Samstag, 25. März 2017

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Staatsbesuch Bahnbranche hofft auf Chinas Zugkraft

Made in China: Superschnellzug im Südbahnhof von Peking

Binnen weniger Jahre hat China die Welt der Bahntechnik verändert - nach einem beispiellosen Boom trat der Staat kräftig auf die Bremse. Jetzt schöpft die Industrie neue Hoffnung, auch ohne Milliardendeals in Kanzlerin Merkels Reisetross.

Hamburg - Eine halbe Stunde dauert die Fahrt mit dem Schnellzug von Peking nach Tientsin. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 350 Stundenkilometern zeigt die Strecke zwischen den beiden nordchinesischen Zehn-Millionen-Städten, was in Deutschland bisher nicht möglich ist. Für diesen Freitag sieht das Protokoll vor, dass die mit dem Rekordaufgebot von sieben Bundesministern und 19 Konzernchefs angereiste Bundeskanzlerin Angela Merkel das erlebt.

Der Abstecher aus der Hauptstadt in die Hafenmetropole ist in mehrfacher Hinsicht symbolisch. Auf ihrem sechsten offiziellen China-Besuch lädt der scheidende Premier Wen Jiabao die Kanzlerin erstmals in seine Heimatstadt ein. Dort besuchen sie das erste außereuropäische Airbus-Werk und feiern den größten auf der Reise besiegelten Deal. Und sie nutzen die einzige chinesische Hochgeschwindigkeitsstrecke, auf der nur die auf Basis des deutschen ICE entwickelten und von Siemens Börsen-Chart zeigen hergestellten CRH3-Züge fahren.

Die 2008 zu den Olympischen Spielen eröffnete Trasse ist für die Maßstäbe in Chinas Bahnsystem schon wieder ein Ding der Vergangenheit. In der Zwischenzeit haben die Chinesen mithilfe eines beispiellosen Konjunkturprogramms ihr schnelles Netz auf rund 10.000 Kilometer ausgedehnt (die Deutsche Bahn hat in dreißig Jahren ein Zehntel davon gebaut), eigene Züge konstruiert und zu den schnellsten der Welt gemacht - und den Boom im vergangenen Jahr abrupt wieder beendet.

Korruptionsskandal, Unfall, Geldnot: Chinas zahlreiche Bahnbremsen

Gleich mehrere Bremsen stoppten die Expansion 2011: Im Februar wurde ein gewaltiger Korruptionsskandal im Eisenbahnministerium bekannt, der Minister Liu Zhijun entlassen und inzwischen auch aus der Kommunistischen Partei geworfen, etliche Deals überprüft. Im Mai stoppte das Umweltministerium zwei große Bauvorhaben. Der größte Rückschlag kam im Juli mit dem Zusammenstoß zweier Züge nahe Wenzhou im Süden, der 40 Tote und 172 Verletzte forderte. Danach brach die Nachfrage ein, Ticketpreise wurden gesenkt und das Fahrtempo gedrosselt. Und über allem stand die rigidere Geldpolitik der Chinesischen Volksbank, die das Wachstum bewusst bremste. Banken kürzten ihre Kredite, im Herbst standen die Bauarbeiten auf 10.000 Kilometern neuer Strecke still.

"Da ging gar nichts mehr", berichtet Maria Leenen, die Geschäftsführerin der Hamburger Verkehrsberatung SCI. "Das hat unsere Unternehmen schon schmerzlich getroffen. China ist das Land, wo mit Abstand am meisten in die Schiene investiert wurde."

Gerade deutsche Bahnzulieferer mussten ihre hohen Erwartungen, die sie in mehreren neuen Werken auf chinesischem Boden zementiert hatten, zurückstecken. Dass der Auftragseingang von Siemens in China im Winterhalbjahr um 15 Prozent zurückging, begründete der auch mit Merkel mitreisende Chef Peter Löscher mit "fehlendem Geschäfts bei der Ausrüstung der Eisenbahn" und "Verzögerungen bei Investitionsentscheidungen". Auch Infineon Börsen-Chart zeigen hatte auf Halbleiterlieferungen für chinesische Züge gesetzt.

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