Dienstag, 27. September 2016

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SMS-Chef Weiss "Die Euro-Krise wird nur verschleppt statt gelöst"

Zweistrang-Brammengießanlage der Düsseldorfer SMS Group: Der aktuelle Abschwung im Maschinen- und Anlagenbau gibt Anlass zur Sorge

Die Unternehmen in Deutschland bereiten sich auf die nächste Rezession vor. Industrieveteran Heinrich Weiss, Vorstandsvorsitzender des Anlagenbauers SMS, erklärt, für wie kritisch er die aktuelle Konstellation hält.

mm: Herr Weiss, Sie sind seit 40 Jahren Unternehmer und haben schon viele Auf- und Abschwünge der Industriekonjunktur erlebt. Warum bereitet Ihnen der aktuelle Abschwung besondere Sorgen?

Weiss: Der Auftragseingang im Maschinen- und Anlagenbau unterliegt einer regelmäßigen Schwingung, alle zwei bis drei Jahre geht es auf und ab. Vom Zyklus her ist also nach einigen guten Jahren ein Abschwung fällig. Aber ich fürchte, dieser wird tiefer sein und länger dauern als wir das bisher gewohnt sind.

mm: Warum sind Sie so pessimistisch?

Weiss: Wegen der Euro-Krise. Sie verstärkt den Abschwung. Weil wir bei der SMS Group mehr als 80 Prozent unserer Umsätze außerhalb der Euro-Zone machen, dachte ich noch zu Jahresbeginn, wir würden von den Problemen nicht so stark betroffen sein. Über den Sommer hat sich aber herausgestellt, dass unsere Kunden in der ganzen Welt zurückhaltender werden.

mm: Die SMS Group wird also mitbestraft für die Euro-Krise?

Weiss: Wenn Sie so wollen, ja. Viele Kunden möchten zwar bei uns bestellen, aber sie stellen ihre Projekte zunehmend zurück, weil die Schulden- und Währungskrise auf die anderen Weltregionen ausstrahlt. Ihre Sorge wächst, dass das Weltfinanzsystem als Ganzes infiziert wird, wenn die Krise noch länger dauert oder sich die Euro-Zone gar auflöst.

mm: Durch die expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank und den Europäischen Stabilitätsmechanismus hat sich die Lage zuletzt beruhigt.

Weiss: Mag sein. Und wenn ich nur Manager von SMS wäre, würde ich vielleicht sagen: Ok, die nächsten Jahre haben wir wohl Ruhe. Aber als Staatsbürger und Familienunternehmer bin ich überzeugt, dass diese Beruhigung nicht von Dauer sein wird - im Gegenteil: Es wird eher noch schlimmer werden.

mm: Warum das?

Weiss: Weil wir in eine Inflationsfalle laufen. Selbst Herr Jain, der Co-Chef der Deutschen Bank Börsen-Chart zeigen, hat kürzlich gesagt, es werde mehr Inflation geben, und Inflation ist das unsozialste, was es gibt. Wegen der bereits existierenden "Transferunion" ist außerdem heute schon sicher, dass der Lebensstandard in Deutschland nicht zu halten sein wird.

mm: Die letzte Wirtschaftskrise hat Deutschland doch viel besser überstanden als die meisten anderen Industrieländer.

Weiss: Das stimmt, aber die Euro-Krise wird doch nur verschleppt statt gelöst. Bei der gemeinsamen Währung hat die europäische Politik versagt: Erst bricht sie laufend das Recht, das sie selbst gemacht hat, und dann vergibt sie volkswirtschaftlich untragbare Milliardenkredite, für die unsere Kinder und Kindeskinder aufkommen müssen.

mm: Aber löste sich die Euro-Zone auf, wären die Folgen möglicherweise viel gravierender.

Weiss: Gutes Geld schlechtem hinterherwerfen, das machen eigentlich nur bereits überschuldete Geschäftsleute. Das ist verantwortungslos. Was etwa in Griechenland passiert, ist Insolvenzverschleppung. Bald werden die Bürger bei uns spüren, dass Wohlstand verloren geht - wegen des Transfers in unsere Nachbarländer und wegen bald zunehmender Inflation.

mm: Wenn die deutsche Wirtschaft in einen längeren Konjunkturabschwung gerät, welche Unterstützung erhoffen Sie sich dann von der Bundesregierung?

Weiss: Wie soll die Politik denn noch helfen? Sollen wir uns noch weiter verschulden mit Konjunkturprogrammen? Ich glaube, dass die Keynesianer langsam ausgedient haben. Konjunkturprogramme auf Pump sind das letzte, was wir uns leisten können. Dass wir es nicht mal in einer Zeit mit Rekordsteuereinnahmen schaffen, die Verschuldung zurückzufahren, halte ich für einen Skandal, auch wenn ich Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble persönlich sehr schätze.

mm: In den vergangenen Jahren hat sich der Binnenkonsum für Deutschland zu einer Stütze des Wirtschaftswachstums entwickelt. Das halten Sie also nur für einen temporären Effekt?

Weiss: Der Konsumgütersektor wird mittelfristig schrumpfen, wenn der Wohlstand zurückgeht. Die aktuelle Stärke erklärt sich noch aus der Angst vor Inflation, deshalb investieren viele Menschen in langlebige Konsumgüter. Und schauen Sie auf den Immobilienmarkt: Die Leute fliehen in Substanzwerte. Deshalb wird Deutschland in Zukunft eher noch stärker auf eine starke Exportwirtschaft angewiesen sein als früher, wenn wir unseren Wohlstand verteidigen wollen.

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