Sonntag, 18. November 2018

Verkehrte Welt auf der Siemens-Hauptversammlung Kaeser unter Druck - Aktionäre springen Mitarbeitern bei

Siemens-Vorstände vor der Hauptversammlung in München: Konzernchef Kaeser (2. v. l.) und seine Kollegen bekamen viel Gegenwind für ihre Pläne mit der Kraftwerkssparte .

Joe Kaesers Radikalkur in Siemens' Kraftwerkssparte besorgt nicht nur Tausende Mitarbeiter überall in der Republik, sondern auch maßgebliche Aktionäre des Münchener Industrieriesen. In ungewöhnlicher Massivität und Einigkeit mahnten am Mittwoch in der Münchener Olympiahalle alle Sprecher der großen Fondsgesellschaften den Siemens-Chef, nicht voreilig Standorte zuzumachen, unvermeidbaren Stellenabbau sozialverträglich und im Konsens zu gestalten und die Kommunikation von Kürzungen in Zukunft zu verbessern.

"Deutsche Ingenieurskunst und deutsche Wertarbeit werden auch künftig am Weltmarkt gefragt sein, deshalb sollen nicht leichtfertig komplette Standorte geschlossen werden", sagte Ingo Speich von Union Investment. "Wir als Eigentümer tragen Verantwortung für die Mitarbeiter von Siemens", erklärte Winfried Mathes von der Deka, der Fondsgesellschaft der Sparkassen. "Man darf nicht alles der Rendite opfern, aber auch nicht das Unternehmen an sich gefährden", so Mathes unter aufbrandendem Applaus.

"Überzogene Gewinnerwartungen von uns Aktionären an die Sparte Power + Gas sind genauso falsch wie der Versuch einzelner, politisches Kapital aus dem Schicksal der Betroffenen zu schlagen", sagte Marcus Poppe vom Deutsche-Bank-Fondsverwalter Deutsche Asset Management. Der Vorstand solle bei seinen Entscheidungen nicht nur betriebswirtschaftliche, sondern auch politische Belange berücksichtigen. Michael Viehs vom britischen Fondsmanager Hermes stieß in dasselbe Horn: "Auch wenn der Stellenabbau in der Kraftwerkssparte ökonomisch unvermeidbar erscheint, fordern wir die Verwaltung auf, diesen so sozialverträglich und nachhaltig wie möglich durchzuführen."

Seit manager magazin vergangenen Oktober berichtet hatte, dass Siemens im unter Auftragsschwund leidenden Kraftwerksgeschäft Tausende Stellen abbauen und ganze Standorte dichtmachen will, reißen die Proteststürme nicht ab. Siemens bezifferte im November die Details. Seither scheinen in den Gesprächen mit der Arbeitnehmerseite die Fronten verhärtet. Statt Verhandlungen aufzunehmen, ist man nach wie vor im Status von "Sondierungen", die Personalvorstand Janina Kugel gleichwohl als "sachlich und konstruktiv" bezeichnete.


Demonstranten vor der Halle: Video zur Siemens-HV in München

Video abspielen
Bild: REUTERS

Am Montagmorgen standen vor der Olympiahalle Hunderte Mitarbeiter aus den von der Schließung bedrohten Standorten Görlitz, Erfurt und Offenbach Spalier, um die Aktionäre zu empfangen. Darunter waren viele hochqualifizierte Ingenieure, die nach eigenen Worten eigentlich vor lauter Arbeit gar keine Zeit für den München-Ausflug hatten. Eine Reihe betroffener Mitarbeiter traten auch im Saal als Redner auf und appellierten an Kaeser, ihr Know-how nicht zu verbrennen, sondern gemeinsam neue, innovative Geschäfte zu entwickeln.

Kaeser betonte, er wolle durch Requalifizierung Möglichkeiten schaffen, dies gehe aber nicht für jeden der betroffenen Jobs. Noch am Morgen hatte er vor Journalisten die Pläne für den Kahlschlag verteidigt. Im ersten Quartal des neuen Geschäftsjahres schrumpfte der Umsatz des Kraftwerksgeschäfts um weitere 15 Prozent, die Marge fiel auf 7,6 Prozent. Der Handlungsbedarf sei "sogar dringlicher geworden", sagte der Vorstandschef. Dann entschloss sich Kaeser aber doch, die 35 mit dem Rad angereisten Mitarbeiter aus Görlitz und deren "Zukunftspapier" persönlich in Empfang zu nehmen.

Dabei machte er dem ostsächsischen Standort abermals Hoffnung: Man erwäge ein "Industriekonzept Oberlausitz" unter Mitwirkung der sächsischen Staatsregierung und der Bundesregierung. Vorstellbar sei, dass das Werk eigenständiger werde, aber zunächst noch unter dem Dach von Siemens verbleibe. Konkret scheinen diese Pläne allerdings bislang nicht zu sein.

Seite 1 von 2

© manager magazin 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH