Dienstag, 21. November 2017

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Verkaufstricks mit "Obey Your Body" und "Gratiae"-Kosmetika Wie dubiose Kosmetik-Anbieter reihenweise Fluggäste abzocken

Abzocke im Vorbeigehen: Teure Tuben vom Flughafen-Kosmetiker
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Die Abfangtechnik ist ausgefeilt und tausendfach erprobt. Mit einer Cremeprobe in der Hand fängt der Kosmetikverkäufer vorbeieilende Passagiere im Ankunftsbereich am Hamburger Flughafen ab. "Ich habe ein Geschenk für Sie", sagt er mit freundlichem Lächeln. Flugs drückt er seinem Gegenüber die Gratis-Probe in die Hand und stellt sich in makellosem Englisch als Jonathan vor. So lotst er den Kunden im Handumdrehen in den Verkaufsraum mit dunklem Holzfußboden, weißen Lackmöbeln und heller Beleuchtung.

Zwei Minuten später reibt er Peelings und Pflegecreme auf die angeblich so gestresst aussehende Haut seiner Kunden und verspricht, dass die Produkte der Marke "Obey Your Body" für ein neues Lebensgefühl sorgen werden. "Sie sind Geschäftsmann. Die Leute schauen nicht auf Ihre Schuhe, sondern in Ihr Gesicht", startet er die erste Runde seiner Verkaufstricks. Dazu gehört auch, den teuren Preis des Kosmetikproduktes erst sehr spät zu nennen. Bedarf, lässt er immer wieder einfließen, sei bei der unreinen Gesichtshaut seines Gegenübers ja offensichtlich vorhanden.

Als dem Kunden 150 Euro für ein Peeling doch etwas überteuert erscheinen, hat er gleich einen Konter parat. Schließlich reiche die Packung für ein ganzes Jahr, argumentiert er. "Und zwölf Euro geben Sie im Monat ja auch für Starbucks aus." Doch der Kunde ziert sich weiter, und deshalb zündet Jonathan die nächste Stufe. Er reißt die Folie eines Produktes auf und holt die Flasche aus der verschweißten Box. "Für Sie mache ich eine Ausnahme. Hier ist die Verpackung beschädigt. Ich gebe Ihnen die Ware für die Hälfte", sagt er, während sein Kollege schon den nächsten Passanten in der Verkaufsmangel hat.

Klingt wie aus einem Handbuch für dubiose Verkaufstricks in den USA? Weit gefehlt. Täglich hunderte Male finden solche Gespräche in Deutschland statt, und zwar an Orten, an denen die wenigsten Konsumenten damit rechnen. In mehreren großen Airports etwa oder in großen Einkaufszentren. Ein paar obskure Kosmetikmarken haben sich darauf spezialisiert, genau dort mit windigen Verkaufstaktiken das schnelle Geld zu machen. Das funktioniert offenbar hervorragend - auch, weil ausgerechnet an Flughäfen niemand so genau hinsehen will.

Perfekt verpacktes Blendwerk - das verfängt auch bei kritischen Kunden

Dabei gibt es, wie die Recherchen von manager-magazin.de ergaben, reihenweise Kunden, die sich über die Airport-Abzocker beschweren. Auch solche, die von sich glaubten, gegen billige Verkaufstricks mit teuren Cremes, Fluids und Peelings gefeit zu sein. Schicke Verkaufsräume, rhetorische geschulte Verkäufer, die mit kaum überprüfbaren Produktversprechen locken, angeblich hochwertige Inhaltsstoffe und Rücknahmegarantien: Das Blendwerk der modernen Quacksalber ist hübsch verpackt - und diese Masche verfängt bei zahlreichen Opfern.

"Wenn ich voll über meine Sinne verfügen würde, würde ich niemals ein Kosmetikprodukt kaufen, das mehr als 75 Euro kostet", schreibt beispielsweise eine Kundin in einer Beschwerde an die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. "Es ist mir ein Rätsel, wie sie es geschafft hat, mir solche Mengen zu diesem Preis anzudrehen."

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Wie der Kundin, die nach eigenen Angaben auf dem Stuttgarter Flughafen abgezockt wurde, geht es vielen anderen. Im Internet häufen sich Beschwerden über Marken wie "Obey Your Body" oder "Gratiae". Drängelnde Verkäufer, die ein Vielfaches der Preise im Internet berechnen, zu hohe Abbuchungen ohne Quittung, abgelaufene Produkte im Verkauf - die Liste der Beschwerden ist lang.

Das "hard selling" hat System. Denn die Mitarbeiter des "Obey Your Body"-Shops am Hamburger Flughafen gehen beim Verkaufen und auch mit ihren Argumenten systematisch vor. Ein zweites Gespräch mit einem weiteren, verdeckt operierenden Reporter verläuft nach ganz ähnlichen Mustern. Creme aufschmieren, ein wenig Preisnachlass gewähren, zum Schluss dann die Masche mit der beschädigten Verpackung - das angepriesene Produkt ist ein anderes, die Tricks jedoch die selben.

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