Freitag, 29. Juli 2016

Alle Artikel und Hintergründe

Milliardenhoffnung Liefer-Apps Der neue heiße Scheiß

Essenslieferant (in Frankfurt): Weg vom Pizzakarton-Image

Essensliefer-Apps sind die größte Hoffnung der Berliner Start-up-Szene auf den nächsten Milliarden-Börsengang. Damit der Hype nicht als teures Eldorado endet, müssen die Gründer die Branche von ihrem Pizzakarton-Image befreien.

Die Konkurrenz beobachtet Rasmus Wolff zurzeit immer um die Mittagszeit. In wenigen Tagen will der dänische Unternehmer seine App "Hungr" veröffentlichen, für den Gang zur Dönerbude auf der Berliner Oranienstraße hat er keine Zeit. An dem großen Holztisch, der nahezu das ganze Büro ausmacht, essen Wolff und seine zehn Mitarbeiter aus den Boxen, die sie via Lieferando-App bestellen.

Seltsam eigentlich, denn Wolff will mit "Hungr" selbst den Markt für Essensbringdienst-Apps aufrollen. Die Konkurrenten verspottet er: "Die sind wie die neue Generation der Gelben Seiten", sagt der 41-Jährige, der selbst fünf Jahre lang als Vorstand der britischen Lieferplattform JustEat arbeitete.

Er öffnet die Lieferando-App auf seinem Smartphone und blickt auf eine lange Liste von Restaurants. "Wer ist Thai Huong? Wer ist Mihatoha?", sagt er dann. "Ich weiß noch nicht mal, was ich essen will und muss mich schon für ein Restaurant entscheiden." Kunden, ist er sicher, interessierten sich mehr für das Gericht als für den Namen des Restaurants, wo es gekocht wird.

In der "Hungr"-App wählt der Nutzer zunächst zwischen italienisch, chinesisch, Sushi oder indisch - nur die üblichsten Küchen für Bringdienste. Statt mehrerer hundert Restaurants will Wolff in Berlin mit 75 ausgewählten starten. Vorauswahl ist das Prinzip, 100.000 Euro seines eigenen Geldes hat er darauf gewettet. "Bei zu viel Auswahl ist man als Nutzer verloren", glaubt Wolff.

Oliver Samwer wittert ein Milliardengeschäft

Da sollte er sich besser nicht irren. Der Däne wagt sich auf den zurzeit am härtesten umkämpften Markt in der digitalen Ökonomie: Essensliefer-Plattformen, die Hungrige und Restaurants per App zusammenführen. Gegessen wird immer und von Großstädtern mit wenig Zeit immer häufiger aus der Lieferbox. Viele Investoren sehen einen weltweiten Trend und stürzen sich mit teils dreistelligen Millioneninvestments in die Essensschlacht.

  • Der prominenteste unter ihnen ist Oliver Samwer, der selbsttitulierte "aggressivste Mann des Internet". Seine börsennotierte Gründerwerkstatt Rocket Internet stampft Food-Start-ups in Serie aus dem Boden oder kauft sich bei bereits erfolgreichen Plattformen ein. Bis 2019, schätzt das Unternehmen, wird der globale Umsatz auf dem Online-Markt für Essensbringdienste auf 90 Milliarden Euro wachsen. Da will Samwer dabei sein: Der Börsengang eines Liefergiganten aus seinem Portfolio könnte auch die bislang durchwachsene Entwicklung des Rocket-Aktienkurses Börsen-Chart zeigen befeuern.

  • Samwers beste Hoffnung ist dabei Delivery Hero , an dem Rocket einen Minderheitsanteil hält. Der Berliner Lieferplattform-Betreiber ist in 34 Ländern aktiv, hierzulande mit den Marken Lieferheld und dem von vor einem Jahr übernommenen Marktpionier pizza.de.

Rund eine halbe Milliarde Euro bezahlte Rocket Internet für einen 30-prozentigen Anteil an Delivery Hero, den das Unternehmen inzwischen auf rund 40 Prozent aufgestockt hat. Bislang ein gutes Geschäft: Die Lieferhelden werden derzeit auf mehr als drei Milliarden Euro taxiert.

Rocket-Beteiligungen an Bringdiensten: Der Kampf ums Essen
SPIEGEL ONLINE
Rocket-Beteiligungen an Bringdiensten: Der Kampf ums Essen
Halloumi-Burger in Mango-Mayo statt schmieriger Bulette

An die Börse drängt auch der Delivery-Hero-Gründer Niklas Östberg, allerdings zu seinen eigenen Bedingungen. 2016 will er mit seinem derzeit noch stark defizitären Start-up an die Börse, möglicherweise an der New Yorker Tech-Börse Nasdaq. Den eigenen Anteilseigner Rocket, seit Oktober im wenig transparenten Börsensegment Entry Standard gelistet, sieht man bei Delivery Hero eher nicht als Vorbild.

Damit sich die luftige Bewertung einmal in echte Profite verwandelt, muss die Firma ihren Essenslieferdiensten das Image fettiger Pizzakartons nehmen: Wie SPIEGEL ONLINE erfuhr, will Delivery Hero deshalb Ende Juli "Urbantaste" an den Markt bringen.

In den sieben größten deutschen Städten soll ein eigens beauftragter Lieferdienst exquisitere Cuisine ausfahren, aus insgesamt 300 Restaurants, die ihr Essen selbst wohl nie in Boxen packen würden. Statt Spaghetti Bolo und schmierigen Buletten-Brötchen bringt der Bote dann Pasta mit Feigen und Pinienkernen und Halloumi-Burger mit Mango-Mayo.

Screenshot der Urban-Taste-Homepage: Pinienkerne statt billigem Hackfleisch
Für Östberg ist der Edel-Bringdienst nur ein Zwischenschritt, seine Vision geht weiter: Kochen könnte wie Musik machen werden, erklärt der Gründer seinen Mitarbeitern. Wenige Menschen spielen ihre eigenen Lieder, die meisten genießen die Kunst der Profis. Wenn sich genauso alle Küchen-Dilettanten beliefern ließen, würden sie besser essen, sparten viel Zeit und Mühe - und würden ganz nebenbei zu Millionen auf seine Plattformen stürmen.

Delivery-Hero-Gründer Östberg: Börsengang ist für 2016 angestrebt
Delivery Hero
Delivery-Hero-Gründer Östberg: Börsengang ist für 2016 angestrebt
Auf neue Sparten allein verlässt sich Östberg bei der Expansion offenbar nicht. Ganz Berlin ist überzogen mit Werbung für seine Marke pizza.de. Mancher Brancheninsider mutmaßt, dass die Sommeroffensive - traditionell eine magere Saison für das Liefergeschäft - vor allem mit der Börsenstory zu tun hat, die Östberg bald mit rasantem Kundenwachstum unterlegen muss. Und mit Lieferando, Delivery Hero's größten Konkurrenten in Deutschland, der seine Kalauer ("Isch bin dir Farfalle") in der ganzen Republik plakatiert.

Denn Größe entscheidet in einem Markt, der von niedrigen Margen und launischen Konsumenten geprägt ist. Der größte Wettbewerber holt die hohen Entwicklungs- und Marketingkosten schneller wieder rein und kann höhere Kommissionen von den Restaurants verlangen.

Das wiederum könnte für "Hungr" zum Verhängnis werden - die Neugründung, die ihre Kunden erst finden muss. Rasmus Wolff winkt ab. Mit ihrem vielen Geld hätten sich seine Konkurrenten vor allem gegenseitig aufgekauft statt ihre Apps neu zu erfinden. "Ich glaube, dass wir das bessere Produkt haben. Und das ist am Ende entscheidend."


Alle relevanten News des Tages gratis auf Ihr Smartphone. Sichern Sie sich jetzt die neue kostenlose App von manager-magazin.de. Für Apple-Geräte hier und für Android-Geräte hier.

Mehr manager magazin
Zur Startseite

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH