Freitag, 19. Oktober 2018

Gläserne Kunden Wie der Handel uns durchleuchtet

Spähende Puppen, funkende Mülleimer: Wie der Handel uns durchleuchtet
Almax

Wer bei Amazon oder Zalando einkauft, weiß, dass jede Aktion ausgewertet wird. Beim Einkaufsbummel wurden Kunden bislang nicht durchleuchtet. Doch auch der stationäre Handel rüstet auf - die Schaufensterpuppen schauen zurück.

Hamburg/London - Mit solch einer Aufregung hätte Kaveh Memari nicht gerechnet. "Mülleimer beobachten Passanten" titelte die "Neue Zürcher Zeitung". In anderen Medien war von Spitzelmülleimern, Cookie-Mültonnen oder 007-Tonnen die Rede. Der öffentliche Aufschrei war so laut, dass Memari schließlich einlenken musste. Seit einigen Tagen fangen die Mülltonnen in der Londoner Innenstadt laut Unternehmensangaben keine WLAN-Signale von Smartphones vorbeigehender Passanten mehr auf.

Was wie ein Szenario aus einem Science-Fiction-Roman klingt, ist auch in Deutschland schon Realität - wenn auch in anderer Form. Um im Wettbewerb mit Onlinehändlern wie Amazon Börsen-Chart zeigen bestehen zu können, schauen sich immer mehr traditionelle Händler Tricks aus dem Internet ab. Das Ziel: Die Kunden, ihre Vorlieben und Verhaltensmuster besser kennenzulernen - und am Ende besser an ihnen zu verdienen.

Im Fall des Londoner Mülleimer-Betreibers Renew ist es angesichts der Proteste bislang nur bei einem kurzen Test geblieben. Doch das Ziel war klar. Mit Hilfe von Signalen, die Smartphones auf der Suche nach verfügbaren WLAN-Netzen aussenden, wollte Renew wertvolle Daten generieren. Informationen über Passantenzahlen, Smartphone-Marken und damit potenzielle Informationen über die Vermögensverhältnisse der Vorbeigehenden. Diese Daten können für einen Konzern, der auch digitale Werbeflächen betreibt, sehr viel wert sein.

Zwar lässt die ablesbare Mac-ID der Geräte keine direkten Rückschlüsse auf den Nutzer zu. Indem man beispielsweise in einem Restaurant verschiedene Signalempfänger an bestimmten Punkten wie der Theke, den Toiletten oder dem Speisesaal positioniert, lassen sich jedoch leicht Informationen über den potenziellen "Wert" der Kunden generieren. Zum Beispiel darüber, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt, wie lange der Kunde wo geblieben ist (hat er gegessen oder wohl nur etwas getrunken?). Ist er Stammgast oder kommt er zum ersten Mal? Eine Basis, um ihn dann möglichst zielgenau mit personalisierter Werbung zu bespielen.

Schaufensterpuppen mit Augen und Ohren

Renew ist nicht das erste Unternehmen, dessen Gebaren bereits für Protest sorgte. Ende 2012 sorgten Schaufensterpuppen für Empörung , in deren Auge eine Kamera integriert ist. Damit lässt sich leicht feststellen, wer - ob Frau, Mann oder Kind - die Auslage wie lange betrachtet.

Völlig neu ist der Kameraeinsatz in Läden und Shoppingzentren zwar nicht. Und auch die Frequenz von Besuchern wird entweder per Zählung oder auch mit Lichtschranken schon länger erhoben. Aber so exakt und vor allem so günstig und einfach wie mit den heutigen Techniken ließen sich Kundendaten jedoch noch nie erheben.

"Big Data ist im Moment ein großes Geschäft", fasst Peter Gooch von der Unternehmensberatung Deloitte die Begeisterung für dass Datensammeln und Datenauswerten zusammen. "Derzeit fangen immer mehr Industrien an, damit Geld zu verdienen - auch solche, von denen es man nicht erwarten würde."

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