Freitag, 17. August 2018

Mögliche Fusion ThyssenKrupp will Edelstahlriesen schmieden

Stahlproduktion bei ThyssenKrupp: Bisher ist der Konzern mit Inoxum Weltmarktführer

Der größte deutsche Stahlhersteller ThyssenKrupp und sein finnischer Konkurrent Outokumpu wollen den größten Edelstahlproduzenten Europas formen. Damit dürfte Bewegung in die erwartete Konsolidierung der Branche kommen, die stark von konjunkturellen Schwankungen betroffen ist.

Essen - "Wir haben Gespräche mit Outokumpu begonnen", sagte ein ThyssenKrupp-Sprecher am Montag. Dabei werde eine "mögliche Zusammenführung" des Edelstahlgeschäfts geprüft. Outokumpu bestätigte Gespräche mit ThyssenKrupp über "strategische Optionen".

Wie Reuters aus Finanzkreisen erfuhr, steht das Konzept für die Zusammenführung bereits. Die Arbeitnehmer der ThyssenKrupp-Sparte fürchten indes um ihre Jobs. Ohne rechtsverbindliche Zusagen zur Sicherung von Arbeitsplätzen und Werken werde die mächtige Arbeitnehmerseite einem Verkauf nicht zustimmen, teilte die IG Metall mit.

An der Börse kam das Vorhaben bei Anlegern an. ThyssenKrupp Börsen-Chart zeigen gewannen knapp ein Prozent auf 21,35 Euro, den Dividendenabschlag herausgerechnet lagen sie fast 3 Prozent höher. Outokumpu-Titel notierten mit einem satten Plus von über 11 Prozent bei 7,49 Euro.

Nach Einschätzung von Analysten würden beide Konzerne von einem Zusammenschluss profitieren, schließlich gebe es Überkapazitäten in der Edelstahl-Produktion. Offen sei aber, wie die Kartellbehörden in Europa auf einen neuen Marktführer reagieren. Möglicherweise müssten einzelne Geschäfte veräußert werden, um grünes Licht der EU-Wettbewerbshüter zu erhalten.

Gespräche offenbar weit fortgeschritten

Zwei mit dem Vorgang vertraute Personen sagten Reuters, die Gespräche seien schon weit gediehen. "ThyssenKrupp verhandelt bereits seit einiger Zeit mit Outokumpu", sagte eine der Personen. Die Essener erwägten zunächst ein Gemeinschaftsunternehmen mit den Finnen, an dem diese die Mehrheit halten sollen. Letztlich sei aber eine Trennung wahrscheinlich: "ThyssenKrupp strebt einen Komplettverkauf der Tochter Inoxum an."

Eine endgültige Entscheidung über die Zukunft der Sparte und die Ausgestaltung einer Übereinkunft mit Outokumpu sei indes noch nicht gefallen. Experten haben den Wert der ThyssenKrupp-Tochter auf ein bis zwei Milliarden Euro beziffert. Inoxum hatte im vergangenen Geschäftsjahr mit über 11.000 Beschäftigten - etwa die Hälfte davon in Deutschland - den Umsatz um 14 Prozent auf 6,7 Milliarden Euro gesteigert. Allerdings lag der bereinigte Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) mit 15 Millionen Euro nur knapp über der Null-Linie.

Outokumpu hatte 2010 mit über 8000 Beschäftigten einen Umsatz von rund 4,2 Milliarden Euro eingefahren. Ein Zusammenschluss würde die bereits seit langer Zeit erwartete Konsolidierung der Branche einen großem Schritt voranbringen. Diese leidet unter Überkapazitäten. Neben ThyssenKrupp und Outokumpu gehören die ArcelorMittal -Abspaltung Aperam und Acerinox aus Spanien zu den wichtigsten Playern.

Milliardenverluste durch die neuen Stahlwerke in Brasilien und USA

ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger hatte erst am Freitag auf der Hauptversammlung bekräftigt, die Tochter Inoxum bis Ende 2012 abzustoßen. Er hat insgesamt Geschäfte mit einem Umsatz von rund zehn Milliarden Euro und etwa 35.000 Beschäftigten zur Disposition gestellt. Dazu gehören auch diverse Autozulieferer. Hiesinger muss die Schulden von zuletzt 3,6 Milliarden Euro zurückfahren.

ThyssenKrupp leidet unter erheblichen Belastungen durch die Milliarden-Verluste seiner neuen Stahlwerke in den USA und Brasilien. Diese binden Gelder, die an anderer Stelle investiert werden könnten. "Hiesinger steht unter Druck", sagte ein weiterer Insider. Er setze vor allem auf die Technologiesparten des Mischkonzerns - und denke anders als seine Vorgänger "nicht ausschließlich vom Stahl her".

Beschäftigte haben Bedenken - und bestimmen beim Verkauf mit

Die Arbeitnehmervertreter müssen einem Verkauf an Outokumpu zustimmen. Sie haben sich ein umfangreiches Mitspracherecht einräumen lassen. Danach müsste sich ein Bieter als "Best Owner" qualifizieren. Die Finnen müssten daher ein Konzept vorlegen, das Bedenken bezüglich Arbeitplatz- und Standortsicherheit zerstreut. Die Arbeitnehmerseite habe bereits ein Gespräch mit den Finnen über die Zukunft der Edelstahlsparte geführt, sagte ein hochrangiger Vertreter Reuters. Gerieten Standorte in Gefahr, drohe ein "Riesenärger" mit den Arbeitnehmern.

Bereits am Montag könne es zu ersten Arbeitsniederlegungen kommen. "Ohne rechtsverbindliche Zusagen für den Schutz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden wir einem Verkauf nicht zustimmen", unterstrich der nordrhein-westfälische IG-Metall-Chef Oliver Burkhard. Betriebsrat und Gewerkschaft fürchten, dass Outokumpu Werke in Krefeld und Bochum schließen könnte. Ein ThyssenKrupp-Sprecher wollte sich dazu nicht äußern.

In Deutschland gehören das über 100 Jahre alte Traditionsunternehmen Nirosta und die Hochleistungswerkstofftochter VDM zu der Sparte. Große Standorte sind Krefeld, Bochum und Düsseldorf-Benrath. Im Ausland zählen Werke in Italien, Mexiko, den USA und China dazu.

von Tom Käckenhoff und Matthias Inverardi, Reuters

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