Samstag, 15. Dezember 2018

Neue Struktur ganz im Sinne der Kapitalmärkte Joe Kaeser verordnet Siemens letzten Radikalumbau

'Vision 2020+": Diesen zweiten radikalen Umbau werden Joe Kaesers Nachfolger beenden.

Siemens steht vor einem weiteren grundlegenden Umbau. Konzernchef Joe Kaeser will Sparten zusammenlegen und sich künftig auf drei operative Bereiche konzentrieren. Die einzelnen Geschäfte sollen mehr Freiheit bekommen. Der Konzern wird damit zusehends zur Holding. Kaeser verordnet den neuen Bereichen zugleich höhere Profitziele. Auch das ist ganz im Sinne der Kapitalmärkte.

Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser bereitet den Münchner Technologiekonzern mit einem erneuten Umbau auf die Zeit nach seinem Abschied vor. Aus den bisherigen fünf Industriesparten sollen drei weitgehend eigenständige Unternehmen werden. Das manager magazin hatte über die Pläne und die neue Struktur bereits in der Juli-Ausgabe exklusiv berichtet.

"Kern der Unternehmensstrategie 'Vision 2020+' ist, den einzelnen Geschäften deutlich mehr unternehmerische Freiheit unter der starken Marke Siemens zu geben", teilte Siemens nach einer Aufsichtsratssitzung am Mittwochabend mit. Damit sollen sie auf mittlere Sicht auch stärker wachsen und mehr Rendite abwerfen.

Zentrale speckt ab, Mitarbeiter werden verteilt

Die aus Zehntausenden Mitarbeitern bestehende Zentrale soll abgespeckt und die Beschäftigten auf die drei neuen Sparten verteilt werden. Die Zentrale soll sich künftig auf Kernaufgaben wie Finanzen, Recht, Personalwesen und Kommunikation beschränken. "Weniger Steuerung durch die Zentrale und mehr Freiheit für die Geschäfte machen uns stärker und flexibler", sagte Kaeser. Zudem wird eine neue Service-Einheit geschaffen, der unter anderem der Bereich finanzielle Dienstleistungen zugeordnet wird.

Für den 61-Jährigen ist es eine Art Vermächtnis: Sein Vertrag läuft bis Anfang 2021, die Umsetzung dieser Strategie dürfte weitgehend Sache seines Nachfolgers werden. Die Ziele der Vision 2020, mit der Kaeser vor vier Jahren angetreten war, seien weitgehend erreicht.

Kaeser folgt den Wünschen der Kapitalmärkte

Mit der neuen Konzernstruktur will Kaeser auf die Abneigung der Kapitalmärkte gegen Konglomerate reagieren und zugleich den Ängsten der Mitarbeiter vor einer Zerschlagung begegnen.

"Die Geschwindigkeit und Mächtigkeit der globalen Veränderungen nehmen zu und wir haben die Pflicht, diese zu antizipieren", sagte Kaeser weiter. Es wäre "unverantwortlich", sich auf erreichten Erfolgen auszuruhen. Die Digitalisierung sei die größte Veränderung in der Industriegeschichte. "Nicht die größten Unternehmen werden überleben, sondern die anpassungsfähigsten."

Die Arbeitnehmervertreter äußerten sich verhalten positiv. Der Weg sei grundsätzlich richtig, sagte Aufsichtsratsmitglied und IG-Metall-Vorstandsmitglied Jürgen Kerner. Aus Siemens dürfe aber keine Finanzholding werden. "Das Filetieren von Konzernen mit breitem Portfolio ist momentan zwar ein beliebtes Spiel der sogenannten Finanzmärkte, ein Unternehmen wie Siemens kann jedoch aus eigener Stärke agieren." Gesamtbetriebsratschefin Birgit Steinborn betonte, der Strukturwandel dürfe nicht zulasten der Belegschaft gehen.

Die drei etwa gleich großen Sparten sollen nicht aus München geführt werden. Das Energie- und Gasgeschäft mit rund 71.000 Mitarbeitern und 21 Milliarden Euro Umsatz lenkt Vorstand Lisa Davis aus Houston im US-Bundesstaat Texas, die Infrastruktursparte (Gebäudetechnik und Netze) führt Cedrik Neike aus Zug in der Schweiz, und das Aushängeschild Digital Industries steuert Klaus Helmrich aus Nürnberg.

Die Digital-Sparte will Siemens mit der der Übernahme des App-Entwicklers Mendix für 600 Millionen Euro ausbauen. Dessen Produkte sollen Siemens-Industriekunden helfen, Daten aus den eigenen Fabriken schneller zu erfassen und auszuwerten und die Digitalisierung der Produktion zu beschleunigen.

Die Medizintechnik-, Windkraft- und Zugsparte hatte Kaeser schon ausgegliedert. Die Töchter Siemens Healthineers und Siemens Gamesa sind bereits an der Börse notiert, die Zugsparte soll mit der französischen Alstom fusioniert werden und dann ebenfalls börsennotiert sein. Siemens hält an allen drei Firmen die Mehrheit.

Kaeser trimmt Sparten noch stärker auf Profit

Kaeser erhofft sich davon, dass Umsatz und Rendite im Industriegeschäft schneller wachsen als bisher. Der Umsatz soll mittelfristig jährlich um 4 bis 5 Prozent zulegen, das sind zwei Prozentpunkte mehr als bisher. Die Umsatzrendite soll bei 13 bis 14 Prozent liegen, bisher hatte sich Siemens 11 bis 12 Prozent zum Ziel gesetzt.

Die höchsten Renditen (Ebita-Marge) erwartet Kaeser künftig von Digital Industries: 17 bis 23 Prozent vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen. Bisher sind es 16 Prozent. Die Medizintechnik-Tochter Siemens Healthineers soll 17 bis 21 Prozent Rendite abwerfen.

Mehrere kleinere Problemfälle, etwa die Post- und Flughafen-Automatisierung, bündelt Siemens in einer eigenen Einheit. Dazu kommt nun auch die Tochter Flender, die mechanische Antriebe herstellt. Die Firmen mit zusammen fünf Milliarden Euro Umsatz und 21.000 Mitarbeitern sollen zentral gesteuert und auf Rendite getrimmt werden. Das Ziel sind fünf Prozent Umsatzrendite bis 2023. Zuletzt schrieben sie zusammen 300 Millionen Euro Verlust. Branchenkreisen zufolge könnten sie früher oder später verkauft werden.

rei/Reuters/dpa

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