Sonntag, 28. August 2016

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Jobangst US-Arbeiter zittern vor Roboter-Vormarsch

Verkäufer, Lagerist, Kellner: Die neuen Jobs der Roboter
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REUTERS

Kostendruck und Dümpelkonjunktur: In US-Fabriken greift eine neue Welle der Automatisierung um sich. Der Eroberungszug der Roboter geht inzwischen weit über Fließbänder in der Autoindustrie hinaus. Jetzt übernehmen die Robots schon Service-Jobs - und Amerikas Arbeiter erfasst blanke Angst.

Hamburg - Sie holen Bücher, Gewürze und Kleider aus dem Hochregal zum Versand an die Onlinekunden. Sie verkaufen Fleisch in amerikanischen Supermärkten. Und sie bieten Vielfliegern am Gate noch schnell ein paar Chips oder eine Cola an. Roboter und Verkaufsmaschinen beschleunigen derzeit ihren Vormarsch in die Arbeitswelt in einer Weise, die selbst Experten staunen lässt.

Die Robotic Industries Association (RIA) in den USA meldet für die ersten neun Monate im laufenden Jahr ein Absatzplus von 41 Prozent. Der Industrieverband der Automatisierer erwartet eines der besten Jahre seines Bestehens. Die wichtigen Zulieferer der Autoindustrie bestellten bis September 85 Prozent mehr Fertigungsroboter als im Vorjahr. Laut der RIA steht schon jeder fünfte der weltweit eine Million Industrieroboter in den USA. Nur in Japans sind mehr Arbeitsmaschinen im Einsatz.

Kostendruck, eiserne Sparvorgaben der Hersteller sowie teure Entlassungsprogramme in der vergangenen Rezession - und dazu schwache Wachstumsaussichten - sorgen für einen Automatisierungsschub, wie er noch nie zu sehen war. "Es gibt ein neues Bäumchen-wechsel-Dich-Spiel in der Industrie", erklärt Edward Leamer, Direktor beim Prognoseunternehmen UCLA Anderson Forecast bei der gleichnamigen Business School in Kalifornien. Im Klartext: Die zweite Outsourcingwelle ist in vollem Gange.

Diesmal geht es aber nicht ab nach China. Für viele US-Arbeiter in der Autoindustrie, in Lagerhallen, in der Nahrungs- und Konsumgüterbranche sowie an Verkaufstheken - und selbst in Restaurants - geht es zunehmend direkt auf das Altenteil, Rückkehr ausgeschlossen. Der Anteil der Langzeitarbeitslosen hat in den USA ein Rekordhoch erreicht.

Service-Jobs von Maschinen übernommen

Das zeigen die jüngsten Zahlen aus dem US-Zensusbüro. Anfang 2010 lag der Anteil der Arbeitslosen, die vom Staat finanzielle Hilfe bekamen, bei 75 Prozent. Jetzt sind es nur noch 48 Prozent. Die Erklärung: Es gab noch nie so viele Langezeitarbeitslose wie jetzt. Fast ein Drittel der offiziell 14 Millionen Arbeitslosen in den USA ist seit einem Jahr oder länger nicht mehr beschäftigt. Und das auf einem Arbeitsmarkt, der als einer der flexibelsten auf der Welt gilt. "Wir haben in den USA eine Erholung ohne neue Jobs", sagt Leamer. "Roboter kommen in der gewerblichen Wirtschaft auf Arbeitsplätze, die nach früheren Rezessionen Menschen erhielten, und Jobs, die Roboter nicht machen können, gehen weiter nach Übersee".

Wer nach Beispielen für den Roboterboom sucht, wird in diesen Tagen schnell fündig. Neu im Angebot: Zum Beispiel der "Smart Butcher", eine Verkaufsmaschine für Metzgerläden, die im Süden der USA gerade getestet wird - und einiges Aufsehen erregt. Der erste "Smart Butcher" steht seit zwei Wochen in einem kleinen Supermarkt, dem Lil Mart in Odenville, Alabama.

Die Ladenbetreiberin, Anna Sagani, hat die Fleischtruhe mit eigener Auslage, Preisschildern und eingebauter Kasse in der Abteilung für Lebensmittel aufgestellt. Der "Smart Butcher" muss nur alle paar Tage mit neuen Steak- und Hackfleischpackungen aufgefüllt werden. Den Rest macht er alleine, inklusive kassieren. Er gehört keiner Gewerkschaft an, wird nicht krank, geht nicht in Urlaub, und verlangt keine Lohnerhöhung, sagt Anna Sagani. Sie braucht jetzt keinen richtigen Metzger mehr in ihrem Laden. Sie spart jetzt viel Geld.

Das nächste Beispiel findet sich schnell. Roboter, die wie Astronauten der NASA aussehen, ziehen massenweise in Lagerhallen von Bekleidungsläden und Onlineretailern wie Amazon Börsen-Chart zeigen ein. In Lagerhäusern bewegen sie sich wie die vollautomatischen Karren in den Fabriken der Autohersteller auf vorgegebenen Pfaden. Sie holen neue Ware aus den Lagerhäusern und bringen sie in die Verkaufsabteilungen der Kleiderläden oder in die Versandabteilung von Onlinefirmen. Die Investitionen in solche Roboter haben seit dem Ende der großen Rezession in den USA um 26 Prozent zugenommen, weiß man bei Kiva Systems in Boston. Dort werden solche Roboter hergestellt.

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