Montag, 11. Dezember 2017

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Europas zweitgrößtem Möbelkonzern droht Kollaps Chef weg, Bilanzchaos - Steinhoff taumelt

Steinhoff-Manager beim Börsengang in Frankfurt am Main. Links Gründer Bruno Steinhoff, zweiter von rechts Interims-Chef Christoffel "Christo" Wiese

Der zweitgrößte Möbelkonzern Europas, Steinhoff, gerät immer stärker in Turbulenzen. Nun muss Firmenchef Markus Jooste gehen. manager magazin hatte bereits ausführlich über die fragwürdigen Bilanzpraktiken bei Steinhoff berichtet.

Der deutsch-südafrikanische Einzelhandelsriese und Poco-Mutterkonzern Steinhoff gerät immer tiefer in den Strudel mutmaßlicher Bilanzfälschungen. Der seit zwei Jahrzehnten amtierende Konzernchef Markus Jooste trat zurück, wie Steinhoff mitteilte.

Der Aufsichtsrat räumte zudem ein, dass "in Bezug auf Bilanzunregelmäßigkeiten neue Informationen ans Licht gekommen sind". Diese machten weitere Nachforschungen erforderlich. Die Bilanz werde verschoben und erst veröffentlicht, wenn dies möglich sei.

Dabei gehe es auch um die Frage, ob die Zahlen für Vorjahre angepasst werden müssten. Eigentlich wollte die Gesellschaft die Zahlen für das Ende September abgelaufene Geschäftsjahr am Mittwochmorgen vorlegen. Bereits vor einigen Wochen hatte manager magazin exklusiv über die fragwürdigen Bilanzierungspraktiken bei Steinhoff berichtet.

Die neuen Negativ-Schlagzeilen sorgten bei den im MDax notierten Steinhoff-Aktien für den größten Kursrutsch in der Firmengeschichte: Die Titel brachen um mehr als 64 Prozent auf ein Rekordtief bei 1,07 Euro ein. Dabei wechselten bis zum Mittag bereits fast zehn Mal so viele Steinhoff-Papiere den Besitzer wie an einem gesamten Durchschnittstag. Sie waren erneut die meistgehandelte Aktie in Deutschland.

In Johannesburg sackten die Papiere mit 17,56 Rand um 60 Prozent auf den niedrigsten Stand seit sieben Jahren. Einer der Großaktionäre forderte "große Anstrengungen" des Managements, den Sachverhalt aufzuklären. Investment-Manager Omri Thomas von Abax Investments befürchtet allerdings, dass Resultate frühestens im Januar zu erwarten seien und die Unsicherheiten bis dahin bestehen blieben. "Was für ein Chaos" titelten die Analysten von Kepler Cheuvreux in einem Kurzkommentar. "Da kommt noch mehr", befürchten sie.


Lesen Sie auch den großen mm-Report zu Steinhoff: Einstürzende Neubauten - windige Bilanzen, dubiose Geschäfte und Ermittlungen der Staatsanwaltschaft: Steht Europas zweitgrößter Möbelkonzern vor der Implosion?


Steinhoff ist ein Konzern mit Rechtssitz in Amsterdam und einem operativen Hauptquartier in Südafrika. In Deutschland ist Steinhoff vor allem durch seine Poco-Möbelhäuser bekannt. Vor 53 Jahren gründete Bruno Steinhoff das ursprüngliche Unternehmen mit dem Namen "Bruno Steinhoff Möbelvertretungen und -vertrieb" im niedersächsischen Westerstede. Steinhoff wies im abgelaufenen Bilanzjahr (per Ende September) einen Umsatz von 13,4 Milliarden Euro und einen Nettogewinn von 1,22 Milliarden Euro aus. Die Zahl der Mitarbeiter wurde mit rund 106.000 beziffert.

Commerzbank-Analyst Andreas Riemann warnte angesichts der schlechten Nachrichten vor Investitionen in den Konzern. Anleger sollten ihre Finger von den Aktien des Möbelkonzerns lassen, schrieb er am Morgen in einer Studie. Die Untersuchungen seien eine schlechte Nachricht und stellten ein großes Fragezeichen hinter die Ergebnisse der vergangenen Jahre.

Abgang: Steinhoff-(Ex) Chef Markus Jooste
Steinhoff International
Abgang: Steinhoff-(Ex) Chef Markus Jooste

Bereits am Vorabend hatte Steinhoff mitgeteilt, dass Konzernchef Markus Jooste mit sofortiger Wirkung den Konzern verlässt. Jooste hatte Steinhoff vom südafrikanischen Möbelhersteller zu einem der weltweit größten Haushaltswaren- und Möbelkonzerne entwickelt. Vor zwei Jahren war Steinhoff von der Börse in Johannesburg nach Frankfurt gewechselt. Auch der Chef der Afrika-Tochter Star nimmt nun seinen Hut. Die Börsenaufsicht in Südafrika prüft mögliche Fälle von Insiderhandel mit Steinhoff-Papieren.

Aufsichtsratschef Christoffel Wiese soll den Konzern nun übergangsweise leiten. Der 76-jährige Multimilliardär ist mit rund 23 Prozent größter Einzelaktionär von Steinhoff, gefolgt von Public Investment Corp mit 8,5 Prozent und Coronation Fund Managers mit 5,2 Prozent. Die Prüfgesellschaft PWC soll nun eine unabhängige Untersuchung durchführen.

Christoffel Wiese soll Steinhoff übergangsweise leiten

Als Grund für die Personalrochade nannte die Gesellschaft neue Informationen über Unregelmäßigkeiten. manager magazin hatte über diese bereits in seiner September-Ausgabe (9/2017) exklusiv berichtet.

Steinhoff hatte die Vorwürfe unredlicher Geschäftspraktiken zurückgewiesen. "Wesentliche Fakten und Vorwürfe sind falsch oder irreführend", teilte der Konzern Ende August mit. Zudem habe das Unternehmen schon im Jahr 2015 auf Untersuchungen wegen Bilanzfragen hingewiesen.

Staatsanwaltschaft Oldenburg bestätigt mm-Bericht

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hatte bestätigt, dass sie Ermittlungen gegen Manager eines Möbelkonzerns aufgenommen hat. Ermittelt werde gegen "vier aktuelle und ehemalige Verantwortliche eines Konzerns, zu dem unter anderem ein Möbelhandel-Unternehmen in Westerstede gehört, wegen des Verdachts der unrichtigen Darstellung in Bilanzen". "Hierdurch könnte gegebenenfalls auch der Bilanzwert des Konzerns zu hoch dargestellt worden sein." Steinhoff hat seine Europa-Zentrale in Westerstede.

Im Fokus der Ermittlungen standen laut Staatsanwaltschaft Verträge über Verkäufe von Firmenanteilen im jeweils dreistelligen Millionenbereich. Im Zuge des Ermittlungsverfahrens sei zudem eine Strafanzeige einer dritten Person wegen des Verdachts der Urkundenfälschung erstattet worden.

Zudem schwelt ein Rechtsstreit zwischen Steinhoff und einem ehemaligen Joint-Venture-Partner. Im September stellten die OM Handels GmbH und WM Handels GmbH bei der Handelskammer des Amsterdamer Gerichtshofs einen Antrag auf ein Verfahren im Zusammenhang mit dem Jahresabschluss 2016. Die Unternehmen gehörten dem früheren Geschäftspartner.

nis/la/dpa-afx/rtr

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