Sonntag, 20. August 2017

Sie kennen Siegwerk nicht? Ein Fehler Wie ein deutscher Industrie-Dino die Welt aufmischt

Herbert Forker (l.) und Alfred Keller: "Bei uns weiß jeder, was er kann und was nicht"
Marina Rosa Weigl für manager magazin
Herbert Forker (l.) und Alfred Keller: "Bei uns weiß jeder, was er kann und was nicht"

Ein bedächtiger Eigentümer und ein forscher Chef haben aus dem Farbenhersteller einen Global Player gemacht.

Entrepreneur des Jahres
Der Weg zum Sieg
Das Verfahren
Aus knapp 60 Bewerbungen zum "Entrepreneur des Jahres 2016" wurden von EY 35 Finalisten ausgewählt. Eine unabhängige Jury kürte die Sieger in den vier Kategorien Start-up, Industrie, Dienstleistung/IT und Konsumgüter/Handel. Außerdem gibt es zwei Ehrenpreise für ein vorbildliches Familienunternehmen und einen Social Entrepreneur.
Die Jury
Patrick Adenauer (Bauwens GmbH), Ulrike Detmers (Mestemacher-Gruppe), Florian Nöll (Bundesverband Deutsche Startups), Christine Volkmann (Universität Wuppertal) und Manfred Wittenstein (Wittenstein AG).

Siegburg, Alfred-Keller- Straße 55. Ein weitläufiges Firmengelände, moderne Fabrikhallen, alte Backsteinbauten. In der ersten Etage ein Konferenzraum mit allen technischen Raffinessen, die heutzutage ein modernes Unternehmen braucht: Flipcharts, Beamer, Sprechanlage für Telefon- und Videokonferenzen und eine schicke Espressomaschine.

Ein paar Zimmer weiter auf dem Flur eine Mischung aus Arbeits- und Gesellschafterraum mit dunklen braunen Möbeln. Ölgemälde an der Wand, auf der Kommode steht ein Teeservice.

Im Konferenzraum doziert Herbert Forker (59) eloquent über modernes Management und Mitarbeiterführung in Zeiten der Globalisierung. 20 Schritte weiter, im Gesellschafterraum, spricht mit leiser, bedächtiger Stimme Alfred Keller (62) über Verantwortung und Werte von Familienunternehmen.

Es sind zwei scheinbar völlig verschiedene Welten, in denen sich die zwei Männer bewegen - der Eigentümer Keller, der das Unternehmen in sechster Generation als Beiratsvorsitzender lenkt, und sein angestellter Topmanager Forker. Aber genau diese Gegensätzlichkeit macht aus den beiden ein geradezu kongeniales Duo. Sonst wäre es ihnen nicht gelungen, in den vergangenen 17 Jahren aus einem gewöhnlichen Mittelständler einen globalen Konzern zu formen.

Siegwerk zählt weltweit zu den Top-drei-Anbietern für Druckfarben, die in der Verpackungsindustrie eingesetzt werden. Ob Tabakschachteln, Joghurtdeckel oder Shampooflaschen: Sie werden mit Farben von Siegwerk bedruckt. Der Umsatz liegt inzwischen bei über einer Milliarde Euro.

Vor 20 Jahren war Siegwerk noch ein solides, sehr deutsches Unternehmen, das Druckfarben an die großen Verlagshäuser wie Burda und Springer und an die damals noch existierenden Versandhäuser lieferte. Die produzierten zu der Zeit noch Kataloge in Millionenauflagen. Dieses Geschäft hätte Siegwerk auch noch etliche Jahre so weiterbetrieben, wenn nicht die Nachfolge angestanden hätte.

An der Spitze stand damals ein 68-jähriger Chemiker als Chef. Als dessen Nachfolge unvermeidlich wurde, beauftragte Eigentümer Keller eine Personalberatung, einen Ersatz für ihn zu suchen. Diese Headhunter präsentierten Herbert Forker, der lange Zeit beim Konsumgüterkonzern Beiersdorf arbeitete und dort zuletzt als US-Geschäftsführer von Tesa fungierte. Forker erinnerte sich an seinen alten Berufswunsch, den er schon in der Alumni-Zeitung der European Business School formuliert hatte: "Geschäftsführer eines mittelständischen Familienunternehmens".

