Sonntag, 19. August 2018

Wettlauf um Raketentechnik "Die Amerikaner wollen Europa aus dem Weltraum kicken"

Modell einer "Ariane 6" auf der Luft- und Raumfahrtmesse ILA in Berlin (April 2018)

Mit Milliardenaufwand entwickelt Europa die neue "Ariane 6"- Rakete. Aber das amerikanische Pendant SpaceX ist viel billiger. Alain Charmeau, Chef der Ariane Group, erklärt, wie die Amerikaner das schaffen - und setzt ein Ultimatum.

Weißer Rauch stieg im Januar auf über Lampoldshausen. In einem baden-württembergischen Teststand des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) zündeten Ingenieure damals das mächtige Raketentriebwerk "Vulcain 2.1" zum ersten Mal. Bei einer Reihe von Tests sollten seine Eigenschaften genau geprüft werden.

Mit einer Schubkraft von 130 Tonnen soll das teils im 3D-Drucker gefertigte Aggregat dabei helfen, die zukünftige "Ariane 6"-Rakete ins All zu bringen. An ihr arbeiten Europas Staaten derzeit mit Milliardenaufwand - um die zuverlässige, aber nicht mehr wettbewerbsfähige "Ariane 5" abzulösen.

Gefertigt werden die neuen Raketen unter anderem in Bremen und in der Nähe von Paris, abheben sollen sie dann vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guyana. Dort entsteht derzeit die neue Startrampe. In zwei Jahren soll es von dort aus den Jungfernflug geben.

Doch die "Ariane 6" hat ein Problem: Sie ist im Vergleich mit der amerikanischen Konkurrenz zu teuer. Konkret geht es um die Raketen des - von der US-Regierung kräftig unterstützten - Privatunternehmens SpaceX. Die sind - gebraucht - für etwa 50 Millionen Dollar pro Start zu haben. Es ist ein Preis, den die "Ariane 6" unter keinen Umständen erreichen kann, selbst wenn - wie versprochen - die Kosten im Vergleich zur "Ariane 5" halbiert werden.

SpaceX-Chef Elon Musk hat außerdem in Aussicht gestellt, dass die Startkosten mit der neuesten Version seiner "Falcon 9"-Rakete ("Block 5") sogar noch einmal kräftig sinken werden. Was also soll Europa tun? Von den Billigangeboten der Amerikaner profitieren - auch auf die Gefahr hin, dass die irgendwann enden? Oder mit Milliardenaufwand einen eigenen Zugang zum All behalten?

Alain Charmeau ist Chef der Ariane Group. Im Interview erklärt er, dass Musk seine Kampfpreise aus seiner Sicht nur dank massiver Hilfe aus Washington anbieten kann - und welche Probleme sich die Europäer dadurch einhandeln können. Ob seine Argumente Europas Staats- und Regierungschefs überzeugen, wird sich zeigen. Nur wenn sie der "Ariane 6" einen Grundstock von Einsätzen garantierten, würde die Rakete auch wirklich in Serie gebaut, so Charmeau.

Spiegel Online: Die neue "Ariane 6"-Rakete soll im Juli 2020 das erste Mal starten. Kriegen Sie das hin?

Alain Charmeau
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    Alain Charmeau ist Chef der Ariane Group. Das Unternehmen, ein Joint-Venture von Airbus und Safran mit 9000 Mitarbeitern, ist für den Bau der "Ariane"-Rakete verantwortlich. Der Franzose arbeitet seit 2005 für den Airbus-Konzern, davor war er beim europäischen Rüstungsunternehmen MBDA. Charmeau hat an der Elitehochschule École Nationale Supérieure d'Arts et Métiers in Paris und dem California Institute of Technology in Pasadena studiert.

Alain Charmeau: Ja. Wir liegen im Plan.

Spiegel Online: Damit das Projekt kein Rohrkrepierer wird, brauchen Sie Unterstützung. Europas Regierungen sollen sich verpflichten, eine bestimmte Menge an Raketen zu kaufen. Welche Zusagen haben Sie mittlerweile?

Charmeau: Der erste Start ist mit dem Entwicklungsvertrag finanziert. Jetzt brauchen wir Kunden für Starts Nummer zwei, drei und so weiter. Immerhin eine Bestellung haben wir schon von der EU-Kommission erhalten.

Spiegel Online: Dort will man zwei Raketen für "Galileo"-Navigationssatelliten kaufen.

Charmeau: Nach unseren Plänen brauchen wir insgesamt fünf Starts im Jahr 2021 und acht im Jahr 2022. Ein Teil davon muss von den Regierungen oder der EU-Kommission abgenommen werden.

Spiegel Online: Was stellen Sie sich konkret vor?

Charmeau: Wir denken an insgesamt vier "Galileo"-Starts, dazu eine Sonde der Esa, außerdem je eine deutsche und eine französische Regierungsmission. Wir brauchen ein klares Signal, dass wir mit der Produktion der weiteren Raketen anfangen können. Und wir brauchen insgesamt sieben Verträge für garantierte Starts. Bis Ende Juni.

ESA /David Ducros

Spiegel Online: Das klingt sportlich. Und warum ausgerechnet bis Ende Juni?

Charmeau: Weil die Produktion der ersten Rakete schon läuft. Unsere Fabriken, unsere Teams brauchen jetzt weitere Aufträge, um die Arbeit fortzusetzen. Der zweite Start der "Ariane 6" soll ja schon Ende 2020 oder Anfang 2021 stattfinden, je nach Kundenwunsch. Das ist in weniger als drei Jahren.

Spiegel Online: Was passiert, wenn Sie die Verträge bis Ende Juni nicht haben?

Charmeau: Ohne Verträge müssten wir die Produktion anhalten.

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