Montag, 22. Januar 2018

Siemens-Chef Joe Kaeser übt Selbstkritik "Der Wert der Integration ist höher als ein Punkt Marge"

Kritik an Kaeser vor dem Siemens-Turbomaschinen-Werk in Leipzig: Doch so will sich der Siemens-Chef nicht sehen und verstanden wissen

Siemens will trotz Rekordgewinnen Tausende Stellen abbauen und Werke schließen. Dabei hat Konzern jetzt binnen 10 Tagen den zweiten Großauftrag für die betroffene Kraftwerkssparte an Land gezogen. Vorstandschef Joe Kaeser hält an seinen Plänen fest, gibt sich zugleich selbstkritisch - um dann den Spieß umzudrehen.

Siemens meldet jetzt binnen 10 Tagen einen weiteren Großauftrag für den Bau eines Gas- und Dampfkraftwerks. Nach einer 700 Millionen Euro schweren Bestellung aus Libyen zieht der Konzern nun für die schwächelnde Kraftwerkssparte einen 380 Millionen hohen Auftrag für den Bau eines Gas- und Dampfkraftwerks in Russland an Land.

Siemens-Chef Joe Kaeser will in der Kraftwerkssparte 6100 Arbeitsplätze streichen - gut die Hälfte davon in Deutschland. Die Sparte gehört noch zu den umsatzträchtigsten Geschäftsfeldern, aber der Markt für große Gasturbinen ist in den vergangenen Jahren um 40 Prozent, für Dampfturbinen um 70 Prozent geschrumpft.

Kaeser fordert deshalb den Betriebsrat und IG Metall auf, ihren Widerstand gegen Verhandlungen über Stellenabbau und Werksschließungen aufzugeben. Er wirft den Arbeitnehmervertretern vor, ihre Haltung gehe zu Lasten der über 3000 Mitarbeiter, deren Stellen wegfallen sollen: "Für die Menschen, die betroffen sind, ist es am Ende einfach unverantwortlich", sagte Kaeser.

Kaeser drohte am Montagabend zugleich damit, mit dem Stellenabbau auch ohne Verhandlungen zu beginnen. "Wenn sich bestimmte Partner im Gefüge (...) im Augenblick versperren und verwehren, (…) dann werden wir das zunächst einmal alleine (…) beginnen müssen", sagte Kaeser. Der Siemens-Chef betonte, dass das Unternehmen in anderen Bereichen gleichzeitig 12.000 bis 15.000 neue Stellen schaffen wolle.

Kaeser stört sich auch daran, dass Betriebsrat und IG Metall inzwischen zwar mit dem Siemens-Vorstand über die Pläne sprechen - aber das nicht als Verhandlungen bezeichnen. "Der einzige Grund, warum dieses Haarspalten jetzt gemacht wird, ist, dass man sich nicht korrigieren muss. Weil man einmal gesagt hat, wir verhandeln mit denen nicht, bevor sie die Schließungspläne nicht zurücknehmen", kritisierte Kaeser. "Das wird nicht helfen."

Der Siemens-Chef übte auch Selbstkritik: "Es gab einige Dinge, die nicht so toll waren, dass man Rekordergebnisse verkündet, und drei Wochen später kommt die Restrukturierung. Ich verstehe das, wenn die Menschen sagen, also irgendwie ist das jetzt Ackermann hoch zwei", sagte Kaeser mit Blick auf den früheren Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann und dessen hohe Renditevorgaben.

"Der Wert der Integration ist höher als ein Punkt Marge"

Der Gewinn soll nach Kaesers Worten bei Siemens nicht das alleinige Kriterium sein: "Der Wert der Integration der Gesellschaft ist höher als ein Punkt Marge oder zwei." Kaeser lud den Betriebsrat ausdrücklich zu Verhandlungen ein: "Die Tür ist offen."

Nach Kaesers Worten hätten die jüngsten Aufträge in der Kraftwerksparte keinen Einfluss auf die Gesamtsituation. Die Bundesrepublik werde nach Worten Kaesers von den Veränderungen in der industriellen Arbeitswelt besonders getroffen werden. "Wenn man's ganz harsch formuliert: Was bisher in dieser Siemens-Diskussion zum Ausdruck gekommen ist, ist das Versagen der Sozialpartner, sich auf Transformation gemeinschaftlich einzustellen."

Verweigerungshaltung wird nach Kaesers Argumentation aber kontraproduktiv: "Sonst wird uns diese vierte industrielle Revolution, diese ganze Digitalisierung (...) allen gemeinsam auf die Füße fallen."

Rei/dpa

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