Montag, 30. Mai 2016

Ende der Sanktionen Diese Branchen hoffen auf große Deals mit Teheran

Börse in Teheran: "Zehn Milliarden Euro Exportvolumen durchaus realistisch"

Nach dem Ende der Sanktionen gegen Iran wittern vor allem deutsche Unternehmen dort ein Milliardengeschäft. Doch einige Probleme trüben die Goldgräberstimmung.

Die Meldung versetzte viele Iraner in Jubelstimmung: Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) bestätigte am Samstagabend, dass Teheran sein Atomprogramm massiv zurückgefahren hat. Damit sind die Voraussetzungen erfüllt, dass die USA und die EU die Strafmaßnahmen gegen Teheran aufheben, die rund ein Jahrzehnt galten. Iran kann an den Weltmarkt zurückkehren.

Doch nicht nur Teheran verspricht sich jetzt einen immensen Aufschwung.

Vor allem Unternehmen aus Deutschland haben große Hoffnungen darauf, vom Ende der Sanktionen zu profitieren:

  • Die Flugzeugindustrie preschte bereits vor: Nach Angaben von Irans Transportminister Abbas Achundi orderte das Land inzwischen 114 Airbus-Maschinen.

  • Eine schnelle Wiederbelebung der Kontakte sei jetzt nötig, betonte der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Volker Treier. "Dann ist für deutsche Unternehmen mittelfristig ein Geschäftsvolumen von fünf Milliarden Euro drin; langfristig sind zehn Milliarden Euro Exportvolumen durchaus realistisch."

  • Besonders die Maschinenbauer haben sich in Stellung gebracht. "Es gilt, die Chancen in Iran zu nutzen", sagt der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands VDMA, Thilo Brodtmann. Die Mitgliedsunternehmen würden bereits seit Monaten auf die Zeit nach dem Ende der Sanktionen vorbereitet.

  • Auch die Logistikbranche hat großes Interesse. "Es gibt so etwas wie Goldgräberstimmung", sagte Schenker-Manager Michael Dietmar zum Jahreswechsel. "Iran ist für uns ein hochinteressanter Markt."

  • Hoffnungsträger könnte auch die Landwirtschaft sein. Agrarminister Christian Schmidt (CSU) kündigte auf der Grünen Woche in Berlin den Aufbau direkter Geschäftsbeziehungen mit Teheran an; er sieht ebenfalls ein neues Kapitel im Verhältnis.

  • Außer den klassischen Produkten gibt es in Iran inzwischen auch eine wachsende Nachfrage nach erneuerbarer Energie - vor allem Windkraft ist laut deutsch-iranischer Handelskammer gefragt.

  • Die Automobilbranche steht ebenfalls in den Startlöchern. Bei VW ist aus Unternehmenskreisen zu hören, dass der Konzern mit von der Partie sein will, wenn westliche Hersteller ihre Autos wieder in Iran verkaufen dürfen. Die VW-Tochter Audi sieht in dem islamischen Schwellenstaat sogar "wachsendes Potenzial für Premiummarken". Auch Daimler und BMW planen, wieder in Iran aktiv zu werden.

Doch gleichzeitig äußern alle deutschen Autohersteller auch Bedenken. Eine Daimler-Sprecherin betonte, das Unternehmen habe bisher weder einen autorisierten Importeur noch ein Händlernetz in Iran und übe daher aktuell keine Geschäftstätigkeit im Markt aus. Audi beobachte die politische Entwicklung. Auch bei BMW hieß es: "Ein zukünftiger Einstieg in den iranischen Markt hängt sowohl von den politischen als auch von den wirtschaftlichen Entwicklungen ab."

Denn um die Geschäfte in Gang zu bringen, gibt es noch einige Hürden zu überwinden:

  • Überschatten könnte den Aufschwung vor allem der Einbruch der Ölpreise. Stürzt der Preis für das "schwarze Gold" weiter ab, so fürchten viele, könnten ein geschröpfter Staatshaushalt und eine schwächere Nachfrage in Iran auch auf die Exporte dorthin durchschlagen. "Die Aufhebung der Sanktionen kommt für den Ölmarkt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt", sagt Commerzbank-Rohstoffexperte Eugen Weinberg. Sein Kollege Heiko Peters von der Deutschen Bank spricht von einem "extrem schwierigen Umfeld". Und der Chef des Mineralölwirtschaftsverbands, Christian Küchen, mahnte bereits im August: "Die Entwicklung in Iran bleibt die große Frage."

