Samstag, 15. Dezember 2018

Nach scharfer Kritik von Aufsichtsräten und Investoren Thyssenkrupp-Chef Hiesinger schmeißt hin

Bittet um Vertragsauflösung: Heinrich Hiesinger, Vorstandschef von Thyssenkrupp.

Der langjährige Vorstandschef des Industriekonzerns Thyssenkrupp, Heinrich Hiesinger, tritt zurück. Der 58-Jährige habe das Präsidium und den Personalausschuss des Aufsichtsrats um Gespräche gebeten, seinen Vertrag einvernehmlich aufzulösen.

Das gab der Traditionskonzern am Donnerstagabend bekannt. Das von dem langjährigen Henkel-Chef Ulrich Lehner geführte Kontrollgremium will dazu am morgigen Freitag zusammenkommen, Lehner unterstützt Hiesingers Wunsch. Hiesinger führt das Unternehmen mit zuletzt 41,5 Milliarden Euro Umsatz und knapp 160.000 Beschäftigten seit dem 21. Januar 2011, sein Vertrag läuft noch bis Ende September 2020.

Mit dem Schritt reagiert Hiesinger auf die schroffe Kritik einiger seiner Anteilseigner und Aufsichtsräte in der vergangenen Woche. So hatten zwei seiner wichtigsten Aktionäre, die Finanzinvestoren Cevian und Elliott, die Fusion des Stahlgeschäfts mit der indischen Tata-Gruppe zu den von Hiesinger

verhandelten Konditionen öffentlich abgelehnt. Der promovierte Elektrotechniker hatte mit Tata eine Beteiligung von jeweils 50 Prozent an Thyssenkrupp Tata Steel vereinbart, obwohl sich die Stahlgeschäfte von Thyssenkrupp zuletzt deutlich besser entwickelt hatten.

Tief getroffen hat Hiesinger nach Informationen aus seinem Umfeld aber vor allem die fehlende Geschlossenheit seiner Aufsichtsräte. Cevian-Vertreter Jens Tischendorf hatte im Aufsichtsrat gegen den Tata-Deal gestimmt, Ex-Deutsche-Telekom-Chef René Obermann und Carola Gräfin von Schmettow, im Hauptberuf Chefin von HSBC in Deutschland, hatten Hiesingers Rechnung ebenfalls nicht folgen wollen. Dass der fehlende Rückhalt in den vergangenen Tagen trotz der Verschwiegenheitspflicht der Aufsichtsräte auch noch öffentlich wurde, schwächte Hiesinger zusätzlich.

In der Mitteilung zu seinem angekündigten Rückzug äußert Hiesinger indirekt Kritik an seinen Aufsichtsräten: "Ich gehe diesen Schritt bewusst, um eine grundsätzliche Diskussion im Aufsichtsrat über die Zukunft von Thyssenkrupp zu ermöglichen. Ein gemeinsames Verständnis von Vorstand und Aufsichtsrat über die strategische Ausrichtung des Unternehmens ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Unternehmensführung."

Mit Hiesingers Schritt hat der aggressive Investor Elliott eines seiner Hauptziele in vergleichsweise kurzer Zeit erreicht. Das Unternehmen des Milliardärs Paul Singer war erst Ende Mai mit weniger als drei Prozent bei den Essenern eingestiegen - und hatte indirekt Hiesinger als Grund für die vermeintlich schwache Entwicklung der Aktie verantwortlich gemacht.

Hiesinger war 2010 aus dem Vorstand des Siemens-Konzerns zu dem Traditionskonzern gewechselt und hat das Unternehmen aus einer existentiellen Krise befreit. Forderungen von Investoren wie Cevian nach einer raschen Zerschlagung des Unternehmens hatte er aber stets abgelehnt.

Sein Aufsichtsratschef Lehner stimmte bereits am Donnerstag, also noch vor der Einigung über die Abschieds-Modalitäten, eine Eloge an: "Ohne Heinrich Hiesinger würde es Thyssenkrupp nicht mehr geben. Ich bin ihm zutiefst dankbar für das, was er erreicht hat und vor allem für die Art und Weise, wie er es erreicht hat: klug, bescheiden, konsequent - mit Weitblick und einem tief verankerten Verständnis von unternehmerischer und gesellschaftlicher Verantwortung - als Vorbild und immer gleichermaßen im Interesse von Kunden, Mitarbeitern und Aktionären", lässt er sich in der Mitteilung zitieren.

soc

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