Samstag, 18. November 2017

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Siemens-Rivale Neue Verzögerung bei ABBs Umspannplattformen auf hoher See

Zürcher Zentrale: Probleme reißen nicht ab

Während Siemens gerade zwei Offshore-Plattformen übergeben hat, reißen bei ABB die Probleme nicht ab. Für künftige Projekte sind die Schweizer deshalb auf Partnersuche.

Zürich - Eigentlich wollte ABB die weltgrößte Offshore-Umspannplattform Dolwin 2 unbedingt in diesem Jahr an den Stromnetzbetreiber Tennet übergeben. Es wäre eine der seltenen pünktlichen Lieferungen in der jungen wie pannenreichen Geschichte der Netzanschlüsse in der Nordsee gewesen - und damit ein wunderbarer Erfolg für den noch recht neuen Vorstandsvorsitzenden Ulrich Spiesshofer (50).

Doch daraus wird nichts. Der 90 Meter hohe, fußballfeldgroße Stahlkoloss kam zwar im August 2014 plangemäß aus der Dubaier Werft Drydocks in die Werft des ABB-Unterlieferanten Aibel im norwegischen Haugesund geschippert. Dort stellten die ABB-Ingenieure nach Informationen von manager magazin online aus Branchenkreisen jedoch fest, dass ein Teil der Niederspannungstechnik fehlerhaft eingebaut wurde und ganze Räume neu verkabelt werden müssen.

Statt wie zunächst geplant im März, kann Dolwin 2 deshalb voraussichtlich erst im Juli verschifft und zu ihrem vorgesehenen Platz in der Nordsee nordwestlich von Norderney gebracht werden. So wird es Brancheninsidern zufolge wohl März 2016 bis zur Übergabe der 916 Megawatt starken Plattform, die drei Offshore-Windparks mit dem Festland verbinden soll. Wenn nicht noch mehr schiefläuft. Sprecher von ABB und Tennet kommentierten diese Informationen nicht.

Während der Münchener Rivale Siemens Börsen-Chart zeigen gerade seine zwei ersten beiden Offshore-Netzanbindungen an Tennet übergeben konnte, reißen die Probleme bei ABB Börsen-Chart zeigen nicht ab. Vor allem die Pionierplattform Borwin1 bereitet unverändert große Sorgen, die schon seit 2010 in Betrieb ist. Seither zanken sich ABB und Tennet um die Abnahme. Vergangenes Jahr fiel BorWin 1 wegen eines Brandes sogar fünf Monate lang komplett aus. Doch auch in den vergangenen Monaten kam es immer wieder zu Abschaltungen, obwohl der angeschlossene Windpark Bard 1 derzeit vorsichtshalber nur weniger als die Hälfte seiner Kapazität von 400 Megawatt einspeist.

Inzwischen hat Spiesshofer das Ungetüm zur Chefsache gemacht: Anfang Februar arrangierte er ein Gipfeltreffen mit Tennet-Chef Mel Kroon (57), dessen zuständigen Vorstand Wilfried Breuer (49) und seinem Vorstandskollegen bei ABB, Claudio Facchin (49). Man einigte sich, so erfuhr manager magazin aus Kreisen beteiligter Unternehmen, auf eine finale Liste, die von ABB abzuarbeiten sei. Und auf einen neuen Zeitplan mit einer Übergabe im Juni.

Die Verzögerungen kosten

Dies ist allerdings schon der dritte derartige Fahrplan für die Borwin 1. Bisher tauchten bei der Beseitigung der festgestellten Mängel immer wieder neue auf. Böse Zungen lästern schon, die Urplattform werde womöglich nie abnahmefähig und müsse irgendwann abgerissen werden. Die Sprecher von ABB und Tennet lehnten einen Kommentar dazu ab.

Doch auch die Verzögerungen kosten - wenn auch bislang deutlich weniger als bei Siemens, wo für vier Offshore-Plattformen Extrakosten über insgesamt 981 Millionen Euro aufliefen. ABB buchte in den vergangenen beiden Jahren 460 Millionen Dollar Zusatzaufwand für seine insgesamt drei im Bau befindlichen Offshore-Umspannwerke. 2014 schaffte es ABB's gesamte Sparte Energietechniksysteme (Umsatz: sieben Milliarden Dollar) dadurch operativ nur ganz knapp über die Gewinnschwelle. 2016 soll sie, so will es Spiesshofer, mehr als 7 Prozent operative Gewinnmarge verdienen.

Wie das gelingen soll, dazu hält sich der ABB-Chef noch bedeckt. Gerüchte, ABB wolle sich aus dem Offshore-Geschäft zurückziehen, dementiert der Konzern. Man peile einen "kooperativen Ansatz" an und wolle sich auf die eigenen Kompetenzen in der Energie- und Automationstechnik konzentrieren, so der ABB-Sprecher.

Insidern zufolge sucht ABB dafür einen Partner, der weite Teile des Projektrisikos auf hoher See übernimmt - wie dies Siemens bei seinem neuesten, 2014 gewonnenen Projekt mit dem arabischen Ölplattformspezialisten Petrofac gelang. Der muss sich aber erst einmal finden.

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