Donnerstag, 21. September 2017

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Ex-Star-Manager über seine Gefängniszeit Middelhoff über seinen Sturz: "So funktioniert Corporate Germany"

Thomas Middelhoff, hier Ende Oktober 2014 im Landgericht Essen, wenige Tage vor seiner Verurteilung.

Thomas Middelhoff herrschte über Konzerne wie Bertelsmann und Arcandor wie ein Fürst und auch privat liebte er großes Gepränge. Dann folgte der Absturz ins Gefängnis. Sein Report über diesen Absturz hat starke Passagen, seine Selbstreflexion hingegen gerät befremdlich. Eine Buchkritik.

Thomas Middelhoff war immer ein Manager, der an seinen Hauptrollen auch den wuchtigen Auftritt liebte. Bei Bertelsmann war das so, bei Arcandor, auch vor Gericht. Der letzte Fluchtort, der "Big T" einfiele: das Mittelmaß.

So ist auch sein Buch"A115 - Der Sturz" geworden, das am morgigen Donnerstag erscheint. Sein Fall hat - in Kategorien der deutschen Wirtschaftsgeschichte - eine epische Tragik, und die leuchtet Middelhoff auf 320 Seiten auch stilgerecht aus: Vom Tag der Urteilsverkündung, die er nach seinem Selbstverständnis als ein "deutscher Wirtschaftsführer" und mit der festen Erwartung eines Freispruchs beginnt, über seine Inhaftierung just an jenem 14. November 2014, detailreiche Schilderungen seines Existenzkampfes in einer kargen Einzelzelle des geschlossenen Vollzugs im Gefängnis in Essen, bis hin zu seiner schweren Erkrankung und der Trennung von seiner Frau.

Einen solchen Fall gab es in Deutschland noch nie - eine solche Nacherzählung eines Absturzes erst recht nicht.

Drei Jahre Haft lautete das Urteil gegen Middelhoff, weil er Arcandor-Geld für Privatflüge und eine Festschrift veruntreut haben soll - eine unverhältnismäßig hohe Strafe, die Middelhoff durch die Schilderungen seiner Haft bisweilen unmenschlich wirken lässt: das nächtliche Aufwecken im 15-Minuten-Takt, weil man bei ihm Suizidgefahr vermutete, der fahrlässig nachlässige Umgang mit den ersten Symptomen seiner Auto-Immunkrankheit.

Middelhoff, auch in seiner Zeit als Top-Manager immer ein Wirkungs-Maximierer, legt sein Sujet an wie Weltliteratur: Mehrfach stellt er Zitate aus Franz Kafkas "Der Prozess" an den Beginn seiner Kapitel, immer wieder versucht er, seine Geschichte dramaturgisch an Kafkas Meisterwerk anzulehnen.

Immerhin: Er proklamiert einen hehren Zweck für diesen Kunstgriff - sein Buch sei "jenen gewidmet, die an der Gerechtigkeit in Gerichtssälen zweifeln, (...) mit den Unzulänglichkeiten des geschlossenen Vollzugs konfrontiert sind" schreibt er im Vorwort - und tatsächlich ist dies auch eine sehr respektable Leistung seines Reports: Die intensiven, manchmal allerdings auch etwas pusseligen Schilderungen seines Alltags - etwa wenn er sich ständig über "Holzbänke" beklagt - wechselt er ab mit klugen, faktenreich unterlegten Reflexionen über die Missstände im deutschen Gerichtswesen und Strafvollzug: Politische und mediale Einflussnahme auf die Richter, deren Allmacht, die Gefahren von Asozialisierung und Radikalisierung von Häftlingen. Alles keine neuen Thesen, aber weil sie vor dem Hintergrund der authentischen Schilderungen Middelhoffs über seine persönlichen Erfahrungen im Gefängnis stattfinden, entwickeln sie große Wirkung.

Weil der ehemalige Star-Manager an dieser Ecke so seriös ist, fällt anfangs gar nicht auf, dass sein Buch auch eine große Rache ist. Der Richter Schmitt - befangen, tumb, zynisch; die Staatsanwälte - Lehrlinge; die Medien - ein einziges Pack; sein Anwalt Winfried Holtermüller - ein selbstverliebter, von Eigeninteresse gelenkter Nichtsnutz; Brigitte Zypries, die weiland gegen ihn als Justizministerin zu Felde zog - eine populistische Scharfmacherin; Madeleine Schickedanz, die ihn einst zur Rettung an die Karstadt- und Arcandor-Spitze hievte - eine Lügnerin; Mark Wössner, für den er die inkriminierte Festschrift anfertigen ließ und der dann "abtauchte" - ein feiger, illoyaler Gesell. Überhaupt seine einstige peer group, die ihn feierte und hofierte, als er noch einer der Ihren war: Nahezu niemand stand ihm zur Seite, überall nur Wegducken aus Angst vor der Kontaminierung. "So", analysiert Middelhoff, der Gefallene, "funktioniert Corporate Germany".

