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11.12.2012
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ThyssenKrupp
Wende im Existenzkampf

Von Arvid Kaiser

Noch rauchen die Schlote: ThyssenKrupp-Stahlwerk in Duisburg
AP

Noch rauchen die Schlote: ThyssenKrupp-Stahlwerk in Duisburg

Fünf Milliarden Euro Verlust, keine Dividende, halber Vorstand geschasst - jetzt kann es nur noch aufwärts gehen, heißt das Signal aus Essen. ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger verspricht einen Umschwung - und verkauft auf absehbare Zeit alles, was zu verkaufen ist. Anleger schöpfen Hoffnung.

Hamburg - Heinrich Hiesinger hat seinen großen Auftritt. Einen "kompletten Neuanfang" kündigt der sonst für seine eher stille Art bekannte Manager an der Spitze des ThyssenKrupp-Konzerns am Dienstag an: "Wir werden unsere Führungskultur grundlegend verändern". Er stellt klar, dass der Aufsichtsrat am Vortag drei seiner Vorstandskollegen "in enger Abstimmung mit mir" abberufen hat.

So präsentiert Hiesinger sich als Aufräumer, der reinen Tisch macht. Selbst der Rekordverlust von fünf Milliarden Euro, das dritte Milliardenminus in vier Jahren, unterstreicht diese Botschaft: Mit Abschreibungen von 3,6 Milliarden Euro hat ThyssenKrupp Chart zeigen die neuen Werke in Brasilien und den USA in den Büchern auf 3,9 Milliarden herabgestuft - und damit eine einigermaßen ehrliche Bilanz des Amerika-Debakels gezogen.

Noch vor wenigen Wochen hatte Hiesinger erklärt, bei einem Verkauf "mindestens" den Buchwert von bisher gut sieben Milliarden Euro erzielen zu wollen - was am Markt niemand für realistisch hielt.

"Der neue Buchwert signalisiert, dass das Transaktionsergebnis unserer Schätzung von 3,5 Milliarden Euro entsprechen dürfte", erklärt Analyst Ingo-Martin Schachel von der Commerzbank, der sich eher auf der Seite der optimistischen Beobachter sieht.

An der Börse setzt sich diese Lesart durch: Die ThyssenKrupp-Aktie stieg am Dienstagnachmittag um bis zu 8 Prozent als mit Abstand stärkster Wert im Dax, nachdem sie morgens noch klar im Minus notierte.

Die schlimmsten Katastrophenszenarien vermieden

Ein Katastrophenszenario wie ein Verkauf des Zehn-Milliarden-Projekts für nur eine fast schon symbolische Milliarde, wie es zuletzt kolportiert worden war, ist damit hinfällig. Dass überhaupt ein erfolgreicher Verkauf in Aussicht steht, ist schon eine Nachricht. Finanzchef Guido Kerkhoff spricht von "mehr Bietern, als in eine Hand passen", die nun die Bücher prüfen. Zu niedrige Gebote habe der Konzern aussortiert.

"Für einen Neustart erkennen wir in der damit verbundenen deutlichen Reduzierung der hohen Nettoverschuldung eine große Bedeutung", erklärt Analyst Steffen Manske von der Essener National-Bank. Zuletzt belief die sich auf 5,8 Milliarden Euro - während das Eigenkapital sich im abgelaufenen Geschäftsjahr auf 4,5 Milliarden Euro mehr als halbierte. Das Verhältnis der beiden Ziffern ergibt ein Gearing von 128,5 Prozent.

Diese Zahl zeigt am deutlichsten, wie existenziell die Krise des Traditionskonzerns ist. "Zum 30. September", also zum Ende des Geschäftsjahres, erklärt Finanzvorstand Kerkhoff, hält der Konzern damit die mit Kreditgebern vereinbarte Obergrenze von 150 Prozent ein. Zwar werde diese Kreditlinie aktuell nicht benötigt, eine Kündigung der Banken hätte also keine direkten Auswirkungen, doch sie ist wichtig für Kerkhoffs Botschaft: "ThyssenKrupp besitzt ausreichend Liquidität und ist ausreichend finanziert."

Verkauf von Inoxum bringt rettende Milliarden

Zum Bilanzstichtag hielt diese Aussage noch gerade so stand. In den kommenden Monaten dürfte sich die Lage aber spürbar entspannen, vor allem wegen des Verkaufs der Edelstahltochter Inoxum an den finnischen Wettbewerber Outokumpu Chart zeigen. Die EU-Kartellwächter hatten den Deal erst im November gebilligt, der nun noch vor Jahresende abgeschlossen werden soll. Die ThyssenKrupp-Bilanz war wegen des Wartens auf die rettenden Milliarden um drei Wochen verschoben worden.

Die wirkliche Entlastung an der Schuldenfront aber wäre der Verkauf des amerikanischen Stahlgeschäfts, der sich aber noch weit ins kommende Jahr hinziehen dürfte. Und auch dann dürfte das Abenteuer unterm Strich noch an die zehn Milliarden Euro gekostet haben: neun Milliarden Investitionen plus drei Milliarden Verlust aus den ersten drei Betriebsjahren und eine Milliarde reguläre Abschreibungen auf Betriebsvermögen minus drei Milliarden Verkaufserlös - in Summe einer der teuersten Fehlgriffe der deutschen Industriegeschichte.

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