Sonntag, 26. Juni 2016

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Diese Orte werden die Wirtschaft aufmischen Die Hotspots des Jahres 2016 - hier wird über die Zukunft entschieden

Ob Automobilbau, Energiewirtschaft oder Stahlindustrie - es gibt Orte, da wird sich im Jahr 2016 die Zukunft einzelner Konzerne oder ganzer Branchen entscheiden - oder zumindest entscheidend verändern. Die Redaktion von manager magazin online hat schon mal einen Blick auf die Hotspots des Jahres 2016 geworfen. Von Wilfried Eckl-Dorna, Nils Sorge, Michael Freitag, Arne Gottschalck und Christoph Rottwilm

Nürnberg
Über eine Million Flüchtlinge allein 2015, eine Menge Arbeit für jene Behörde, die einst Bundesdienststelle für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge hieß und nun als BAMF firmiert, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. An der Spitze der Nürnberger Behörde steht seit Herbst 2015 Frank-Jürgen Weise - der, und das ist die größte Hoffnung, bereits die Bundesagentur für Arbeit umbaute. (got)

Schwarze Pumpe
Nach dem Atomausstieg kommt in Deutschland der Ausstieg aus der klimaschädlichen Kohlekraft - darauf deuten viele Signale hin. Doch entschieden ist noch nichts; Kraftwerksbetreiber, Umweltschützer und Politiker ringen um eine Lösung. Schwarze Pumpe, ein Ortsteil der Stadt Spremberg in Brandenburg, steckt mittendrin in diesem Kampf: Die 360 Mitarbeiter des 1600-Megawatt-Kraftwerks, die Bevölkerung und die Arbeiter in den nahegelegenen Tagebauen stehen vor einer unsicheren Zukunft. Viele Bewohner der Region hoffen allerdings, dass die riesigen Kohlebagger bald gestoppt werden. Kraftwerksbetreiber Vattenfall hat bereits keine Lust mehr auf sein Braunkohlegeschäft - und will es 2016 verkaufen, mitsamt der Anlage in Schwarze Pumpe. (nis)

Grafenrheinfeld
Grafenrheinfeld ist eine Art Labor des deutschen Atomausstiegs. Mitte 2015 wurde in dem unterfränkischen Dorf ein großes Kernkraftwerk stillgelegt- nach nur 33 Jahren Betriebszeit. Nun muss Betreiber Eon die Anlage abwracken. Das soll nach offiziellen Angaben gut 12 Jahre dauern, Kritiker rechnen mit 20 Jahren und mehr. Die Geschwindigkeit wird nicht zuletzt davon bestimmt werden, wieviel Geld Eon Jahr für Jahr für diese undankbare Aufgabe in die Hand nehmen kann und will. (nis)

Bonn
Bonn als Hotspot, im Jahr 2016? Tatsächlich ist das Machtzentrum der Republik längst ostwärts gezogen - zu viele Ministerien sind nach Berlin und in andere Teile des Landes abgewandert. Eine Bonner Behörde wird jedoch zunehmend wichtiger: die Bundesnetzagentur. Sie reguliert unter anderem die Stromnetze, und in diesem Bereich gibt es viel zu tun. In den kommenden Jahren werden Tausende Kilometer Leitungen benötigt, weil sich die Elektrizitätswirtschaft gerade rasant ändert. Im Norden speisen mehr und mehr Windparks ihren Strom ein, im Süden fehlen zunehmend Kraftwerke. Bis sich die Lage entspannt, muss die Bundesnetzagentur auch eine Kraftwerks-Notreserve organisieren, die Lichter in Süddeutschland nicht ausgehen. (nis)

Cupertino
Es ist eines der meistbesprochenen Geheimprojekte des Silicon Valley: Seit Monaten zeichnet sich ab, dass der Technologiekonzern Apple aus Cupertino ein eigenes Elektroauto plant. Eine offizielle Bestätigung des bei neuen Produkten so verschlossenen Konzerns gibt es dazu noch nicht, dafür aber reichlich Indizien. So hat Apple in den vergangenen Monaten kräftig Mitarbeiter in der Autobranche abgeworben – darunter zahlreiche Experten des Elektroauto-Herstellers Tesla und eines US-Batteriespezialisten.
Über 1000 Mitarbeiter sollen bereits für das "Projekt Titan" getaufte Auto-Projekt arbeiten, hieß es zuletzt in Medienberichten. Im Herbst hat sich Apple auch die Nutzung eines Geländes für Auto-Testfahrten nordöstlich von San Francisco gesichert. Mit BMW hat Apple-Chef Tim Cook bereits vor einem Jahr über eine mögliche Kooperation gesprochen, wie manager magazin berichtete - die Gespräche wurden aber ergebnislos abgebrochen. Zuletzt wich Cook Fragen über ein mögliches Apple-Auto aus.
Vielleicht gibt Cook ja im kommenden Jahr seine Geheimnistuerei auf und verrät selbst ein paar Details zu Apples iCar. Vor 2019, meinen Branchenkenner, dürfte Apple aber kaum sein Smartphone auf Rädern vorstellen. (wed)

