Donnerstag, 21. Februar 2019

Zum Tod von Chemie-Nobelpreisträger Manfred Eigen Biotech-Doyen mit vielen praktischen Talenten

Chemie-Nobelpreisträger und Institutsgründer Manfred Eigen im Jahr 2001.
Baumann / Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie
Chemie-Nobelpreisträger und Institutsgründer Manfred Eigen im Jahr 2001.

Erwin Neher findet große Worte: "Mit dem Tod von Manfred Eigen verlieren wir einen herausragenden Denker, der die Wissenschaft auf der ganzen Welt geprägt hat," sagt der Medizin-Nobelpreisträger von 1991. Darüber hinaus war Manfred Eigen, seinerseits mit dem Nobelpreis für Chemie des Jahres 1967 ausgezeichnet, jedoch auch ein weitblickender Forschungs-Manager und -Organisator, Mitgründer des erfolgreichsten Instituts der Max-Planck-Gesellschaft, ein Pianist mit Konzertreife, ein Förderer junger Wissenschaftstalente und Aufsichtsrat des weltgrößten Chemiekonzerns BASF.

Zudem war Manfred ein Pionier der deutschen Biotech-Szene, Mitgründer der im TecDax erfolgreichen Evonik AG, die ihre ersten Schritte mit seinen Patenten, mit seinen Maschinen und Erfindungen unternehmen konnte. Für die Summe dieser Verdienste wurde Manfred Eigen im Jahr 2010 in die Hall of Fame der deutschen Forschung berufen, die das manager magazin im Jahr zuvor ins Leben gerufen hatte.

Dabei zeigte der junge Manfred Eigen zunächst ganz andere Talente. Geboren 1927 als Sohn eines Konzert-Cellisten wurde seine erfolgversprechend gestartete Karriere als Pianist jedoch abrupt beendet, als er gegen Ende des Zweiten Weltkriegs noch Militärdienst als Luftwaffenhelfer leisten musste.

Nach dem katastrophalen Kriegsende suchte der junge Mann eine bodenständigere Ausbildung, studierte Physik und Chemie in Göttingen, fand nach der Promotion mit nur 24 Jahren schnell Zugang zu den anspruchsvollen Teams der dortigen Max-Planck-Forscher. Seine sensationellen Experimente, mit denen sich die Reaktionsgeschwindigkeit auch schnellster chemischer Abläufe messen ließen, brachten ihm internationale Anerkennung; mit nur 31 Jahren wurde er wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft. Im Alter von 40 Jahren erhielt er schließlich den Nobelpreis für Chemie.

Manfred Eigen während einer Vorlesung im Jahr 1979.
Blachian / Max-Planck-Gesellschaft
Manfred Eigen während einer Vorlesung im Jahr 1979.

Andere Forscher hätten sich nun in jenes Gebiet vertieft, auf denen ihr Ruhm basierte. Manfred Eigen jedoch baute seine Wissenschaft aus: Weil er "in Physik und Chemie nichts mehr hinzulernen konnte", wie er selber sagte, gründete er in Göttingen das Max-Planck-Institut (MPI) für biophysikalische Chemie. Dort sollten die strengen Denk- und Experimentier-Methoden der "harten" Naturwissenschaften auf die damals noch wenig systematisierten Lebenswissenschaften übertragen werden. Das verlangte vielfältige Kompetenzen und eine Vielzahl von Abteilungen mit höchst qualifizierten Forschern an der Spitze - und führte zum bis dato größten Institut der elitären Max-Planck-Gesellschaft.

Das Konzept hat bis heute Erfolg: Keinem anderen deutschen Institut wurden so viele angesehene Wissenschafts-Preise zugesprochen wie der Gründung von Manfred Eigen: Nach seinem Nobelpreis für Chemie erhielten dort Erwin Neher und Bert Sakman die bereits erwähnte Auszeichnung für Physiologie oder Medizin 1991, im Jahr 2014 folgte Stefan Hell mit einem weiteren Chemie-Nobelpreis.

In den 1990er Jahren widmete sich Manfred Eigen der Protein-Forschung. Er stellte fest, dass Organismen Enzyme je nach Anforderung optimieren können, dass es also eine "Evolution" dieser hilfreichen Eiweißverbindungen gibt. Die Hamburger Evotec gründete ihr Geschäftsmodell auf Bioreaktoren, die diesen natürlichen Prozess beschleunigen konnten. Manfred Eigen steuerte zu dem jungen Unternehmen nicht nur seine Patente und die notwendigen Maschinen bei, er gab auch Kapital und wurde zum Mitgründer der Biotec-Firma, die heute zu den erfolgreichsten des TecDax gehört.

Neben seinen Forschungsarbeiten und Gründertätigkeiten förderte Manfred Eigen auch junge Wissenschafts-Talente: Von 1982 bis '93 war er Präsident der Studienstiftung des deutschen Volkes. Die Organisation unterstützt besonders aussichtsreiche Studenten und Doktoranden durch Stipendien und Mentoren. Während Eigens Präsidentschaft stieg die Zahl der so Geförderten um knapp 70 Prozent.

Von 1968 bis 1998 gehörte Manfred Eigen dem Aufsichtsrat der BASF an. Die Vorstandsvorsitzenden jener Ära lobten seinen Weitblick für großindustrielle Produkt- und Technologie-Entwicklungen, seinen wirtschaftlichen Sachverstand bei notwendigen Investitionen.

Seine Liebe zur Musik hat Manfred Eigen nie hintangestellt. Von der Max-Planck-Gesellschaft forderte er jahrelang die Gründung eines MPI für Musik. Der Wunsch des einflussreichen Mitglieds konnte nur durch nachdrückliche Hinweise auf die Satzung abgewehrt werden, die eine Fokussierung auf streng akademische Wissenschaft verlangt.

Hall of Fame der deutschen Forschung am 29.09.2010 - Rede Prof. Manfred Eigen
Wolfgang von Brauchitsch
Hall of Fame der deutschen Forschung am 29.09.2010 - Rede Prof. Manfred Eigen

Daneben saß der geniale Chemiker auch selbst oft am Klavier: Als Solist spielte er zwei Klavierkonzerte von Wolfgang Amadeus Mozart ein, bei einem wurde er begleitet vom Boston Symphonie Orchestra.

Durch zahlreiche Kandidaten-Vorschläge hat sich der Laureat der Forscher-Hall of Fame auch für dieses Format engagiert. In den letzten Jahren lebte er jedoch zurückgezogen mit seiner langjährigen Lebensgefährtin und Ehefrau in einem Göttinger Apartment, angefüllt mit Kunstwerken der klassischen Moderne.

Nach langer Krankheit ist Manfred Eigen nun am 6. Februar im Alter von 91 Jahren gestorben

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