Dienstag, 26. März 2019

Spitzenforscher zu deutschen KI-Chancen "Dass die Chinesen uns überholt haben, ist reine Folklore"

Virtueller Moderator: Dieser Nachrichtensprecher aus China imitiert Gestik, Mimik und Stimmlage von "lebenden" Moderatoren und lernt per KI stetig dazu.
YouTube/ Xinhua/ New China TV
Virtueller Moderator: Dieser Nachrichtensprecher aus China imitiert Gestik, Mimik und Stimmlage von "lebenden" Moderatoren und lernt per KI stetig dazu.

Wolfgang Wahlster leitet mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kaiserslautern seit mehr als 20 Jahren die wohl renommierteste deutsche Forschungseinrichtung in Sachen KI. Mit manager-magazin.de sprach er über deutsche Schwächen, chinesisches Marketinggetöse und warum Deutschland seiner Ansicht in der KI besser dasteht, als viele glauben.

manager-magazin.de. Herr Wahlster, Sie haben als wissenschaftlicher Geschäftsführer des DFKI die Entwicklung der kürzlich von der Bundesregierung präsentierten KI-Strategie eng mitbegleitet. Diese wird von vielen als "zu wenig und zu spät" kritisiert. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

Wolfgang Wahlster: Nein. Zum einen, weil die neue KI-Strategie der Bundesregierung ja nicht die erste ist. Die KI-Förderung des Bundesforschungsministeriums lief ja schon vor 30 Jahren an, als das Thema in unseren Nachbarländern noch gar nicht auf dem Radarschirm war.

Zum anderen sind es ja weit mehr als die drei Milliarden Euro Steuergelder, die bis 2025 investiert werden sollen. Denn mit deren Hebelwirkung - also den Investments aus der Industrie - werden es eher sechs bis sieben Milliarden Euro. Da stehen wir im Vergleich mit anderen Ländern, die diesen Industriehebel gar nicht haben, sogar sehr gut da. In Europa ist dieses Investitionsvolumen ohne Zweifel das höchste. Ich glaube sogar: Es wird gar nicht so einfach werden, diese Mittel sofort mit hohem Qualitätsanspruch in Forschungs- und Anwendungsprojekte einzubringen.

Woran hakt es denn Ihrer Meinung nach?

Wolfgang Wahlster
  • Copyright: Jim Rakete
    Jim Rakete
    Der renommierte KI-Experte und Geschäftsführer des Deutschen Forschungs-zentrums für Künstliche Intelligenz in Kaiserslautern (DFKI) lehrt an der Universität des Saarlandes Informatik und ist Mitglied der Nobelpreiskakademie.

An den Fachkräften. Daran herrscht extremer Mangel. Erfahrene KI-Experten sind weltweit kaum auf dem Markt. In Deutschland haben wir - wenn man die Fachhochschulen dazu nimmt - gerade einmal 150 bis 160 KI-Professoren. Ausgehend von deren Top-Absolventen 100 neue Professorenstellen aus eigener Substanz zu füllen, wie es die KI-Strategie der Bundesregierung vorsieht, ist gar nicht so einfach. Schließlich dauert es Jahre, neue Professoren auszubilden. Daher müssen wir auf jeden Fall versuchen, deutsche Forscher, die ins Ausland gegangen sind, wieder zurück zu holen. Und auch welche aus dem Ausland abwerben.

Würde da nicht ein großes wissenschaftliches Leuchtturmprojekt helfen - womöglich in einer international attraktiven Stadt wie Berlin - um ausländische KI-Fachkräfte anzuziehen?

Die Aura, die Einrichtungen wie Stanford oder das MIT haben, deren Reputation, deren Ausstattung, deren Sponsoren, das ist alles über sehr lange Zeit gewachsen. Das kann man nicht mal so eben aus dem Boden stampfen. Und das ist auch längerfristig hierzulande - angesichts unserer föderalen Struktur - vollkommen unrealistisch.

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