Sonntag, 25. Juni 2017

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Philip Morris baut wie Bosch neue Fabrik Tabak-Riese will rauchfreie Zukunft in Dresden starten

Der qualmende Glimmstängel könnte bald der Vergangenheit angehören, sagt ausgerechnet der Chef von Philip Morris voraus

Nach Bosch will auch der Tabakriese Philip Morris eine Fabrik in Dresden bauen - sie soll Tabaksticks für vermeintlich weniger schädliche Elektro-Zigaretten produzieren. Dabei verdient die Branche mit den herkömmlichen Glimmstängeln mehr Geld als je zuvor.

Nicht nur der Elektronikkonzern und Autozulieferer Bosch hat Dresden für sich als Investitionsstandort entdeckt. Auch der Tabakkonzern Philip Morris will umgerechnet knapp 290 Millionen Euro in den Bau einer neuen Fabrik in Dresden investieren. Wie das Unternehmen am Montag mitteilte, sollen dort ab 2019 rund 500 Beschäftigte Tabaksticks für das elektrische Tabakerhitzersystem IQOS produzieren. Mit dem Bau der Fabrik soll Ende kommenden Jahres begonnen werden.

"Die Investition ist ein wesentlicher Meilenstein auf dem Weg in eine rauchfreie Zukunft", erklärte Stacey Kennedy, Vorsitzende der Geschäftsführung der Philip Morris GmbH. Der Marlboro-Hersteller, der in Dresden bereits die f6-Cigarettenfabrik betreibt, will mit seinem angeblich weniger gesundheitsschädlichen elektronischen Tabakerhitzer-System IQOS Marktanteile sichern.

Ob der US-Konzern für seine Standortscheidung Millionen Steuergelder vom Land einstreichen kann, wie sie Bosch zugesagt wurden, ist nicht bekannt. Bosch soll für die Chipfabrik einen Steuerzuschuss von 200 Millionen Euro kassieren. Damit würde jeder der geplanten Arbeitsplätze mit rund 286.000 Euro subventioniert.

Tabakriesen verdienen weiter prächtig mit Glimmstengeln

Trotz staatlicher Anti-Rauchkampagnen und einer rückläufigen Zahl an Rauchern sprudeln die Gewinne der Tabakbranche prächtig. Preiserhöhungen füllen den Konzernen die Kassen. So hat sich die Packung etwa in Deutschland laut Branchenverband DZV seit 2002 von drei auf sechs Euro verteuert. Auch in den USA hat sich der Durchschnittspreis in diesem Zeitraum ungefähr verdoppelt. "Jedes Mal, wenn die Steuern steigen, legt die Tabak-Industrie noch etwas extra drauf. Dadurch wachsen auch die Profitspannen", sagt Jennifer Maloney, die den Markt für das "Wall Street Journal" unter die Lupe genommen hat.

"iQOS": Vorbereitung einer E-Zigarette von Philip Morris

Seit 2011 ist der weltweite Verkaufswert, den die Tabak-Industrie pro Jahr mit Zigaretten einnimmt, um gut 21 Prozent auf 683,4 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr 2016 gestiegen. Das treibt auch die Gewinne an: Von 2006 bis 2016 hätten die jährlichen Gewinne der US-Tabakkonzerne um 77 Prozent auf 18,4 Milliarden Dollar zugelegt.

Das Geschäft mit dem Tabak spült also genug Geld in die Kasse, um neue Alternativen wie E-Zigaretten zu forcieren und zu subventionieren. Denn E-Zigaretten steuern bislang relativ wenig zu den Einnahmen bei. Dabei ist es offenbar auch das schlechte Image, das die Konzerne zu neuen Investitionen zwingt:

Andre Calantzopoulos, seines Zeichens Chef von Philip Morris, sorgte im vergangenen Herbst für Aufsehen, als er in einem Radio-Interview orakelte, die Tage der klassischen Zigarette seien gezählt. "Ich glaube, dass schon bald der Zeitpunkt kommen wird, an dem wir das Ende der Zigaretten-Ära einläuten", hatte er der britischen BBC gegenüber erklärt.

Experten zweifeln, dass der klassische Glimmstengel verschwindet

Der klassische Glimmstängel als Auslaufmodell? Die florierenden Geschäfte der Branche lassen daran zweifeln.

"Philip Morris behauptet, sich in Richtung einer Zukunft ohne Zigaretten zu bewegen, doch wie andere Tabak-Konzerne wirbt das Unternehmen weiterhin aktiv für das Rauchen rund um den Globus", kritisierte Deborah Arnott von der Anti-Rauch-Initiative Ash. Philip Morris und andere Branchengrößen wie British American Tobacco (BAT) oder Japan Tobacco International (JTI) testen zwar inzwischen Tabakverdampfer, die viel gesünder sein sollen als klassische eben Zigaretten. Ob daraus jemals eine ernsthafte Alternative wird, bleibt jedoch abzuwarten.

rei mit dpa-afx

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