  • Zudem müssen Probleme bei der Abwicklung des Zahlungsverkehrs überwunden werden. Die iranischen Geldinstitute sind noch vom internationalen Zahlungsverkehrssystem Swift abgekoppelt - ohne Swift, mit dem Banken grenzüberschreitende Überweisungen abwickeln, läuft nichts. Bis alle wichtigen Banken in das System integriert sind, wird wohl noch einige Zeit vergehen.

  • Entscheidend aus deutscher Sicht ist außerdem eine sichere Finanzierung. Nötig seien Zusagen, dass Kreditinstitute nicht in den USA belangt werden, wenn sie Iran-Geschäfte begleiten, sagte DIHK-Mann Treier. Wie teuer Ärger mit den USA werden kann, erlebte die Commerzbank. Sie musste für einen Vergleich 1,45 Milliarden Dollar hinblättern, um ein Geldwäscheverfahren beizulegen. "Sanktionen, die Banken betreffen, müssen aufgehoben werden", fordert daher der deutsche Bankenverband.

Iran war einst zweitwichtigster Exportmarkt Deutschlands

Fest steht: Der Nachholbedarf Irans ist enorm. Das grüne Licht der Atomenergiebehörde IAEA vom Samstagabend in Wien öffnet eine Ökonomie mit 80 Millionen Menschen. Insgesamt überwiegt deshalb die Zuversicht. "Iran hat ausreichende Rücklagen und ist solvent. Ersatzinvestitionen sind angesichts veralteter Anlagen dringend erforderlich", meint der Sprecher des Bundesverbandes Groß- und Außenhandel (BGA), André Schwarz.

Der BGA prognostiziert einen Anstieg des Ausfuhrvolumens von 2,4 Milliarden Euro im Jahr 2014 auf bis zu zehn Milliarden Euro in den nächsten vier bis fünf Jahren. "Wir rechnen uns erhebliche Chancen aus."

In den Siebzigerjahren lag Iran laut DIHK für die deutsche Wirtschaft als zweitwichtigster Exportmarkt außerhalb Europas hinter den USA. Dann schrumpfte die Bedeutung stetig: 2005 vor den Sanktionen habe Iran Waren im Wert von 4,4 Milliarden Euro aus Deutschland importiert, 2014 seien es weniger als 2,4 Milliarden gewesen. Jetzt soll es wieder aufwärts gehen.

Kursabstürze an den Börsen

Für die Börsen am Golf ging es am Sonntag stattdessen gleich steil bergab. Weil sich der weltweite Ölpreisverfall durch das Atomabkommen noch verstärken wird, brachen die Kurse ein.

Die saudi-arabische Börse in Riad verlor 5,44 Prozent, zwischenzeitlich lag das Minus gar bei sieben Prozent. Die Papiere aus der Ölindustrie gaben um 5,13 Prozent nach. In Katar, dem zweitgrößten Handelsplatz am Golf, drehten die Kurse bis zum Mittag mit 5,6 Prozent in den roten Bereich. In Dubai landeten die Kurse auf ihrem niedrigsten Stand seit drei Jahren. In Kuwait rutschte der Index unter die 5000-Punkte-Marke auf ein Zwölfjahrestief.

cst/dpa/AFP/Reuters

Mehr manager magazin
Zur Startseite
Kommentare
0
Diskussionsregeln

Wir freuen uns über lebendige, konstruktive und inspirierende Diskussionen auf manager magazin online. Um die Qualität der Debattenbeiträge sicherzustellen, werden unsere Moderatoren jeden Beitrag prüfen. Eine Nutzung der Kommentarfunktion zu kommerziellen Zwecken ist nicht erlaubt. Beiträge mit vorwiegend werblichem, strafbarem, beleidigendem oder anderweitig inakzeptablem Inhalt werden von unseren Moderatoren gelöscht.

© manager magazin 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH