Dienstag, 26. März 2019

Handelskonzern verpasst Ziele Der nächste Versuch: Otto macht Frau zum Finanzvorstand

Steigt auf: Bereichsvorstand Petra Scharner-Wolff rückt in den Konzernvorstand auf

Die Politik will Aufsichtsräten eine Frauenquote diktieren. Der Hamburger Handelskonzern Otto hat ein Talent in den eigenen Reihen über Jahre aufgebaut - und gibt Petra Scharner-Wolff jetzt einen der härtesten Jobs im Vorstand.

Der Hamburger Versandhändler Otto wechselt den Finanzvorstand aus: Jürgen Schulte-Laggenbeck, 49, verlässt den Konzern. Sein Ende September 2015 auslaufender Vertrag wird nicht verlängert, teilte der Konzern am Montag mit.

Seine Nachfolgerin Petra Scharner-Wolff ist bislang Bereichsvorstand Service bei der wichtigsten Konzern-Einzelgesellschaft Otto; nun soll sie in den Vorstand der Otto-Gruppe aufrücken. Der Konzern schrieb in einer Mitteilung, der Wechsel sei "langfristig geplant" gewesen. Tatsächlich arbeitet die erst 43-jährige Diplom-Kauffrau bereits seit mehr als zehn Jahren in Führungspositionen der Handelsgruppe. Schon kurz nach ihrem Start 1999 rückte sie 2002 zur Direktorin Konzern-Controlling auf, 2009 wurde sie Sprecherin der Geschäftsführung der Schwab-Gruppe.

Ihr Aufstieg rückt sie schlagartig ins Rampenlicht einer der emotionalsten Debatten, die derzeit in Wirtschafts-Deutschland geführt werden: die richtige Förderung von Top-Frauen für die Führungspositionen auch von Groß-Unternehmen. Die Politik will das durch eine gesetzliche Frauenquote für börsennotierte Unternehmen erreichen. Viele Konzerne hatten zuletzt Top-Positionen im Vorstand mit Frauen besetzt, um so die Männer-Dominanz in der Führungskultur aufzubrechen. Allerdings hatten zuletzt einige der prominentesten Vertreterinnen nach vergleichsweise kurzer Zeit ihren Posten wieder verlassen - wie beispielsweise Elke Strathmann (Continental), Angelika Titzrath (Deutsche Post), Marion Schick (Deutsche Telekom) oder Cornelia Hulla (Gea Group).

Der Wechsel trifft den Konzern in schwierigen Zeiten. Zuletzt lief es bei dem Hamburger Traditionshaus, zu dem neben dem Otto-Versand auch die Marken Sportscheck, Bonprix, Crate & Barrel und Collins sowie der Finanzdienstleister Eos und der Logistiker Hermes gehören, alles andere als rosig. Zwar endet das Otto-Geschäftsjahr erst Ende Februar. Angesichts teurer Restrukturierungsarbeiten bei der US-Tochter 3SI, Belastungen aufgrund der Ukraine-Krise und schrumpfender Erträge bei der US-Tochter Crate & Barrel zeichnet sich jedoch schon jetzt deutlich ab, dass die selbst gesetzten Finanzziele wohl kaum zu halten sein werden.

Benjamin Otto: Der Gründerenkel macht aktuell noch keine Anstalten, das Ruder bei dem Familienkonzern zu übernehmen
Laut aktuellen Schätzungen steht zu befürchten, dass sich der Vorsteuergewinn auf rund 100 Millionen Euro mehr als halbiert. Im Vorjahr standen hier noch 224 Millionen Euro zu Buche. Eine Marke, die Otto eigentlich übertreffen wollte. Auch beim Umsatz liegt Otto unter Plan - hat angesichts des noch bevorstehenden Weihnachtsgeschäftes und der noch ausstehenden Frühjahrssaison die Hoffnung aber noch nicht aufgegeben. Im Vorjahr hatte die Gruppe rund 12 Mrd. Euro eingenommen.

Der Weggang des Finanzexperten Laggenbeck ist nicht der erste Wechsel in dem siebenköpfigen Gremium in diesem Jahr. Erst zum 1. November trat die Britin Neela Montgomery ihren Job als Vorstand für Multichannel-Retail an. Ihr Vorgänger Timm Homann war als CEO zum Bekleidungsfilialisten Ernsting's Family gewechselt.

In den kommenden Monaten stehen weitere Personaldiskussionen an. 2016 laufen die Verträge von Konzernchef Hans-Otto Schrader und seinem Vize, Strategievorstand Rainer Hillebrand aus. Dann erreichen beide die bei Otto übliche Altersgrenze für Vorstände von 60 Jahren. Doch angesichts der Umwälzungen, denen sich der Hamburger Traditionskonzern gegenübersieht, wird bereits über eine mögliche Verlängerung des Vertrages von Schrader spekuliert.

Gründerenkel Benjamin Otto, der immer wieder als möglicher Nachfolger Schraders gehandelt wird, macht aktuell noch keine Anstalten, das Ruder bei dem Familienkonzern zu übernehmen. Zwar signalisierte er immer wieder Interesse am Gesamtkonzern. Zunächst will er aber erst einmal den Otto-Ableger Collins auf die Erfolgsspur bringen, betonte er wiederholt gegenüber manager magazin online.

Lesen Sie auch die große Analyse des manager magazin aus dem September-Heft, warum Frauen in Spitzenpositionen (noch) oft scheitern und wie die Konzerne Ihre Frauenförderung umstellen müssen.

© manager magazin 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung