Montag, 26. Juni 2017

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Linde-Aufsichtsrat stimmt Fusionsplan zu Reitzle boxt Fusion von Linde und Praxair durch

Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle: Fusion mit Praxair durchgedrückt - gegen den Widerstand der Linde-Mitarbeiter

Entscheidung nach langem Tauziehen zwischen Kapitalseite und Arbeitnehmerseite: Der Aufsichtsrat von Linde Börsen-Chart zeigen hat am Donnerstag Abend grünes Licht für den umstrittenen Zusammenschluss des Gasekonzerns mit dem US-Rivalen Praxair gegeben. Der Vorstand habe daraufhin den Fusionsvertrag unterzeichnet, teilte Linde mit. Eine Billigung durch Praxair, Aktionäre und Kartellbehörden steht noch aus.

Damit hat sich Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle mit seinen Fusionsplänen durchgesetzt - gegen den erbitterten Widerstand der Arbeitnehmervertreter. Seit zehn Monaten peilen Linde Börsen-Chart zeigen und US-Konkurrent Praxair einen Zusammenschluss zum größten Industriegasekonzern der Welt an.

Mit dem Zusammenschluss würde der größte Gasekonzern der Welt entstehen - mit 27 Milliarden Euro Umsatz, 66 Milliarden Euro Börsenwert und weltweit 80.000 Mitarbeitern. Praxair-Chef Steve Angel soll den neuen Konzern von den USA aus führen, die Holding soll in Irland angesiedelt werden, und Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle soll Aufsichtsratschef des neuen Konzerns werden.

Während die Zustimmung der Praxair-Aktionäre als sicher gilt, ist die Genehmigung der Kartellbehörden in Europa und den USA kein Selbstläufer. Wegen erwarteter Auflagen der Wettbewerbshüter werden Linde und Praxair als neuer Weltmarktführer Firmenteile verkaufen müssen, hatte Linde-Chef Aldo Belloni bereits angekündigt.

Kapital gegen Arbeit: Kapitalseite setzt sich durch, Aktie steigt

Anleger hatten damit gerechnet, dass der Aufsichtsrat den Fusionsplänen zustimmen wird. Die Aktie von Linde Börsen-Chart zeigen gehörte entsprechend bis Dienstag Abend zu den größten Gewinnern im Dax, da sich Investoren von einer Fusion jährliche Einsparungen in Milliardenhöhe erhoffen.

Die Gewerkschaften hatten noch einen letzten vergeblichen Versuch gestartet, das Ganze aufzuhalten: Mit Unterstützung von Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) verlangten sie, die Abstimmung zu vertagen und einen neutralen Vermittler einzuschalten. Vergebens.

Die Fronten waren seit Monaten klar: Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle wollte die Fusion mit dem US-Konzern unbedingt durchsetzen und so eine Milliarde Euro jährlich an Synergien (Einsparungen) heben. Nebenbei will Reitzle selbst zum Aufsichtsratschef des fusionierten Konzerns aufsteigen. Die operative Führung liegt dagegen bei Praxair-Chef Steve Angel in den USA. Aus diesem Grund fürchteten Mitarbeiter und Betriebsräte einen Ausverkauf Lindes an die USA. Die Linde-Aktionäre und ihre Vertreter im Aufsichtsrat unterstützten dagegen den Plan Reitzles.

Linde-Aktionäre bekommen Umtausch-Angebot für alte Aktien

Nach der heutigen Zustimmung durch den Linde-Aufsichtsrat wird jetzt jedem Linde-Aktionäre in einigen Wochen ein Umtausch-Angebot für die alten Linde-Aktien in Anteilsscheine des neuen Konzerns vorgelegt.

Bei Praxair entscheidet eine außerordentliche Hauptversammlung über die Fusion. Die Zustimmung der Praxair-Aktionäre gilt als sicher. Letzte Hürde wäre dann die Zustimmung der Kartellbehörden in Europa und den USA.

Aktionärsschützer der DSW drohen dennoch mit Klage

Die Anlegerschützer der DSW (Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz) drohen nun mit einer Feststellungsklage, da Linde die Fusion wie geplant ohne Beteiligung der Aktionäre durchziehen will. "Wir begrüßen zwar grundsätzlich den Zusammenschluss, da er unternehmerisch Sinn macht, allerdings sind wir weiterhin der Auffassung, dass der Weg dieses Zusammenschlusses nicht korrekt ist. Wir fordern, dass der Fusionsvertrag, das sogenannte Business Combination Agreement (BCA), auf einer außerordentlichen Hauptversammlung von den Aktionären genehmigt wird", sagt DSW-Vizepräsidentin Daniela Bergdolt.

Die DSW hatte bereits im Vorfeld der ordentlichen Hauptversammlung, die am 10. Mai stattgefunden hat, damit gedroht, notfalls auch den Klageweg einzuschlagen, wenn das Linde-Management nicht einlenkt. "Da das BCA zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorlag, gab es damals auch keine Grundlage für eine Abstimmung. Das wäre, wenn der Linde-Aufsichtsrat zustimmt, nun anders", sagt DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler.

Eine Feststellungsklage würde aber die Fusion nicht verhindern. Vielmehr habe eine gerichtliche Entscheidung die Wirkung, dass der Vorstand intern über seine Vertretungsmacht hinausgegangen sei, so Bergdolt. Das beeinflusse aber das Vertretungsverhältnis nach außen nicht und führe deshalb auch nicht zur Unwirksamkeit der Fusion.

"Linde braucht Praxair nicht"

Betriebsrat und Gewerkschaften fürchten nun einen Stellenabbau und den Verlust der Mitbestimmung. "Linde braucht Praxair nicht", so das Votum der Betriebsräte. Der Konzern soll künftig von Praxair-Chef Steve Angel aus den USA gesteuert, die Holding in Irland angesiedelt werden.

Offen war, ob der Dresdner Betriebsratschef Frank Sonntag im Aufsichtsrat mit den anderen Arbeitnehmern stimmt oder sich enthält. Denn Linde Börsen-Chart zeigen will den Standort Dresden schließen und hat nur für den Fall der Fusion eine Standort- und Beschäftigungsgarantie bis 2021 gegeben.

Bei einem Patt im Aufsichtsrat wollte Reitzle die Fusion mit seiner doppelten Stimme als Aufsichtsratschef durchsetzen, das hat er bereits angekündigt.

Air Liquide verdrängte Linde auf Platz 2

Sauerstoff für Klinikpatienten und für Stahlwerke, Kohlensäure für Sprudelwasser und Stickstoff für die Ölindustrie - Linde macht Gase für fast jeden Zweck. Mit 16,9 Milliarden Euro Umsatz, 1,3 Milliarden Euro Gewinn und knapp 60.000 Mitarbeitern ist Linde weltweit die Nummer zwei der Branche. Der französische Konkurrent Air Liquide Börsen-Chart zeigen hat Linde im vergangenen Jahr mit der Übernahme der US-Firma Airgas vom Spitzenplatz verdrängt.

Praxair ist kleiner, aber profitabler als Linde

Praxair mit Schwerpunkt in den USA ist weltweit die Nummer drei. Mit 10 Milliarden Euro Umsatz und 26.000 Mitarbeitern ist der Konzern deutlich kleiner. Damit erwirtschaftet Praxair allerdings sogar noch etwas mehr Gewinn als Linde, ist also viel profitabler. Das liegt vor allem an der breiteren Aufstellung von Linde.

Während sich die Amerikaner ihre Gasanlagen von Ingenieursfirmen bauen lassen und dann die Anlagen mit hohem Profit betreiben, baut Linde auch sehr große und komplexe Industrieanlagen selbst. Die Gewinnmargen im Anlagenbau sind aber grundsätzlich viel niedriger als im Gasegeschäft.

Linde beschäftigt in Deutschland 8000 Mitarbeiter, vom Großraum München über Leuna bis Worms am Rhein. Zur Sparte Anlagenbau gehören rund 3500 Beschäftigte in Pullach bei München, Traunstein und Dresden sowie weitere 3500 im Ausland.

la/dpa/reuters

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