Sonntag, 9. Dezember 2018

Kraftwerke müssen abschalten Pfusch bei Turbinen fliegt General Electric jetzt um die Ohren

Teures Instandsetzen: General Electric muss die Schaufeln der bis zu 400 Tonnen schweren Gasturbine der H-Klasse erneuern
Jean-Paul Iltis
Teures Instandsetzen: General Electric muss die Schaufeln der bis zu 400 Tonnen schweren Gasturbine der H-Klasse erneuern

General Electric hat ernsthafte Probleme mit fehlkonstruierten Schaufeln seiner bis zu 400 Tonnen schweren Gasturbinen. Bislang haben 18 Kraftwerke weltweit den Dienst mit diesen Turbinen eingestellt. Für die Instandsetzung hat der Konzern bislang 500 Millionen Dollar veranschlagt. Doch das dürfte wohl nicht reichen.

Die Probleme mit fehlkonstruierten Turbinenschaufeln holen den Industriekonzern General Electric Börsen-Chart zeigen jetzt mit voller Macht ein. Kraftwerksbetreiber in Japan, Taiwan, Frankreich und an mehreren Standorten in den USA haben mindestens 18 der bislang 55 ausgelieferten Turbinen des neueren Typs HA stillgelegt oder beabsichtigen dies. Das berichtet der englischsprachige Dienst der Nachrichtenagentur Reuters exklusiv.

Das manager magazin hatte bereits in seiner aktuellen Dezember-Ausgabe über die Probleme mit den Turbinenschaufeln berichtet. "Oxidationsprobleme" bei den Metalllegierungen seien dafür verantwortlich, hatte demzufolge GE-Power-Chef Russell Stokes erklärt. Sie ließen sich durch "kleinere Anpassungen" lösen.

Das klingt nach einer beherrschbaren Kleinigkeit. Für die Instandsetzung der Schaufeln hat GE nach eigenen Angaben rund 500 Millionen Dollar eingeplant. Angesichts der Probleme in anderen Sparten mag die Summe noch gering erscheinen.

Doch Experten schätzen, dass der Pfusch bei der Produktion des GE-Topsellers - also den hoch-effizienten H-Klasse-Turbinen - den Konzern letztlich noch viel mehr Geld kosten wird. Denn die 75 mittelgroßen Turbinen der F-Klasse tragen dieselben fehlerhaften Schaufeln.

GE verzichtete auf Praxistest der Turbinen in Kraftwerken

Offensichtlich hatte GE in der Entwicklung und beim Test der Turbinen stark aufs Tempo gedrückt. So hatte GE auf längere Testphasen in Kraftwerken, wie sie die Wettbewerber Siemens und Mitsubishi bei neuen Großturbinen durchführen, verzichtet. Das habe man alles digital erledigt, so die Begründung des Konzerns.

Die Schäden an Schaufeln von teils weit unter ihren üblichen Laufzeiten in Betrieb befindlichen Turbinen scheinen indes erheblich zu sein. So liegen Reuters wie auch dem manager magazin Fotos vor, die Dutzende von gezackten und gebrochenen Schaufeln einer Turbine des US-Energieversorgers Exelon Corp. zeigen.

Bei der Schadensbeseitigung scheint GE indes transparent und kooperativ zu agieren, erklärten dem Bericht zufolge drei Vertreter von betroffenen Energieversorgern gegenüber den Reuters-Reportern. Die Schaufeln würden kostenlos ausgetauscht.

"Insgesamt sind wir mit der HA-Technologie von GE und der Leistungsfähigkeit der Turbinen sehr zufrieden", zitiert Reuters zum Beispiel eine Sprecherin des US-Energieversorgers Invenergy, der in einer noch nicht eröffneten Anlage in Pennsylvania Ersatzschaufeln für drei neue HA-Turbinen bekommt.


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GE-Anlagen erzeugen immer noch gut ein Drittel des weltweiten erzeugten Stroms. Doch gemessen an der Kapazität neu bestellter Turbinen lag der lange Zeit mit großem Abstand dominierende Marktführer zuletzt nur noch knapp vor Siemens. Laut eigenen Angaben hat General Electric in den ersten neun Monaten dieses Jahres sieben Aufträge für HA-Großturbinen verbucht - und damit nur halb so viel wie im Vorjahreszeitraum.

GE leidet wie die Wettbewerber auch unter der weltweit rückläufigen Nachfrage nach großen Gasturbinen, die sich laut Reuters auf dem tiefsten Stand seit 23 Jahren befindet. Das besondere Problem bei GE:

GE Power kam mit den rund 400 Tonnen schweren und zuletzt verbesserten Turbinen vergleichsweise spät auf den Markt, als Wettbewerber wie Siemens und Mitsubishi große Teile dieses Marktes schon besetzt hatten. Um den Rückstand aufzuholen, zettelte GE einen gnadenlosen Preiskampf an, unterbot die Preise der Wettbewerber um bis zu 20 Prozent, um seinen Marktanteil in dieser Turbinenklasse signifikant zu erhöhen.

Das blieb nicht ohne Folgen. Auch wegen enormer Abschreibungen in der Kraftwerkssparte hatte GE im dritten Quartal einen Verlust von 22,8 Milliarden Dollar verbucht. Der erst seit Oktober amtierende neue Vorstandschef Larry Culp hat bereits erste Konsequenzen gezogen: Die Zentrale von GE Power stampft er gehörig ein und spaltet die Sparte in zwei Teile auf: zum einen in die Gasturbinen samt des Service-Geschäfts, das viele bereits als neue "Bad Bank" des Konzerns sehen, und zum anderen das in restliche Geschäft mit Dampfturbinen, Atomkraft und Stromübertragung.

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