06.12.2017

Europas zweitgrößtem Möbelkonzern droht Kollaps

Chef weg, Bilanzchaos - Steinhoff taumelt

nis/la/dpa-afx/rtr

Steinhoff-Manager beim Börsengang in Frankfurt am Main. Links Gründer Bruno Steinhoff, zweiter von rechts Interims-Chef Christoffel "Christo" Wiese

Der zweitgrößte Möbelkonzern Europas, Steinhoff, gerät immer stärker in Turbulenzen. Nun muss Firmenchef Markus Jooste gehen. manager magazin hatte bereits ausführlich über die fragwürdigen Bilanzpraktiken bei Steinhoff berichtet.

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Platz 10: belegt mit 1,35 Milliarden Umsatz die Porta-Gruppe aus Deutschland. Zu dem in Porta Westfalica gegründeten Möbelhändler gehören neben den Porta-Läden auch Häuser der Marken Möbel Hausmann, Boss und Asko.

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Platz 9: belegt mit 1,4 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2014 die Tessner-Gruppe . Neben den Märkten der Marke Roller gehören zu den mehr als 150 Niederlassungen der Gruppe auch die Marken tejo, Möbel Schulenburg und die MEDA Küchenfachmärkte.

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Platz 8: belegt mit 1,5 Milliarden Umsatz 2014 der britische Küchenspezialist Howdens .

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Platz 7: geht mit ebenfalls rund 1,5 Milliarden Umsatz an das deutsche Unternehmen Möbel Höffner .

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Platz 6 belegt mit 2,1 Milliarden Möbelumsatz alleine in Europa die Hamburger Otto-Gruppe . Der Versandhändler, der im Netz ein umfangreiches Möbelangebot unterhält, punktet unter anderem mit seinem professionellen Aufbau- und Lieferservice durch die Konzerntochter Hermes.

Dänisches Bettenlager

Platz 5: belegt mit 2,8 Milliarden Umsatz (2014) der dänische Konzern JYSK , hierzulande vor allem für seine Kette Dänisches Bettenlager bekannt.

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Platz 4: geht an den österreichischen Billig-Möbelriesen XXXLutz . 2014. Die verschiedenen Ketten des Konzerns, zu denen neben XXXLutz unter anderem auch Mömax, Möbelix und Mann Mobilia zählt erzielten 2014 laut Veraart Research einen Europa-Umsatz von mehr als 3,4 Milliarden Euro.

Platz 3: belegt mit 5,7 Milliarden Euro Umsatz alleine in Europa die südafrikanische Steinhoff-Gruppe , die in Deutschland vor allem unter der Marke Poco aktiv ist. Weltweit unterhält der börsennotierte Möbelhändler mehr als 6500 Niederlassungen. Nun macht jedoch ein Bilanzskandal der Steinhoff-Gruppe schwer zu schaffen.

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Platz 2: belegt mit 7,645 Milliarden Euro Umsatz in Europa die britische Home Retail Group . An dem Händler, zu dem unter anderem der britische Händler Argos gehört, hatte die britische Supermarktkette Sainsbury's Interesse angemeldet. Der potenzielle Merger muss aber noch von den Wettbewerbsbehörden freigegeben werden.

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Platz 1: Unangefochtener Sieger im Ranking ist der schwedische Möbelhändler Ikea . Mit 21,8 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2014 erzielte er laut den Marktforschern der Veraart Research Group fast das Dreifache der zweitplatzierten Home Retail Group.

Der deutsch-südafrikanische Einzelhandelsriese und Poco-Mutterkonzern Steinhoff gerät immer tiefer in den Strudel mutmaßlicher Bilanzfälschungen. Der seit zwei Jahrzehnten amtierende Konzernchef Markus Jooste trat zurück, wie Steinhoff mitteilte.

Der Aufsichtsrat räumte zudem ein, dass "in Bezug auf Bilanzunregelmäßigkeiten neue Informationen ans Licht gekommen sind". Diese machten weitere Nachforschungen erforderlich. Die Bilanz werde verschoben und erst veröffentlicht, wenn dies möglich sei.

Dabei gehe es auch um die Frage, ob die Zahlen für Vorjahre angepasst werden müssten. Eigentlich wollte die Gesellschaft die Zahlen für das Ende September abgelaufene Geschäftsjahr am Mittwochmorgen vorlegen. Bereits vor einigen Wochen hatte manager magazin exklusiv über die fragwürdigen Bilanzierungspraktiken bei Steinhoff berichtet.

Die neuen Negativ-Schlagzeilen sorgten bei den im MDax notierten Steinhoff-Aktien für den größten Kursrutsch in der Firmengeschichte: Die Titel brachen um mehr als 64 Prozent auf ein Rekordtief bei 1,07 Euro ein. Dabei wechselten bis zum Mittag bereits fast zehn Mal so viele Steinhoff-Papiere den Besitzer wie an einem gesamten Durchschnittstag. Sie waren erneut die meistgehandelte Aktie in Deutschland.

