Dienstag, 28. Juni 2016

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Neuheit von ThyssenKrupp Jetzt sollen sogar Aufzüge kabellos fahren

Um die Ecke gedacht: Aufzugsvision von ThyssenKrupp
ThyssenKrupp
Um die Ecke gedacht: Aufzugsvision von ThyssenKrupp

Kaum der Existenzkrise entkommen, wagt sich der Industriekonzern ThyssenKrupp wieder an große Entwürfe. Nicht weniger als eine Revolution der Lifttechnik verspricht der Stahlriese: mit Aufzügen, die keine Seile mehr brauchen und in verschiedene Richtungen abbiegen können.

Hamburg - Ende 2016 soll es so weit sein. Dann will ThyssenKrupp einen ersten Prototypen seines neuen Aufzugsystems "Multi" parat haben, das eine in 160 Jahren bewährte Technik ablösen soll.

"Die vertikalen und horizontalen Bewegungen des Multi mit mehreren Kabinen pro Schacht sind ein Wendepunkt in der Geschichte der Aufzugssysteme", erklärt Andreas Schierenbeck, Chef der Aufzugsparte, die innerhalb des Konzerns Börsen-Chart zeigen auch in dessen langen Verlustjahren verlässliche Renditen lieferte. Die Misere im Kerngeschäft mit Stahl und vor allem die kolossalen Fehlinvestitionen in Amerika banden aber so viel Kapital, dass die Liftsparte sich kaum weiterentwickeln konnte.

Die Ankündigung der Innovation, offiziell als "heiliger Gral" (€) und "Revolution für die Aufzugsindustrie" bezeichnet, setzt daher ein Signal: ThyssenKrupp traut sich wieder Großes zu. Der spektakuläre Testturm im baden-württembergischen Rottweil soll rechtzeitig für die Multi-Modelle fertig werden.

In mehrerer Hinsicht verabschiedet sich die Idee von der konventionellen Aufzugstechnik, wie ein Werbevideo auf Youtube zeigt:

  • es gibt keine Seile mehr, die für die gefloppte Magnetschwebebahn Transrapid entwickelten Linearmotoren sollen Energie aus dem Schacht berührungslos auf die Kabinen übertragen (ebenso, wie es der Konzern auch für Transportbänder auf Flughäfen oder in Lagerhallen plant);
  • das erlaubt den "lang gehegten Traum" von der gleichzeitigen Fahrt mehrerer Kabinen in einem Schacht,
  • die sogar die Richtung ändern, also seitwärts oder diagonal abbiegen können;
  • so sollen Aufzugsysteme wie im Nahverkehr mit Haupt- und Zubringerlinien angeordnet werden;
  • Leichtbaumaterialien sollen das Gewicht der Kabinen halbieren.

Davon verspricht der Konzern immense wirtschaftliche Vorteile. Die Beförderungskapazität eines Schachts steige um die Hälfte, die benötigte Gebäudefläche werde um ein Viertel reduziert und die Wartezeit auf einen Lift verkürze sich nach dem Vorbild des historischen Paternoster-Aufzugs auf 15 bis 30 Sekunden. "Pro Jahr warten Büroangestellte in New York City zusammen 16,6 Jahre auf einen Aufzug, weitere 5,9 Jahre verbringen sie in den Kabinen", begründet Schierenbeck den Bedarf. Vor allem Hochhäuser bräuchten den "Multi", aber auch für andere Immobilien ergäben sich ganz neue Möglichkeiten.

Commerzbank-Analyst Ingo-Martin Schachel verweist in einer neuen Kaufempfehlung für die ThyssenKrupp-Aktie Börsen-Chart zeigen auf die "sehr interessanten Innovation". Sollte sich das Produkt am Markt durchsetzen, würde der Konzern auch beweisen, dass der Technologietransfer zwischen einzelnen Sparten klappe.

Dieser Gedanke ist genau im Sinn von Konzernchef Heinrich Hiesinger, der ThyssenKrupp als "integrierten Technologiekonzern" zusammenhalten will, wenn auch mit weniger Sparten und einem geringeren Anteil des klassischen Stahlgeschäfts. Sogar der Transrapid könnte sich noch einmal nützlich machen. Und damit würde ThyssenKrupp zeigen, dass es oft renditestärkeren Aufzugspezialisten wie Otis, Kone oder Schindler Börsen-Chart zeigen etwas voraus hat.

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