Samstag, 16. Februar 2019

Großdemo gegen Fusion mit Praxair Gellendes Pfeifkonzert für Linde-Chefaufseher Reitzle

Aufgebrachte Stimmung nicht nur in München: Insgesamt demonstrierten am Donnerstag 2500 Linde-Mitarbeiter gegen die geplante Fusion mit Praxair

Rund 2500 Beschäftigte von Linde haben am Donnerstag an vielen deutschen Standorten gegen die geplante Fusion mit dem US-Gasekonzern Praxair protestiert. Der bayerische IG-Metall-Chef Jürgen Wechsler sagte bei einer Kundgebung vor der Linde-Zentrale in München: "Wir befürchten, dass durch diese Fusion 8000 bis 10.000 Arbeitsplätze weltweit gefährdet sind. Deshalb stemmen wir uns mit aller Kraft gegen diesen Kahlschlag."

Linde-Aufsichtsratschef Reitzle hatte angekündigt, zur Not auch gegen den Widerstand der Belegschaftsvertreter mit aller Macht den weltgrößten Industriegasekonzern zu schmieden und so ein geschätztes Einsparpotenzial von einer Milliarde Euro heben. Praxair-Chef Steve Angel soll das neue Unternehmen dann aus den USA führen. Die Konzernholding soll laut der Gewerkschaft in Irland angesiedelt werden, das würde Steuern sparen und dürfte die Mitbestimmung schwächen.

"Monopoly-Spielchen" eines Aufsichtsratsvorsitzenden

Linde-Aufsichtsratsmitglied Xaver Schmidt von der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) sagte in Hannover, Linde sei hochprofitabel und brauche Praxair nicht. Das Unternehmen "eignet sich nicht für Monopoly-Spielchen seines Aufsichtsratsvorsitzenden". Nach einer Fusion seien massive Stellenstreichungen zu erwarten. Linde teilte dagegen mit, das Zusammengehen würde die Arbeitsplätze sicherer machen, "wenn wir wettbewerbsfähiger, innovativer und erfolgreicher sind". Für die meisten Arbeitnehmer würde sich im Alltag nichts ändern.

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Wechsler warf Reitzle eine Abkehr von der Konsenskultur in der deutschen Industrie vor, bei der die Arbeitnehmerseite bei wichtigen Weichenstellungen einbezogen werde. "Wenn Herr Reitzle die Fusion mit seiner doppelten Stimme im Aufsichtsrat durchpeitschen will, ist das ein Vorgang, der seinesgleichen sucht", kritisierte der Gewerkschafter und appellierte an die Kapitalvertreter in dem Kontrollgremium: "Macht euch nicht zum Handlanger."

Reitzle will die Fusion möglichst noch vor der Hauptversammlung am 10. Mai festzurren. Eine bereits für den 3. Mai geplante Aufsichtsratssitzung wurde allerdings abgesagt.

Gellende Pfeifkonzerte für Reitzle

Beschäftigte vor der Linde-Zentrale zeigten Spruchbänder mit Sätzen wie "Die Fusion macht uns platt - für Gewinne satt", "Sie haben uns verraten" oder "No to Preixle". Die Stimmung war aufgeheizt, für Reitzle gab es mehrfach gellende Pfeifkonzerte.

Aktionen liefen an über 30 Standorten in Deutschland und Europa - nicht aber in Dresden. Der Vorstand will die dortige Niederlassung mit 500 Mitarbeitern schließen, hat aber für den Fall einer Fusion eine Standort- und Beschäftigungsgarantie gegeben - für alle 8000 Linde-Mitarbeiter in Deutschland.

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Selbst die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) sieht die angekündigte Verlagerung des Holding-Sitzes ins Ausland und die operative Führung aus den USA kritisch. "Das wird unter anderem dazu führen, dass die Aktionäre mit einem komplett neuen Rechtssystem konfrontiert werden, mit entsprechend erschwerten Möglichkeiten, ihre Aktionärsrechte auszuüben", hatte DSW-Vizechefin Daniela Bergdolt erklärt. Die Aktionärsvertreter bemängelten, dass es kein Barangebot für die Linde-Eigner gebe. Sie sollen nach Reitzles Willen ihre Aktien in Titel der neuen gemeinsamen Holding eintauschen. Mindestens drei Viertel der Linde-Anteile müssen dafür angeboten werden.

rei/dpa/Reuters

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