In Johannesburg sackten die Papiere mit 17,56 Rand um 60 Prozent auf den niedrigsten Stand seit sieben Jahren. Einer der Großaktionäre forderte "große Anstrengungen" des Managements, den Sachverhalt aufzuklären. Investment-Manager Omri Thomas von Abax Investments befürchtet allerdings, dass Resultate frühestens im Januar zu erwarten seien und die Unsicherheiten bis dahin bestehen blieben. "Was für ein Chaos" titelten die Analysten von Kepler Cheuvreux in einem Kurzkommentar. "Da kommt noch mehr", befürchten sie.


Lesen Sie auch den großen mm-Report zu Steinhoff: Einstürzende Neubauten - windige Bilanzen, dubiose Geschäfte und Ermittlungen der Staatsanwaltschaft: Steht Europas zweitgrößter Möbelkonzern vor der Implosion?


Steinhoff ist ein Konzern mit Rechtssitz in Amsterdam und einem operativen Hauptquartier in Südafrika. In Deutschland ist Steinhoff vor allem durch seine Poco-Möbelhäuser bekannt. Vor 53 Jahren gründete Bruno Steinhoff das ursprüngliche Unternehmen mit dem Namen "Bruno Steinhoff Möbelvertretungen und -vertrieb" im niedersächsischen Westerstede. Steinhoff wies im abgelaufenen Bilanzjahr (per Ende September) einen Umsatz von 13,4 Milliarden Euro und einen Nettogewinn von 1,22 Milliarden Euro aus. Die Zahl der Mitarbeiter wurde mit rund 106.000 beziffert.

Commerzbank-Analyst Andreas Riemann warnte angesichts der schlechten Nachrichten vor Investitionen in den Konzern. Anleger sollten ihre Finger von den Aktien des Möbelkonzerns lassen, schrieb er am Morgen in einer Studie. Die Untersuchungen seien eine schlechte Nachricht und stellten ein großes Fragezeichen hinter die Ergebnisse der vergangenen Jahre.

Steinhoff International

Abgang: Steinhoff-(Ex) Chef Markus Jooste

Bereits am Vorabend hatte Steinhoff mitgeteilt, dass Konzernchef Markus Jooste mit sofortiger Wirkung den Konzern verlässt. Jooste hatte Steinhoff vom südafrikanischen Möbelhersteller zu einem der weltweit größten Haushaltswaren- und Möbelkonzerne entwickelt. Vor zwei Jahren war Steinhoff von der Börse in Johannesburg nach Frankfurt gewechselt. Auch der Chef der Afrika-Tochter Star nimmt nun seinen Hut. Die Börsenaufsicht in Südafrika prüft mögliche Fälle von Insiderhandel mit Steinhoff-Papieren.

Aufsichtsratschef Christoffel Wiese soll den Konzern nun übergangsweise leiten. Der 76-jährige Multimilliardär ist mit rund 23 Prozent größter Einzelaktionär von Steinhoff, gefolgt von Public Investment Corp mit 8,5 Prozent und Coronation Fund Managers mit 5,2 Prozent. Die Prüfgesellschaft PWC soll nun eine unabhängige Untersuchung durchführen.

Christoffel Wiese soll Steinhoff übergangsweise leiten

Als Grund für die Personalrochade nannte die Gesellschaft neue Informationen über Unregelmäßigkeiten. manager magazin hatte über diese bereits in seiner September-Ausgabe (9/2017) exklusiv berichtet.

Steinhoff hatte die Vorwürfe unredlicher Geschäftspraktiken zurückgewiesen. "Wesentliche Fakten und Vorwürfe sind falsch oder irreführend", teilte der Konzern Ende August mit. Zudem habe das Unternehmen schon im Jahr 2015 auf Untersuchungen wegen Bilanzfragen hingewiesen.

Staatsanwaltschaft Oldenburg bestätigt mm-Bericht

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hatte bestätigt, dass sie Ermittlungen gegen Manager eines Möbelkonzerns aufgenommen hat. Ermittelt werde gegen "vier aktuelle und ehemalige Verantwortliche eines Konzerns, zu dem unter anderem ein Möbelhandel-Unternehmen in Westerstede gehört, wegen des Verdachts der unrichtigen Darstellung in Bilanzen". "Hierdurch könnte gegebenenfalls auch der Bilanzwert des Konzerns zu hoch dargestellt worden sein." Steinhoff hat seine Europa-Zentrale in Westerstede.

Im Fokus der Ermittlungen standen laut Staatsanwaltschaft Verträge über Verkäufe von Firmenanteilen im jeweils dreistelligen Millionenbereich. Im Zuge des Ermittlungsverfahrens sei zudem eine Strafanzeige einer dritten Person wegen des Verdachts der Urkundenfälschung erstattet worden.

Zudem schwelt ein Rechtsstreit zwischen Steinhoff und einem ehemaligen Joint-Venture-Partner. Im September stellten die OM Handels GmbH und WM Handels GmbH bei der Handelskammer des Amsterdamer Gerichtshofs einen Antrag auf ein Verfahren im Zusammenhang mit dem Jahresabschluss 2016. Die Unternehmen gehörten dem früheren Geschäftspartner.

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