Montag, 26. September 2016

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Medizintechnik-Branche "Hohe US-Zulassungshürden hemmen Innovationen"

Armprothese mit mehreren Griffmustern: Weltweit wächst der Umsatz mit Medizintechnikprodukten jährlich um 5 bis 6 Prozent
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Armprothese mit mehreren Griffmustern: Weltweit wächst der Umsatz mit Medizintechnikprodukten jährlich um 5 bis 6 Prozent

Prothesen und Beatmungsgeräte sind nicht sexy, aber einträglich: Die weltweiten Umsätze mit Medizintechnik steigen. In Europa droht jedoch nach einem Skandal um minderwertige Silikonkissen ein gefährlicher Regulierungs-Übereifer, warnt Branchenexperte André Zimmermann.

mm: Herr Zimmermann, in Industrie- und Schwellenländern steigen die staatlichen und privaten Ausgaben für Gesundheit. Wie stark profitiert die Medizintechnikbranche davon?

Zimmermann: Das ist regional unterschiedlich. Weltweit wachsen die Umsätze mit Medizintechnikprodukten jährlich um 5 bis 6 Prozent pro Jahr. In Europa hat sich das Wachstum der Branche aufgrund der Rezession verlangsamt, speziell in den südeuropäischen Ländern. In Asien wiederum wachsen die Umsätze der Branche sehr stark. Durch den zunehmenden Wohlstand bildet sich hier eine größer werdende Mittelschicht, die sich moderne Medizintechnik leisten kann und will. In den USA liegt das Wachstum im globalen Durchschnitt. Doch hier wartet die Branche noch ab, wie sich dies weiter entwickelt.

mm: Weshalb?

Zimmermann: Die Obama-Regierung hat im Gesundheitswesen einiges verändert. Künftig soll jeder Amerikaner versichert werden, auf der anderen Seite versuchen aber auch die Amerikaner die Gesundheitsausgaben zu optimieren. Denn die USA haben das teuerste Gesundheitssystem der Welt, allerdings nicht mit der besten Versorgung. Wie sich diese Veränderungen nun auf das Umsatzwachstum der Medizintechnikbranche auswirken, ist aber noch unklar.

mm: Nach einigen Skandalen um fehlerhafte Produkte haben die US-Regulierungsbehörden die Zulassung neuer Medizintechnikpräparate deutlich erschwert. Wirkt sich das bereits auf dem europäischen Markt aus?

Zimmermann: Gerade bei kleineren Medizintechnik-Startups, die oft große Innovationsschritte schaffen, herrscht nun eine verkehrte Welt. In den vergangenen 15 Jahren gab es in den USA für solche Unternehmen viele Kapitalgeber. Deshalb waren auch zahlreiche deutsche Unternehmen in den USA auf Partnersuche. Doch derzeit dauert die Zulassung von Medizintechnikprodukten in den USA im Schnitt 54 Monate und kostet Millionen, in Europa sind es nur elf Monate.

mm: Wie macht sich dieser deutliche Unterschied bemerkbar?

Zimmermann: In den vergangenen Jahren kamen vermehrt US-Unternehmen für die Finanzierung und Vermarktung von Innovationen im ersten Schritt nach Europa. Eine Umfrage unter Medizintechnikunternehmen in den USA ergab, dass 80 Prozent der Unternehmen im ersten Schritt eine Produktzulassung in Europa planen. Nur 4 Prozent wollen das Produkt zuerst in den US-Heimatmarkt einführen. Innovationen kommen so mit Verzögerungen von vier bis fünf Jahren zurück in die USA.

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