07.12.2017

Wegen Energiewende

General Electric streicht 1600 Jobs in Deutschland

mg/rtr

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GE-Logo: Insgesamt sollen 12.000 Stellen gestrichen werden

Siemens

Wer oder was ist Siemens, und wie lange noch? Die Frage stellt man sich nicht zuletzt in der 2016 eröffneten Münchener Zentrale. Die spiegelt schon baulich den Wandel des Konzerns in einen lockeren Holding-Verbund: Platz ist für 1200 Beschäftigte, aber nicht unbedingt ein fester Stammplatz im Büro.

Siemens

Mit Healthineers löst sich der größte Gewinnbringer unter den Siemens-Sparten teilweise ab. Im ersten Halbjahr 2018 soll die Medizintechnik an die Börse gehen, die Bewertungsfantasie geht bis 40 Milliarden Euro. Siemens behält - zumindest vorerst - die Mehrheit der Anteile.

Umsatz im Geschäftsjahr 2017: 13,8 Milliarden Euro

Marge: 18,1 Prozent

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Die Windkraftsparte ist bereits seit April eigenständig: Siemens Gamesa Renewable Energy entstand aus der Fusion mit dem spanischen Wettbewerber Gamesa. Das gemeinsame Unternehmen mit Sitz im Baskenland gehört zu 59 Prozent Siemens, und soll mit vereinter Kraft die Branchenführung übernehmen. Angesichts roter Zahlen ist zunächst aber erst einmal Sparkurs mit der Streichung tausender Stellen angesagt.

Umsatz im Geschäftsjahr 2017: 7,9 Milliarden Euro

Marge: 4,3 Prozent

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Nach demselben Muster auf dem Weg nach draußen ist die Bahnsparte Mobility, die unter Führung des französischen Rivalen Alstom mit Siemens als Mehrheitseigner die Bahnindustrie dominieren soll - einschließlich der Bahnantriebe, die noch in der Sparte Process Industries and Drives eingegliedert sind. Ende 2018 soll der neue europäische Marktführer in Paris stehen.

Umsatz im Geschäftsjahr 2017: 8,1 Milliarden Euro (nur Siemens Mobility)

Marge: 9,2 Prozent (nur Siemens Mobility)

Siemens

Zum Kerngeschäft könnte sich gemäß der "Vision 2020" von Konzernchef Joe Kaeser, Siemens "entlang der Wertschöpfungskette der Elektrifizierung und Automatisierung" aufzustellen, die Sparte Power and Gas zählen. Doch das hätte für die Windkraftsparte und die Bahntechnik auch gelten können. Trennungspläne gibt es für die Produktion von Turbinen als Ganzes nicht - wohl aber für einzelne Werke und mehrere Tausend Beschäftigte wegen der flauen Nachfrage. Die mit Kaesers erstem großen Deal, dem Kauf der US-Firma Dresser-Rand, in den Fokus gerückte Öl- und Gasindustrie macht auch kaum Freude.

Umsatz im Geschäftsjahr 2017: 15,5 Milliarden Euro

Marge: 10,3 Prozent

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Auch Process Industries and Drives ist von den aktuellen Kürzungsplänen betroffen - wie auch von der Fusion der Bahntechnik mit Alstom. Vom Margenziel 8-12 Prozent ist die Sparte, die beispielsweise Antriebe für den Maschinenbau fertigt, notorisch weit entfernt. Zuletzt ging es etwas aufwärts, wenn auch nicht mit der Stimmung in der Belegschaft

Umsatz im Geschäftsjahr 2017: 8,8 Milliarden Euro

Marge: 5,0 Prozent

Siemens

Energy Management passt wiederum eindeutig in die Wertschöpfungskette des Elektrokonzerns. Das Geschäft mit Transformatoren und Umspannwerken erfüllt auch - abgesehen von anfänglichen Fehlinvestitionen mit dem Anschluss von Offshore-Windparks - die Hoffnung, von der Energiewende zu profitieren. Die Nachfrage nach Ausbauten im Stromnetz erweist sich bisher als solider als die nach Windrädern oder gar Gaskraftwerken.

Umsatz im Geschäftsjahr 2017: 12,3 Milliarden Euro

Marge: 7,6 Prozent

Siemens

Die Gebäudetechniksparte Building Technologies steht für das kundennahe Ende der Wertschöpfungskette. Hier glaubt auch Siemens an den Trend zum "Smart Home" - während die Hausgerätesparte vor Jahren schon an den Ex-Partner Bosch ging, der im Unterschied zu Siemens Potenzial in der Vernetzung Weißer Ware sieht.

