Dienstag, 19. März 2019

Von wegen "great again" Siemens verdünnisiert sich heimlich

Siemens-Chef Joe Kaeser bei der Presse- und Analystenkonferenz am 2. August 2018

2. Teil: Kaeser tut, was er am besten kann - und zwar scheibchenweise

Tatsächlich tut Kaeser weiterhin das, was er am besten kann: Portfoliooptimierung. Und zwar scheibchenweise. So ist es für Arbeitnehmer und Öffentlichkeit verträglicher und bedient letztlich doch die Klientel, die Kaeser am nächsten steht: die Investoren.

Was aber ist das Beste für Siemens?

Dass sich der Konzern weiter wandeln muss, steht außer Frage. Aber muss es wirklich eine Selbstauflösung sein, wie sie von den Investoren gefordert wird?

In der Tat entwickelten sich viele von Siemens bereits ausgegliederte Geschäfte ohne die Fesseln des Großkonzerns besser als vorher, etwa die Halbleitersparte (Infineon) oder die Hörgeräte (Sivantos).

Aber gilt das wirklich für alle Geschäfte? Halten nicht gerade die Digitalisierung und Automatisierung viele der noch bestehenden Sparten zusammen? Und ist nicht auch die Marke ein Wert, der mit jeder weiteren Ausgliederung verwässert und verringert wird? Und gibt es nicht auch neue Geschäfte, die Siemens mit der Technologiekompetenz seiner Mitarbeiter und seiner Marke entwickeln und damit selber einen Markt schaffen könnte?

Der Siemens-Umbau im Video: Kaesers Vermächtnis

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Bild: Siemens via REUTERS

Leider finden diese Diskussionen dank Kaesers Kommunikationstaktik bisher nicht statt: jedenfalls nicht öffentlich und offenbar auch zu wenig im Aufsichtsrat. Der neue Chefkontrolleur Jim Hagemann Snabe kennt die Siemens-Geschäfte nicht bis in die Tiefe und ist primär darauf angewiesen, was ihm der Vorstand vorträgt. Da hat Siemens-Veteran Kaeser also leichtes Spiel. Als ehemaliger SAP-Co-CEO und Software-Mann dürfte Snabe grundsätzlich alles unterstützen, was den Tanker Siemens und seine Geschäfte wendiger macht.

Die Arbeitnehmer mit IG-Metall-Vorstand Jürgen Kerner und Betriebsratschefin Birgit Steinborn an der Spitze beschränken sich auf öffentliche Appelle wie, die Geschäfte müssten unter dem Siemens-Dach bleiben: "Den Weg in eine Holdingstruktur werden wir weiter nicht akzeptieren."

Zugleich stimmen sie einer Neuaufstellung zu, die den Weg zur Holding bereitet oder zumindest ermöglicht. Wie bei der Medizintechnik-Ausgliederung gehen sie abermals einen Weg mit, ohne das Ziel zu kennen. Warum bloß? Naivität ist ihnen kaum zu unterstellen. Also Machtkalkül?

Kaeser sagte heute: Fünf Jahre, nachdem er vom Finanzchef zum Vorstandschef aufstieg, sei Siemens wieder "great again".

Fragt sich nur, wie lange noch. Das toxische Holding-Wort nahm der Siemens-Chef während seiner 50-minütigen Rede nicht einmal in den Mund. Er wird wissen, warum.

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