Sonntag, 29. Mai 2016

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Trotz Kurssprungs Sorgen bei den Aktionären Siemens und die Angst vor dem Dinosaurier

Industrieriese in Zahlen: Wo Siemens im Vergleich zu GE und ABB steht
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REUTERS

Ob Siemens-Chef Joe Kaeser das so geplant hat oder nicht, wird man wohl nie erfahren. Fest steht: Zum Aktionärstreffen von Europas größtem Industriekonzern ist ihm mit den Geschäftszahlen für das erste Quartal eine handfeste Überraschung gelungen. Während die weltweite Konkurrenz zuletzt überwiegend Molltöne anschlug, stockte der Münchener Industrieriese am Montagabend seine erst zweieinhalb Monate alte Prognose für den Jahresgewinn je Aktie auf 6 bis 6,40 Euro auf, von bisher 5,90 bis 6,20 Euro.

Die geringfügige Anhebung des Korridors um 1,7 Prozent respektive 3,4 Prozent erwischte die Analysten auf dem falschen Fuß und versetzte die Börsianer regelrecht in Euphorie: Der Siemens-Aktienkurs stieg in einem ansonsten flauen Aktienmarkt um fast neun Prozent - so stark wie seit über sieben Jahren nicht.

Passenderweise spielte selbst das Wetter mit zur Aktionärsversammlung in der Münchener Olympiahalle. Das traditionelle Schneetreiben fiel aus, bei Plustemperaturen lachte die Sonne. Drinnen in der Halle präsentierte Kaeser sich und den Konzern vor den 7500 Anteilseignern erstarkt. Konzernweit schaffte Siemens Börsen-Chart zeigen im ersten Quartal trotz der schwachen Weltwirtschaft ein organisches Wachstum von einem Prozent.

Die Industriemarge lag im Startquartal mit 10,4 Prozent in der Zielbandbreite von 10 bis 11 Prozent, und all dies ist nach Kaesers Aussagen erst der Anfang der Trendwende: Im zweiten Quartal und im Gesamtjahr werde Siemens stärker wachsen als im Startquartal. Auch die Industriemarge hat laut Finanzchef Ralf Thomas im Gesamtjahr Luft nach oben: "Wir würden uns auch in der oberen Hälfte des Korridors gut aufgehoben fühlen."

Die Sorgen der Aktionäre kann auch Kaeser nicht zerstreuen

Mit dem Erwerb der US-Softwarefirma CD-adapco gelang zudem die lange erhoffte Akquisition in der Industriesoftware, wenn auch zu einem hohen Preis von 970 Millionen Dollar. Finanzchef Thomas räumte ein, der Zukauf werde erst ab 2022 Mehrwert schaffen. Im Gegenzug verkaufte Siemens mal wieder eine Beteiligung: die verbliebene Minderheit an der vor einem Jahr veräußerten Hörgerätesparte, zu einem Preis von 300 Millionen Euro. Der Buchgewinn von etwa 50 Millionen Euro wird im zweiten Quartal verbucht.

Die Sorgen mancher Aktionäre im Saal konnte Kaeser mit seinen Erfolgsmeldungen allerdings nicht zerstreuen. Der trotz milliardenschwerer Rückkäufe dauerschwache Aktienkurs von Siemens Börsen-Chart zeigen ("seit zehn Jahren schlechter als der Deutschen Aktienidex Dax Börsen-Chart zeigen"), der 7,8 Milliarden Dollar teure Kauf des Öl- und Gasindustriezulieferer Dresser-Rand in die aktuelle Ölkrise hinein, die mögliche Abspaltung der Medizintechnik und die Besetzung des Aufsichtsrats sorgten für lebhafte Diskussionen.

"Siemens darf nicht zum Dinosaurier werden"

Das Ende des fossilen Energiezeitalters sei eingeleitet und insofern fraglich, ob das Öl- und Gasgeschäft überhaupt noch ein Wachstumsfeld sei, sagte Union-Investment-Fondsmanager Ingo Speich mit Blick auf den teuersten Erwerb der Siemens-Geschichte. "Siemens darf nicht zum Dinosaurier werden."

Kaeser entgegnete den Fragestellern: "Ich habe keine Frage gehört, die wir uns nicht selbst gestellt haben." Trotz des Ölpreisverfalls entwickle sich Dresser-Rand - auch dank seiner starken installierten Basis - besser als die Wettbewerber. Im Geschäft mit der Verflüssigung von Gas sowie in der Elektrifizierung und Automatisierung der Anlagen für die Öl- und Gasindustrie seien die Chancen zudem "besser denn je".

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