Umsatz im Geschäftsjahr 2017: 6,5 Milliarden Euro

Marge: 12 Prozent

Siemens

Die Vorzeigesparte heißt Digital Factory. Siemens baut zwar selbst keine Roboter, sieht sich aber als einer der Vorreiter in der Automatisierung und Digitalisierung der Industrie - der "vierten industriellen Revolution". Abgerundet wird das Geschäft auch durch herkömmliche Schaltanlagen, verstärkt wurde es zuletzt durch mehrere teure Zukäufe von Industriesoftwarefirmen. Der Status schützt allerdings nicht vor Sparprogrammen und Stellenabbau

Umsatz im Geschäftsjahr 2017: 11,4 Milliarden Euro

Marge: 18,8 Prozent

Wegen schlecht laufender Geschäfte auf dem Energiemarkt will der US-Industriekonzern General Electric als Teil eines weltweiten Jobabbaus in Deutschland rund 1600 Stellen streichen. Die Fertigung in Berlin und Mönchengladbach soll geschlossen werden, wie GE am Donnerstag mitteilte. Betroffen von der Restrukturierung seien daneben vor allem die Standorte Mannheim, Stuttgart und Kassel.

Auch der Münchener Rivale Siemens hatte erst Mitte November im Geschäft mit Turbinen, Generatoren und großen Elektromotoren den Abbau von rund 7000 Arbeitsplätzen, davon die Hälfte in Deutschland, angekündigt. Weltweit will GE in der Energiesparte etwa 12.000 Stellen streichen.

GE werde die Pläne mit den Arbeitnehmervertretern beraten. Die IG Metall kündigte Widerstand an: "Das ist ein Schlag ins Gesicht der Beschäftigten, den sie nicht hinnehmen werden", sagte der Freiburger Gewerkschaftschef Marco Spengler. GE setze "seine industrielle Existenz in Deutschland aufs Spiel".

Vom Stellenabbau betroffen sind vor allem Arbeitsplätze außerhalb der USA. In der Schweiz etwa will GE rund 1400 Arbeitsplätze abbauen - das entspricht einem Drittel aller dortigen Jobs. Ziel ist, die strukturellen Kosten im nächsten Jahr um eine Milliarde US-Dollar zu senken.

Deutschlandweit rund 10.000 Mitarbeiter

In Deutschland ist GE nach eigenen Angaben seit 130 Jahren aktiv und beschäftigt an gut 50 Standorten rund 10.000 Menschen. Das Land sei ein Schlüsselmarkt, die Geschäfte mit Energietechnik zählt der US-Konzern zu den Unternehmensschwerpunkten hierzulande.

Allerdings befinde sich die Sparte GE Power derzeit "in einem sehr schwierigen Marktumfeld", hieß es in der Mitteilung weiter. Gründe seien der Rückgang der Energieproduktion in Kohle- und Gaskraftwerken, der wachsende Anteil erneuerbarer Energien, kombiniert mit steigender Energieeffizienz und "ein enormer Preisdruck", auch durch die Konkurrenz aus Asien. "In Deutschland steht der Markt für konventionelle Kraftwerke unter besonders massivem Druck", teilte GE mit. Man habe in den vergangenen Jahren "kaum ein größeres Projekt" umsetzen können.

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Die IG Metall verwies darauf, dass die Power-Sparte zuletzt eine operative Marge von 9,5 Prozent eingefahren und deutlich zu den Milliardengewinnen des US-Konzerns beigetragen habe. Die geplanten europaweiten Stellenstreichungen seien "in keinster Weise nachvollziehbar" und dienten "alleine kurzfristiger Profitmaximierung". Die Gewerkschaft verlangte stattdessen eine nachhaltige Investitionsstrategie. Auch mit GE-Konkurrent Siemens streitet die IG Metall über Jobabbau-Pläne: Im Feuer steht hier vor allem die Kraftwerkssparte, die unter den Folgen der Energiewende leidet.

GE hatte 2015 die Energiesparte des französischen Alstom-Konzerns mit rund 65.000 Mitarbeitern und zahlreichen Werken weltweit übernommen. Kurz darauf sackte die Nachfrage nach Technik und Ausrüstung für die konventionelle Energieerzeugung ab. Vergangenen Monat kündigte GE bereits Kostensenkungen und Einschnitte im Energiegeschäft an, ohne die geplanten Stellenstreichungen zu konkretisieren.

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