Tahoe-Reno
Die ersten Gebäude stehen schon, und das Werksgelände sieht verdammt groß aus: Mitten in der Wüste von Nevada entsteht in Windeseile die größte Batteriefabrik der Welt. Sie soll dem Elektroauto-Hersteller Tesla, der das Werk ganz unbescheiden "Gigafactory" getauft hat, schnell billigere Akkus für seine Fahrzeuge liefern. Gemeinsam mit dem Partner Panasonic hat Tesla einen ehrgeizigen Zeitplan aufgestellt: Mitte 2014 erfolgte der Spatenstich für die Fabrik, in die Tesla und Panasonic insgesamt fünf Milliarden Dollar investieren. Bereits im Frühjahr 2016 soll die Batterieproduktion in dem Werk anlaufen, das mit über einer Million Quadratmeter Nutzfläche das zweitgrößte Gebäude der Welt werden soll. Im Endausbau, den Tesla für das Jahr 2020 anvisiert, sollen 6500 Arbeiter dann jährlich mehr Lithium-Ionen-Batterien produzieren als 2013 weltweit hergestellt wurden.
Mit der Akku-Massenfertigung in der Fabrik, die ausschließlich mit erneuerbaren Energien betrieben werden soll, will Tesla seine Kosten je Kilowattstunde um 30 Prozent drücken. Das soll vor allem Teslas drittem Elektroauto Model 3 helfen, das Tesla im Frühjahr 2016 vorstellen will – und mit dem der Autohersteller auf den Massenmarkt zielt. (wed)

Washington, William Jefferson Clinton Federal Building, 1200 Pennsylvania Avenue, N.W. Washington, DC 20460, USA
Hinter den Mauern dieses neoklassizistischen Gebäudes im Zentrum von Washington werden die VW-Topmanager im Jahr 2016 um viele Millionen Euro ringen. Hier hat die US-Umweltbehörde EPA ihren Hauptsitz, die den Skandal um die durch Software manipulierten VW-Dieselmotoren Mitte September 2015 ins Rollen brachte. Nun muss VW der US-Behörde Pläne vorlegen, wie die rund 500.000 betroffenen Diesel-Pkw in den USA repariert werden sollen.
Die Lösung ist wegen der strengeren Stickoxid-Normen in den USA schwieriger als in Europa, wo ein Luftströmungsfilter ausreicht. Deshalb hat der VW-Konzern bisher noch keinen Rückrufplan in Nordamerika vorgelegt – Anfang 2016 dürfte es aber so weit sein.
Die Behörde kann zudem Strafen von bis zu 37.500 Dollar pro betroffenem Wagen verhängen, insgesamt wären das gut 20 Milliarden Euro. Da VW aber mit der EPA zusammenarbeitet, ist eine solche Maximalstrafe unwahrscheinlich. Wie hoch die Strafe ausfällt, hängt von der Kooperationsbereitschaft der VW-Manager ab – die ist wohl in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen. (wed)

San Francisco, Phillip Burton Federal Building, 450 Golden Gate Ave, San Francisco, USA
Für Volkswagen wird ein 21-stöckiger, 95 Meter hoher Glaspalast im Zentrum von San Francisco im kommenden Jahr zu der zweiten großen Bühne im Abgasskandal: Denn im Phillip Burton Federal Building arbeitet der Bezirksrichter Charles Breyer. Der 74-jährige Jurist ist nun damit beauftragt, jene 500 Sammelklagen zu bündeln, die US-Kläger in den USA gegen den Volkswagen-Konzern eingereicht haben.
Für VW geht es bei den Zivilklagen vor allem um Vorwürfe von Autobesitzern wegen Betrugs und Vertragsbruchs. Es klagen aber auch Anleger, die unter dem Absturz der VW-Aktie litten sowie Landkreise und Gemeinden wegen Umweltverschmutzung. Zudem ermitteln das US-Justizministerium und mehrere Bundesstaaten.
Bislang befinden sich die Fälle noch im vorprozessualen Stadium ("pretrial") - das Verfahren kann sich lange hinziehen. Es ist nicht klar, wie viele Klagen letztlich zugelassen werden. Richter Breyer wird einige Klägeranwälte bestimmen, die im Prozess Führungsrollen übernehmen. Sie nehmen die Vorfinanzierung hoher Prozesskosten in Kauf, dürfen aber hoffen, am Ende besonders stark zu profitieren. (wed)

Duisburg – wo der Stahlmarkt neu erfunden wird
Duisburg, Ruhrpott, Schwerindustrie – kaum ein Ort dürfte gedanklich weiter von Digitalisierung und Industrie 4.0 entfernt sein. Tatsächlich wird die Stadt an Rhein und Ruhr für Corporate Deutschland jedoch gerade zum Hotspot der Modernisierung – denn dort hat der Stahlhändler Klöckner & Co. seinen Sitz, der es auf dem Weg in die Zukunft besonders eilig hat.
Zwei Stoßrichtungen hat KlöCo-Chef Gisbert Rühl, 56, seinen Leuten vorgegeben. Erstens: Die eigens gegründete Tochter kloeckner.i soll den Stahlhandel ins Internet verlagern. Geplant ist also nicht weniger als eine Revolution in dieser Branche, die Rühl selbst als "sehr, sehr konservativ" bezeichnet. Und zweitens: Über die Tochter klockner.v will Rühl Start-ups finanzieren, und zwar vor allem solche, die dabei sind, Klöckner & Co. auf angestammtem Terrain Konkurrenz zu machen. Die Musikindustrie sei von Apple kalt erwischt worden, so Rühls Begründung. Eine solche Überraschung will sich der Stahlmanager ersparen.
Für den Klöckner-Vormann und seinen Konzern könnte 2016 also eine Vorentscheidung fallen: Klappt der Wandel zum Stahlhändler mit Web-Anschluss, oder scheitert das Projekt beispielsweise an den Beharrungskräften der traditionsreichen Industrie? Die Antwort dürfte nicht nur über Rühls Status entscheiden. Auf dem Spiel steht womöglich die Motivation deutscher Betriebe generell, die nach Duisburg schauen und sich fragen, ob und wie sie selbst die Herausforderung Industrie 4.0 anpacken sollen. (cr)

München
München, Olympiahalle, 7. März: ein Autokonzern feiert sich selbst. 100 Jahre Bayerische Motoren Werke, der Aufstieg vom kleinen Motorenbauer zum führenden Hersteller von Premium-Autos: Vorstandschef Harald Krüger (49) lädt die Quandt-Familie als BMW-Hauptaktionär und Mächtige aus Wirtschaft und Politik zur Feier einer automobilen Erfolgsgeschichte.
Neun Tage später wird Krüger wieder im Focus stehen, diesmal in der BMW-Welt. Dann allerdings geht es um die Zukunft: um BMWs Konzept für die automobilen Herausforderungen der Zukunft. Seit Krügers Amtsantritt im Frühjahr 2015 treffen sich die BMW-Vorstände immer wieder zu Strategieklausuren. Sie beraten, was der Konzern braucht, um auch 2025 erfolgreich zu sein. Die Autowelt wird sich bis dahin massiv ändern, so viel ist klar. Aber wie viel Elektromobilität braucht der Konzern, wie viel rollendes Handy muss aus dem Luxus-Auto der Zukunft werden, wie viel individuellen Fahrspaß wollen die Käufer und wie viel Computersteuerung? Was bedeutet das alles für die künftige Werksstruktur und das Händlernetz, wie viel Kooperation mit anderen Autoherstellern ist nötig, ab wo wird es gefährlich? Und wie will Krüger die Rendite auf 8 bis 10 Prozent halten? Der Vorstandschef will Antworten geben, teils offen, teils nur andeutungsweise.
Sein Vorgänger Norbert Reithofer hatte zu seinem Amtsantritt die Strategie Number One entwickelt – und die Ziele mehr als erfüllt. Krüger wird Reithofers Programm fortschreiben; nicht auf den Kopf stellen. Aber egal, was der BMW-Chef genau präsentiert: Autofans und Investoren dürften im März auf ihre Kosten kommen. Die einen, wenn Krüger in der Olympiahalle eine BMW-Vision der automobilen Zukunft präsentiert. Die anderen, wenn der Autobauer tatsächlich, wie von internationalen Anlegern vorfreudig erwartet, eine satte Jubiläumsdividende ausschüttet. (tag)

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