Sonntag, 22. Juli 2018

Coba-Vorstand Michael Reuther zur Digitalisierung "Mit Smart Data zu expandieren, ist die Königsdisziplin"

Maschinen werden vernetzt, Kundendaten stärker genutzt: "Der Facebook-Datenskandal ist in diesem Kontext positiv - wir brauchen Rechts- und Verfahrenssicherheit"
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Maschinen werden vernetzt, Kundendaten stärker genutzt: "Der Facebook-Datenskandal ist in diesem Kontext positiv - wir brauchen Rechts- und Verfahrenssicherheit"

Beim Thema "Smart Data" liegt der Mittelstand zurück: Nicht einmal jedes zehnte mittelständische Unternehmen in Deutschland gibt laut einer Studie an, Daten systematisch zu erfassen, zu analysieren und zu nutzen. Commerzbank-Vorstand Michael Reuther erklärt, wie Unternehmen aufholen können, warum der Facebook-Datenskandal dabei hilfreich ist - und welche neuen Geschäftsfelder sich auch für Banken ergeben.

mmo: Herr Reuther, nur 8 Prozent der in der Studie befragten mittelständischen Unternehmen in Deutschland nutzen Big Data systematisch. Einer der Gründe dafür ist die mangelnde Bereitschaft der Führungskräfte, in das Thema einzusteigen. Woher kommt diese Zurückhaltung?

Michael Reuther
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    Commerzbank
    Michael Reuther ist Mitglied des Vorstands bei der Commerzbank und zuständig für den Bereich Firmenkunden.

Michael Reuther: Viele Mittelständler in Deutschland sammeln inzwischen Daten - aber nur wenige fangen auch etwas damit an. Das Thema "Smart Data" liegt bei etwa einem Drittel aller von uns befragten mittelständischen Unternehmen noch ausschließlich beim Chef selbst, und nicht nur in mittelständischen Familienunternehmen wollen Chefs traditionell die Deutungshoheit darüber behalten, wie sich das Unternehmen entwickelt. Außerdem ist es nicht leicht, etwas, womit man jahrelang großen Erfolg hatte, grundsätzlich in Frage zu stellen und im Extremfall über Bord zu werfen, um etwas Neues auszuprobieren.

mmo: Wie lässt sich die Zurückhaltung vieler Unternehmer beim Thema Big Data dennoch überwinden?

Reuther: Das funktioniert nur über eine Veränderung der Unternehmenskultur. Viele Unternehmer unterschätzen immer noch, mit welcher Geschwindigkeit und mit welchen Methoden potenzielle Konkurrenten in der Lage sind, das eigene Geschäftsmodell anzugreifen. Die Annahme, die eigene Branche sei nicht betroffen oder werde erst in einem Zeitraum von 5 bis 10 Jahren betroffen sein, ist sehr gefährlich und mittlerweile glücklicherweise die Ausnahme. Aber man sollte die grundsätzliche Einsicht, dass die intelligente und systematische Nutzung von Big Data die Spielregeln in jeder Branche grundsätzlich verändern kann, eben auch als Teil der eigenen Unternehmenskultur verankern.

mmo: Das heißt konkret?

Reuther: Das bedeutet, dass das Thema alle angeht und es keine Insellösungen geben darf. Der Chef muss zum Beispiel Mitarbeitern mehr Raum geben und Wissen teilen, er muss auf Teamarbeit und agile Prozesse setzen und muss dabei auch Verantwortung abgeben. Auch das Produktmanagement und die Abläufe müssen sich häufig ändern, damit wirklich bereichsübergreifend gearbeitet wird. Das bedeutet für viele Unternehmen eine starke Veränderung. Aber darin liegen auch viele Chancen.

mmo: Noch sind deutsche Maschinenbauer weltweit sehr erfolgreich. Dennoch halten mehr als 40 Prozent der befragten Mittelständler eine weitere Vernetzung von Maschinen für nicht sinnvoll. Was ist nötig, damit Maschinenbauer ihre starke Marktposition verteidigen?

Big Data, Smart Data, Lost Data?
Nur wenige mittelständische Unternehmen in Deutschland nutzen bislang die Möglichkeiten großer Datenmengen (Big Data) für ihre Geschäfte. Das geht aus einer repräsentativen Erhebung des Marktforschungsinstituts Kantar TNS im Auftrag der Commerzbank hervor. Zugleich sind 68 Prozent der Unternehmen beunruhigt wegen der Monopolstellung von Tech-Giganten wie Google, Facebook oder Amazon. Für die Erhebung wurden rund 2000 Mittelständler im Zeitraum November 2017 bis Januar 2018 - also vor Bekanntwerden des Facebook-Datenskandals.
Zur Studie von TNS

Reuther: Viele produzierende Unternehmen sind bei der Erfassung ihrer eigenen Daten bereits gut unterwegs. Sie vernetzen Maschinen und managen den Datenstrom über Finanzen, Lagerbestände und andere Ressourcen bereits sehr gut. Big Data geht jedoch weit darüber hinaus: Die Analyse und Verwertung von Kundendaten hilft zum Beispiel auch bei der Distribution, beim Qualitätsmanagement und bei der Optimierung der Service-Intervalle. Man darf auch nicht unterschätzen, was potenzielle Konkurrenten mit derlei Daten anfangen könnten, um das eigene Geschäftsmodell anzugreifen. Mit dem Sammeln von Daten ist es also nicht getan - die große Herausforderung ist es, sie intelligent für die eigenen Zwecke bestmöglich zu nutzen.

mmo: Dafür braucht man zusätzliche Spezialisten …...

Reuther: … ... und diese Spezialisten muss man zugleich in die Führungsteams einbinden und ihnen Verantwortung überlassen. Viele dieser "Data Manager" sind derzeit noch in der Ausbildung, es gibt noch nicht genug Absolventen, und der Wettkampf um die besten Köpfe ist hart. Dennoch gibt es auch Beispiele von erfolgreichen Mittelständlern, deren Chefs selbst im Silicon Valley unterwegs waren, um dann ein paar Spezialisten für eine Case Study ins eigene Unternehmen einzuladen und sich auf diese Weise wertvolle Anregungen zu holen. Viele deutsche Mittelständler sind noch immer in einer guten Wettbewerbsposition und können sich Investitionen in Smart Data Management durchaus leisten.

mmo: Und wer sich all diesen Aufwand nicht leisten mag oder kann?

Reuther: Der geht ein sehr hohes Risiko ein, in absehbarer Zeit Marktanteile zu verlieren.

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