Buchtipp

Thomas Middelhoff
A115 - Der Sturz


Langen-Müller, 320 Seiten, gebunden, September 2017, 24,00 Euro

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Das ist zumindest in Teilen ungerecht und auch falsch, aber diesen Furor muss man Middelhoff wohl zugestehen. (Redakteure des mm-Schwestermagazins DER SPIEGEL, die Middelhoff in seinem Buch persönlich angreift, haben inzwischen ihre Sicht der Dinge geschildert)

Gleichzeitig deutet das Ausmaß der persönlichen Rache jedoch auch darauf hin, dass mit Middelhoffs Report auf der zweiten maßgeblichen Ebene etwas nicht stimmt: seiner Selbstreflexion. Was macht so ein Absturz mit jemandem persönlich, zumal mit jemandem, der zuvor wie kaum ein Zweiter den Leader gegeben hat? Hat er Fehler gemacht, oder nur der Rest der Welt? Hat er womöglich das Unglück angezogen oder provoziert? Ist da mehr als nur Schicksal?

Big T offeriert im Grunde zwei extreme Versionen: Über weite Strecken schildert er sich als Anpacker, der nach nur kurzer Irritation in der Gefängniszelle gleich wieder den umsichtigen Gestalter in sich entdeckt, an seinem schmalen Holztisch "Pläne und Konzepte" schreibt, Korrespondenzen in die Wirtschaftswelt unterhält, sich als Kopf des "Middelhoff-Clans" ständig um die Familie sorgt.

Vor allem im Kapitel "Mein neuer Weg" stellt sich Middelhoff allerdings völlig anders dar. Seine Erkenntnisse: Er habe "über einen langen Zeitraum meines Berufslebens die Rolle eines international agierenden Managers gespielt", er sei "zumeist selbstverliebt" gewesen, "ein Narzisst, dessen Handeln in vielerlei Hinsicht hedonistisch bestimmt war (...) Das Bild von mir, das ich bei anderen oder in der Öffentlichkeit zeichnen wollte, hatte nichts mehr mit dem Menschen zu tun, der ich eigentlich bin." In emotionalen Worten preist er sein neues Leben, unter anderem seine Arbeit in der Behindertenwerkstatt: "All das, was ich jetzt erlebe, erfüllt mich, all das füllt die Leere in mir aus, die ich mir selbst zugefügt habe."

Gott habe ihm die Augen geöffnet, leider sei darüber seine Ehe gescheitert - was er wiederum als "mein Verschulden" bezeichnet. Aber - Schwamm drüber: "Ich weiß jetzt, was wichtig ist in meinem Leben - ich habe es gelernt."

Oder trifft ihn womöglich das am besten, was er ganz schlicht auf Seite 218 schreibt, nachdem er am 31. März 2015 seine private Insolvenz testiert hat und sich bewusst wird, dass er nun - einst mit einem dreistelligen Millionenvermögen gesegnet - mittellos ist: "Die Achtung, vor allem mir selbst gegenüber - restlos verloren."

Middelhoff über sich selbst: Das wirkt in der Gesamtschau reichlich zerrissen, borderlinig sogar.

Auch bei dem, was er mit seiner Zukunft vorhat, geht es unentschieden aus: Middelhoff will "die Kraft, die Gott mir geschenkt hat, für vieles einsetzen." Für seine Thesen zu Rechtsprechung und Strafvollzug ist ihm - ganz ernsthaft - jeder TV-Talkshow-Auftritt zu gönnen.

An mehreren Stellen in seinem Buch räsoniert Middelhoff, inzwischen 64, auch darüber, möglicherweise demnächst wieder in seiner Disziplin als "Wirtschaftsführer" anzugreifen. Das könnte dann für ihn, aber auch für Corporate Germany, noch einmal wirklich interessant werden.

"A115 - Der Sturz" erscheint am Donnerstag, den 7. September 2017, im Verlag LangenMüller, hat 320 Seiten und kostet 24 Euro.

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