Samstag, 23. September 2017

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Schnelle Airline-Zerschlagung im Gläubiger-Interesse Bundesregierung verwirrt Airlines im Air Berlin-Geschacher

Air Berlin-Flugzeug auf dem Weg zur Startbahn: Auf demselben Weg sind nun auch die Verkaufsverhandlungen

Eigentlich müssen alle Gläubiger der insolventen Air Berlin, zu denen nun auch die Bundesregierung gehört, großes Interesse an einem schnellen und geordneten Verkauf der Fluglinie haben. Doch das hat sich offenbar noch nicht in sämtliche hohen Regierungskreise herumgesprochen.

Denn die Bundesregierung hat nun für Verwirrung gesorgt mit widersprüchlichen zur Zukunft der insolventen Fluggesellschaft. Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries plädierte in einem Interview für eine Stärkung des deutschen Marktführers Lufthansa. "Ich würde es begrüßen, wenn die Lufthansa größere Anteile von Air Berlin übernimmt", sagte die SPD-Politikerin dem "Handelsblatt" (Montag). Die Lufthansa sei "ein Champion im Luftverkehr", sagte Zypries und verwendete damit denselben Begriff wie zuvor Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU). Aus kartellrechtlichen Gründen könne Air Berlin aber nicht nur an eine Airline gehen.

Ein Sprecher ihres Wirtschaftsministerium erklärte am Montag vor Journalisten in Berlin, entscheidend sei, dass am Ende der Verhandlungen eine wettbewerblich abgesicherte Lösung im Interesse der Air-Berlin-Beschäftigten herauskomme: "Wir sind weder für noch gegen einen bestimmten Interessenten."

Zum Stand der Verkaufsverhandlungen für Air Berlin gab es zunächst keine neuen Erkenntnisse. "Es gibt noch nichts Spruchreifes", sagte ein Sprecher der Lufthansa am Montag. Seit Freitag laufen Gespräche zwischen Air Berlin und Lufthansa. Die Fluglinie spricht neben der Lufthansa auch mit mindestens zwei weiteren Interessenten.

Warum der Verkauf der Airline schnell erfolgen muss

Und das Bemühen um eine Aufteilung der Airline auf die Lufthansa und weitere Fluglinien wird zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Nur so lange Air Berlin noch weiterfliegt, können ihre Start- und Landerechte (Slots) an neue Eigentümer übertragen werden, wenn diese Teile von Air Berlin übernehmen. Sollte Air Berlin das Geld wegen rapide sinkender Buchungen ausgehen, könnte der Flugbetrieb eingestellt werden. Dann würden die Karten ganz neu gemischt, die Slots würden kostenlos neu verteilt statt zu Geld für die Gläubiger gemacht.

Thomas Winkelmann

Die Bundesregierung unterstützt eine Aufteilung in mehrere Unternehmensteile, betont aber gleichzeitig, wie wichtig eine starke internationale Stellung der Lufthansa sei. Interesse an der Air-Berlin-Erbmasse sollen außerdem die Gesellschaften Easyjet , Condor, Tuifly sowie der frühere LTU-Eigner Hans-Rudolf Wöhrl bekundet haben.

Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann hatte am Wochenende eine Lösung bis Ende September in Aussicht gestellt. "Wir wollen den Verkauf spätestens im September abschließen. Sonst schwindet das Vertrauen der Kunden in die Airline", sagte Winkelmann der Zeitung "Bild am Sonntag"

Wie lange reicht der Überbrückungskredit?

Doch wie lange der 150-Millionen-Euro-Kredit der Bundesregierung reicht, ist fraglich. Entscheidend hierfür sei, wie schnell die Buchungszahlen von Air Berlin sänken - und die Verluste damit wüchsen, sagte ein Insider. Falls das Geld schneller ausgehe, drohten Teile von Air Berlin die Betriebserlaubnis zu verlieren. Zudem müsse man sich auf Störfeuer gefasst machen.

Der Konkurrent Ryanair hat bereits Beschwerde gegen die Staatshilfe eingelegt und hält das Vorgehen der Bundesregierung für ein "abgekartetes Spiel" zu Gunsten der Lufthansa. "Das stimmt natürlich nicht", sagte Zypries dazu. Gegenwind droht auch von den Gewerkschaften. Denn die Lufthansa würde Personal von Air Berlin nur zu den etwas niedrigeren Konditionen ihrer Billigflugtochter Eurowings übernehmen.

Ein Verkauf der insolventen Fluggesellschaft wäre nur mit Zustimmung des Gläubigerausschusses möglich. Das Gremium, das die Interessen der Gläubiger vertritt, tagt Insidern zufolge am Mittwoch das erste Mal. Weichenstellungen seien dann aber noch nicht zu erwarten, sagten zwei mit dem Zeitplan vertraute Personen zu Reuters. Das fünfköpfige Gremium muss formal beschließen, den Betrieb von Air Berlin zunächst weiterzuführen.

Dem Gläubigerausschuss gehört neben einem Vertreter von Air Berlin, der Bundesagentur für Arbeit, die drei Monate lang das Insolvenzgeld für die 7200 Mitarbeiter in Deutschland zahlt, und der Commerzbank auch ein Geschäftsführer der Lufthansa-Tochter Eurowings an.

Eurowings hat 38 Maschinen mit Besatzungen von Air Berlin gemietet und vorfinanziert und wäre deshalb von einer Einstellung des Flugbetriebs stark betroffen. Trotzdem löste die Beteiligung bei anderen Interessenten Kritik aus. Über einen Verkauf an die Lufthansa dürfte der Eurowings-Vertreter Insidern zufolge aber ohnehin nicht mitentscheiden.

wed/dpa/Reuters/

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