Forker und Keller trafen sich mehrmals. Keller diktiert Forker in diesen Gesprächen die - wie er es formuliert - Eckpunkte, an die sich ein CEO Forker halten müsse: keine Verschuldung, Fokus auf Profitabilität und alle Anteile bleiben im Familienbesitz.

Die beiden Herren einigten sich darauf, ein neues Führungsteam aufzubauen und vor allem die Internationalisierung des Unternehmens - bis dahin noch ohne Töchter im Ausland - zu forcieren.

1999 legte der Neue los. Er ersetzte fast die ganze Firmenleitung, führte Teamarbeit ein und engagierte Berater von McKinsey. Natürlich bekam Forker ordentlich Gegenwehr von der Dashaben-wir-schon-immer-so-gemacht-Fraktion zu spüren. Es fielen Sätze wie: "Die Vertriebler sollen zu den Kunden und nicht rumsitzen und Flipcharts bemalen."

Am selbstbewussten Forker prallten die Widerständler aber ab. Forker wie Keller war klar, dass sich das Unternehmen verändern musste. Sie stimmten in ihrer Analyse überein. Das aus ihrer Sicht größte Manko: Die Firma war zu stark von den Druckfarben für die Printmedien abhängig. Das Internet, so analysierte Forker damals, werde den Verlags- und Versandhäusern das Geschäft wegfressen. Dieser Logik mochte sich auch der Eigentümer nicht verschließen.

Der neue Chef drehte das Businessmodell und setzte verstärkt auf Druckfarben für die Verpackungsindustrie. In dieser Branche war Siegwerk bis dato so klein, dass er sich barsche Worte von den Herstellern anhören musste: "Wir schmeißen euch raus, wenn ihr nicht international vertreten seid."

Forker hatte verstanden. Er kaufte erst eine kleine Firma in Thailand und danach eine etwas größere in den USA. Eigentlich wollten Forker und Keller Stück für Stück hinzuakquirieren, die Übernahmen im überschaubaren Rahmen halten. Doch dieser Plan war obsolet, als Mitte der 2000er Jahre Heuschrecken den Markt aufmischten.

Denn für Siegwerk hieß die Alternative nun: fressen oder gefressen werden. Letzteres kam für den Inhaber nicht infrage. Der Wunsch, die Firma in Familienhand zu behalten, war für Keller unverhandelbar. BASF und Akzo Nobel, die jeweils Übernahmeangebote unterbreiteten, wies der Eigner ab.

Gleichzeitig schalteten er und Forker um auf Angriff. Über informelle Kanäle bekam sein erster Manager Forker Mitte 2005 mit, dass eine Private-Equity-Firma kurz vor dem Kauf des Schweizer Konkurrenten Sicpa stand. "Ich bot mit, aber es musste alles sehr schnell gehen", erinnert Forker sich.

Es waren hektische Wochen damals in der Siegburger Alfred-Keller-Straße. Der Knackpunkt war Kellers Vorgabe, keine Schulden zu machen. "Das war für mich ein großes Thema", sagt Keller, "wir haben lange darüber gesprochen." Am Ende erklärte er sich bereit, seine Doktrin an die neue Realität anzupassen und einen gewissen Kreditrahmen zu akzeptieren. Forker weiß das heute noch zu schätzen: "Das war ein enormer Vertrauensbeweis des Eigentümers."

Ein Vertrauen, das sich ausgezahlt, vielleicht sogar das Unternehmen gerettet hat. Er sei damals ein hohes Risiko eingegangen, sagt Forker rückblickend, "aber nun herrscht bei allen Beteiligten Erleichterung". Durch den Erwerb der größeren Sicpa wurde Siegwerk auf einen Schlag zum internationalen Druckfarbenanbieter, denn die Schweizer waren überall dort stark, wo Siegwerk noch nicht vertreten war, vor allem in Asien, Südamerika und Frankreich.

Heute ist Siegwerk ein global vertretener Konzern, der fast ausschließlich - das Printgeschäft macht nur noch 5 Prozent aus - die Verpackungsindustrie beliefert. Ein Focused Player, wie Berater sagen würden. Und das Familienunternehmen kann wieder aus dem Vollen schöpfen. Im aktuellen Fünfjahresplan "Vision 2020" ist ein dreistelliger Millionenbetrag für Investitionen vorgesehen.

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