung 2016: 1960 Megawatt

Quelle: Bloomberg New Energy Finance 2017

envision

Platz 8: Envision (China)

Das Unternehmen mit Sitz in Shanghai verdankt seine Größe dem inzwischen wieder deutlich abgeflauten Windboom in China. Dort wurden im vergangenen Jahr Rotoren mit mehr als 23.000 Megawatt aufgestellt. Zum Vergleich: Der Bestand aller Windkraftanlagen in Deutschland liegt bei knapp 45.000 Megawatt. Doch die chinesische Giga-Zahl bedeutet einen Rückgang von einem Viertel gegenüber 2015.

Installierte Leistung 2016: 1990 Megawatt

Quelle: Bloomberg New Energy Finance 2017

REUTERS

Platz 7: Guodian (China)

Der staatliche Stromversorger ist selbst in den Bau von Windkraftanlagen eingestiegen, was in der Branche eher unüblich ist. Die wichtigste Anlage wurde vom Rendsburger Unternehmen Aerodyn entwickelt.

Installierte Leistung 2016: 2200 Megawatt

Quelle: Bloomberg New Energy Finance 2017

DPA

Platz 6: Nordex (Deutschland)

Das Rostocker Unternehmen, zuvor am Rand der Top Ten, hat einen großen Sprung nach vorn im Ranking gemacht. Die Firma hat sich um die Windkrafttochter des spanischen Baukonzerns Acciona verstärkt, während die reichste Deutsche Susanne Klatten ihre Anteile mit Gewinn verkaufte.

Installierte Leistung 2016: 2700 Megawatt

Quelle: Bloomberg New Energy Finance 2017

DPA

Platz 5: Enercon (Deutschland)

Einen etwas eigenwilligen Weg geht Enercon aus dem ostfriesischen Aurich. Technisch grenzte sich der deutsche Marktführer früh von der Konkurrenz ab und setzte auf getriebelose Anlagen und Betontürme. Vom Offshore-Boom hielt sich Enercon ebenso fern wie von USA oder China. Während sich andere dort die Finger verbrannten, konnten die Ostfriesen den fortgesetzten deutschen Bauboom genießen. Eigner Aloys Wobben hat das laut Milliardärsliste des manager magazins zum 18t-reichsten Deutschen gemacht.

Installierte Leistung 2016: 3500 Megawatt

Quelle: Bloomberg New Energy Finance 2017

Gamesa

Platz 4: Gamesa (Spanien)

Das Bloomberg-Ranking führt das baskische Unternehmen noch eigenständig auf - und es reicht für den 4. Rang. Früher standen die Spanier viel weiter vorn, bevor der Heimatmarkt völlig zusammenbrach. Der soll jetzt mit neuen Subventionen wiederbelebt werden - obwohl die dort gar nicht mehr für wirtschaftlichen Betrieb nötig sind.

Siemens

Platz 4: Siemens (Deutschland)

Die Münchener haben die Schwäche von Gamesa ausgenutzt und bekommen hohen Rabatt für die Aktien der Spanier. Besonders stark ist Siemens im Bereich Offshore - dort zieht der Technologiekonzern einsam seine Runden an der Weltspitze (wenn man die Siemens-Turbinen des chinesischen Lizenzfertigers Sewind einrechnet). Mit milliardenteuren technischen Problemen hat er dafür auch Lehrgeld gezahlt. Jetzt soll mit Größenvorteilen der Ertrag kommen - konzernintern ist die Sparte trotz schwarzer Zahlen eher renditeschwach.

Installierte Leistung 2016 Gamesa: 3700 Megawatt

Installierte Leistung 2016 Siemens: 2650 Megawatt

Installierte Leistung 2016 addiert: 6350 Megawatt

Quelle: Bloomberg New Energy Finance 2017

Getty Images

Platz 3: Goldwind (China)

Der chinesische Marktführer, im Vorjahr noch erstmals an die Weltspitze vorgestoßen, ist durch den Einbruch im Heimatmarkt wieder zurückgefallen. Und Goldwind ist zugleich der einzige namhafte Hersteller aus der Volksrepublik, der außerhalb des Heimatmarktes Fuß fasst (vor allem in Europa) - wenn auch erst in geringem Maß. Und Siemens zieht schon zu Beginn des Angriffs mit dem bisherigen Marktführer gleich.

Installierte Leistung 2016: 6450 Megawatt

Quelle: Bloomberg New Energy Finance 2017

AFP

Platz 2: General Electric (USA)

"Beat GE" - der ewige Traum der Siemensianer ist in der Windkraftbranche nah. Den US-Rivalen haben zahlreiche Übernahmen (unter anderem Tacke Wind, Enrons Windsparte) zu einer Wind-Weltmacht befördert.

Installierte Leistung 2016: 6500 Megawatt

Quelle: Bloomberg New Energy Finance 2017

DPA

Platz 1: Vestas (Dänemark)

Der dänische Pionier Vestas hat die Top-Position im Ranking, die ihm lange unbestritten war, wieder zurückerobert. Die Offshore-Sparte wurde zuvor in ein Joint-Venture mit Mitsubishi eingebracht.

Installierte Leistung 2016: 8700 Megawatt

Quelle: Bloomberg New Energy Finance 2017

Im Interview mit der "Financial Times" (kostenpflichtig) äußerte sich der Siemens-Chef sogar direkt über John Flannerys im August abgetretenen Amtsvorgänger Jeff Immelt: "Ich habe ihn niemals sagen gehört, 'Entschuldigung, ich lag falsch'. Nichts wird jemals besser, indem man die Realität ignoriert."

Jetzt wird GE von aktivistischen Investoren wie Nelson Peltz unter Druck gesetzt. Schon bei dessen Einstieg 2015 nahm Joe Kaeser das als Anlass zur Mahnung: "Wenn unsere Performance nicht stimmt, werden sie irgendwann kommen, da bin ich mir ganz sicher", sagte er damals dem SPIEGEL. Lieber selbst den Konzern auseinandernehmen, bevor man dazu gezwungen wird.

"Wenn die Performance nicht stimmt, werden sie irgendwann kommen"

Allerdings haben die beiden Konzerne auch ziemlich viel gemeinsam, nicht zuletzt ihre aktuellen Probleme - nur ist GE jeweils stärker betroffen. Beide leiden vor allem im traditionellen Kerngeschäft der Kraftwerksausrüstung unter der schwachen Nachfrage nach großen Turbinen. Die von beiden als Antwort auf die Energiewende ausgebaute Windkraftsparte muss jedoch zugleich mit einer wiederholten Flaute klarkommen. Und das Geschäft mit der Öl- und Gasindustrie, von beiden deutlich ausgebaut, leidet seit Jahren unter den schwachen Rohstoffpreisen.

Siemens-Boss Kaeser musste selbst schon viel Kritik für den Kauf des Ölindustrieausrüsters Dresser-Rand einstecken: zu teuer, zur Unzeit, gerade als der Ölpreis einbrach und in der Folge die Industrie ihre Investitionsbudgets kappte. GE seinerseits, in der Branche ohnehin schon stark exponiert, schluckte mit Baker Hughes einen ähnlich großen Brocken.

Die gewählte Struktur ähnelte der, die Kaeser in der Windkraft mit Gamesa oder dem Bahngeschäft mit Alstom wählt: Mehrheit und Kontrolle für GE, aber das Risiko geteilt mit Minderheitsaktionären und die Verantwortung bei einem formell selbständigen Management. Viel genützt hat es nicht.

Im Kraftwerksgeschäft langte GE bei Alstom noch stärker zu - und wird davon in der jetzigen Krise der Sparte noch stärker belastet als Siemens mit seinem angekündigten Abbau tausender Stellen. Die Deutschen können von Glück reden, dass sie mit ihrem eigenen Gebot für Alstom gegen GE unterlagen.

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