Mittwoch, 20. Februar 2019

Fusion von Linde und Praxair wackelt - Kurssturz bei Linde US-Kartellamt bringt Linde an die Schmerzgrenze

Linde: Der Zeitdruck steigt - weitere Verkäufe bis Ende Oktober kaum machbar

Die Bedenken der US-Kartellbehörden wegen der Fusion von Linde und Praxair bringen Linde nicht nur in Zeitnot, sondern auch mit Blick auf Umsatz und Gewinn an die Schmerzgrenze. Der Deal gerät erneut ins Wanken - nur die Analysten von JP Morgan bleiben entspannt.

Mit dem Hinweis auf ein mögliches Scheitern seiner Fusionspläne hat der Gasekonzern Linde Börsen-Chart zeigen seine Anleger kalt erwischt. Weil der Zusammenschluss mit dem US-Konkurrenten Praxair zum weltgrößten Hersteller von Industriegasen wie Sauerstoff und Helium nicht mehr so sicher erscheint wie bisher, warfen Investoren die Linde-Aktien am Montag aus ihren Depots.

Die Titel stürzten zeitweise um mehr als zehn Prozent ab und waren mit Abstand größter Verlierer im Leitindex Dax.

Linde hatte am Wochenende überraschend mitgeteilt, dass die US-Wettbewerbsbehörde FTC (Federal Trade Commission) höhere Hürden für den geplanten Zusammenschluss stellt. So hätten die Kartellwächter den Verkauf weiterer Unternehmensteile gefordert. Weil auch in anderen Regionen die Abgabe von Konzernteilen an Konkurrenten verlangt werde, werde die Schmerzgrenze der Fusionspartner wahrscheinlich überschritten.

Linde und Praxair wollen nach früheren Angaben Firmenteile mit maximal 3,7 Milliarden Euro Umsatz oder 1,1 Milliarden Euro Betriebsgewinn (Ebitda) abgeben, um Kartellbedenken auszuräumen. Sollte diese Grenze überschritten werden, behalten sich die Konzerne vor, die Fusion abzublasen.

Branchenexperte Markus Mayer von Baader Helvea Equity Research erklärte, durch die neuen Forderungen verringerten sich die Einspareffekte, die Linde und Praxair mit ihrer Fusion erzielen wollen. Außerdem sinkte die Wahrscheinlichkeit, dass das Vorhaben rechtzeitig gelinge.

Der Zusammenschluss muss bis spätestens 24. Oktober über die Bühne gegangen sein, weil die Aktionäre nach deutschem Recht innerhalb von zwölf Monaten Klarheit über das Gelingen einer Fusion haben müssen. Linde warf in seiner Pflichtmitteilung selbst die Frage auf, inwieweit sich zusätzliche Firmenverkäufe überhaupt schnell genug umsetzen ließen. "Der Zeitdruck steigt", hieß es in einem Marktkommentar der Equinet-Bank.

Sorgen vor einer Kettenreaktion, wachsender Zeitdruck

Autsch: Linde-Chefaufseher Wolfgang Reitzle hatte sich den Fusionsprozess leichter vorgestellt

Außer der FTC müssen auch Behörden in Europa, China, Indien und Südkorea dem Deal noch zustimmen. Baader-Analyst Mayer äußerte die Befürchtung, dass höhere Hürden in den USA zu einer Kettenreaktion schärferer Auflagen in weiteren Ländern führen könnten. Branchenexperte Laurence Alexander vom Handelshaus Jefferies gab zu Bedenken, dass Linde und Praxair unter dem steigenden Zeitdruck nur noch vergleichsweise niedrige Preise für zu verkaufende Firmenteile erzielen könnten.

Reuters hatte Mitte Juli berichtet, dass die EU grünes Licht für die Fusion geben wolle. Kartellrechtliche Bedenken der EU-Kommission seien ausgeräumt worden durch die Praxair-Zusage, sich für den geplanten Zusammenschluss von einem Großteil seines Europageschäfts zu trennen, sagten zwei mit dem Vorgang vertraute Personen. Der japanische Konzern Taiyo Nippon Sanso übernimmt einen Großteil des europäischen Praxair-Geschäfts für insgesamt fünf Milliarden Euro.

Linde verkauft in Amerika einen Großteil seines Geschäfts an den deutschen Rivalen Messer. Das hessische Familienunternehmen und der Finanzinvestor CVC übernehmen gemeinsam für umgerechnet 2,8 Milliarden Euro Firmenteile in den USA, Kanada, Brasilien und Kolumbien.

JP Morgan bleibt entspannt: Fusion trotz steigender Risiken noch machbar

Aus Sicht der US-Bank JPMorgan bleibt die geplante Fusion von Linde und Praxair trotz gestiegener kartellrechtlicher Risiken machbar. Linde hatte am Wochenende mitgeteilt, dass die US-Kartellbehörde Federal Trade Commission (FTC) noch mehr Anteilsverkäufe erwartet. Auch wenn Linde 100 Prozent ihres US-Gasegeschäfts verkaufen müsste, würden die von beiden Unternehmen gesetzten Obergrenzen vermutlich nur wenig überschritten werden, schrieb Analyst Chetan Udeshi in einer am Montag veröffentlichten Studie.

Die Einstufung für die zum Umtausch eingereichten Papiere von Linde beließ er auf "Overweight" mit einem Kursziel von 230 Euro. Für die Aktie von Linde als allein stehendes Unternehmen sieht er nur begrenzte Abwärtsrisiken.

Linde Börsen-Chart zeigen und Praxair haben sich einen Rückzieher von der Fusion vorbehalten für den Fall, dass sie Teile mit mehr als 3,7 Milliarden Euro Umsatz oder 1,1 Milliarden Euro an operativem Gewinn (Ebitda) abgeben müssten. Aber auch wenn die kartellrechtlich notwendigen Verkäufe über die selbst gesteckten Obergrenzen lägen, bedeutet dies Udeshi zufolge nicht zwangsläufig ein Scheitern des Deals.

Linde und Praxair hatten bereits umfangreiche Verkäufe von Geschäftsteilen in die Wege geleitet, um Bedenken der Wettbewerbshüter auszuräumen. Eine größere Herausforderung ist laut Udeshi hingegen, die zusätzlich notwendigen Verkäufe vor allem in den USA bis zum 24. Oktober über die Bühne zu bringen. Bis zu diesem Tag muss die Fusion unter Dach und Fach sein, dann läuft die vom Wertpapiergesetz vorgegebene Frist aus.

la/dpa

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