Dienstag, 11. Dezember 2018

Gepanschte Impfstoffe in China Tödliche Schlamperei mit System?

Kleinkind-Impfung in China: Der Hersteller Changchun Changsheng Life Sciences (CCLS) sorgte mit gepanschten Impfstoffen für einen Skandal

In China werden systematisch lebensrettende Impfstoffe gepanscht - unter den Augen der Aufsichtsbehörden. Korruption und ein lasches Strafrecht machen es den Tätern leicht - zu leicht.

Zwischen der Ansteckung und den ersten Krankheitszeichen der Tollwut vergehen meist drei bis acht Wochen. Erste Symptome können Brennen, Rötungen, Missempfindungen wie Kribbeln, ein Taubheitsgefühl und Schmerzempfindlichkeit an der Bissstelle sein. Im weiteren Verlauf treten Krämpfe am ganzen Körper auf. Spasmen im Bereich der Rachen- und Schlundmuskulatur führen zu starken Schluckbeschwerden; der Speichelfluss ist erhöht. Auffällig ist eine ausgeprägte Abneigung gegen Wasser.

Markus Pohlmann
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    Universität Heidelberg
    Markus Pohlmann ist Professor an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Analyse von Management und Arbeitsorganisation in Industrieunternehmen. Aktuelle Texte zu diesen und anderen Themen veröffentlicht er auf seinem Blog Corporate Crime Stories.

Menschen mit Verdacht auf eine Tollwuterkrankung werden intensivmedizinisch betreut, um den Leidensdruck zu lindern. Der tödliche Verlauf kann dadurch jedoch in der Regel nicht verhindert werden. An Tollwut Erkrankte versterben in der Regel innerhalb weniger Tage infolge von Atemlähmungen oder Herzversagen.

Wird man also durch Hunde, Katzen, Fledermäuse oder andere wilde Tiere verletzt, muss man umgehend eine Tollwutimpfung vornehmen. Allerdings muss man dabei den Herstellern des Impfstoffs vertrauen. Und dieses Vertrauen ist in China schon mehrfach missbraucht worden.

Der neueste Impfstoffskandal bestätigt nur nochmals, dass es hier oft nicht mit rechten Dingen zugeht.

Wirkungslos statt lebensrettend

Nach dem Hinweis eines Whistleblowers fand am 5. Juli 2018 eine unangemeldete Inspektion der China National Drug Administration (CNDA) beim chinesischen Pharmaunternehmen Changchun Changsheng Life Sciences (CCLS) statt. Mitte Juli 2018 war dann auf der Website der CNDA zu lesen, dass die Qualitätsberichte von CCLS für den Tollwutimpfstoff gefälscht wurden und der Impfstoff den Wirksamkeitstest nicht bestanden hat. Am 23. Juli führte die Polizei eine Razzia bei CCLS durch und nahm 18 Senior Manager, die Geschäftsführerin des Unternehmens eingeschlossen, in Gewahrsam.

In der Woche darauf wurden Haftbefehle erlassen. Den Anklagen zufolge hatte das Unternehmen bei der Herstellung von Tollwutimpfstoffen getrickst. Um Kosten zu sparen, soll das Unternehmen abgelaufene Impfmittel und andere Substanzen verwendet haben, um das Präparat zu strecken. Dadurch verlor es in vielen Fällen seine Wirkung.

CCLS ist einer der größten Impfstoffproduzenten in China

Daraufhin haben die chinesischen Behörden das Unternehmen angewiesen, die Produktion zu stoppen und die minderwertigen Impfstoffe zurückzurufen. Die Unterlagen zur Qualitätskontrolle wurden, so die Anklage, systematisch über längere Zeit hinweg gefälscht.

Nun ist CCLS kein kleines Unternehmen, sondern einer der größten Impfstoffproduzenten in China, der sechs wichtige Impfstoffe herstellt: gegen Hepatitis A, Grippe, Meningitis, Varizellen, Tollwut sowie ein Kombipräparat gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten. Gemessen an den Marktanteilen der Tollwut- und Varizellenimpfstoffe ist CCLS die Nummer zwei in China.

Geringe Strafen, geringe Abschreckung

Doch der Skandal um den gestreckten Tollwutimpfstoff ist nur die Spitze des Eisbergs. Das Unternehmen ist außerdem angeklagt, in den Jahren zuvor 252.600 Chargen eines minderwertigen, gestreckten Kombi-Impfstoffs gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten produziert und verkauft zu haben. Damit wurden vorrangig Kinder geimpft. Bereits im November 2017 wurde dies der China Food and Drug Administration angezeigt, doch erst im Juli 2018, als der Skandal um den gepanschten Tollwutimpfstoff aufflog, erhielt CCLS eine Strafe für die frühere Schlamperei: eine Geldbuße von umgerechnet 323.000 Euro. Ein Rückruf der Impfstoffe oder eine Entschädigung der Patienten erfolgte nicht.

Hierbei handelt es sich keineswegs um Einzelfälle, sondern um die Fortführung einer langen Serie von Skandalen: 2009 wurden minderwertige Tollwutimpfstoffe in der chinesischen Hafenstadt Dalian entdeckt. 2010 fielen den Ermittlern weitere 180.000 Chargen eines Tollwutpräparats von mangelhafter Qualität in die Hände. 2013 starben aufgrund eines gepanschten Hepatitis-B-Impfstoffs 17 Kinder in 17 Tagen.

Eigner bleiben unbehelligt und werden reich

Nach dem Urteil des obersten Volksgerichts in Peking wurde ein Beamter der China Food and Drug Administration wegen der Annahme von Bestechungsgeldern in Höhe von ca. 60.000 Euro zwischen 2010 und 2014 zu einer Haftstrafe von zehn Jahren verurteilt. Die Bestechungsgelder wurden dem Gerichtsurteil zufolge von dem Unternehmen bezahlt, das auch für die gestreckten Hepatitis B-Wirkstoffe verantwortlich war.

Veröffentlichten Urteilen zufolge war auch CCLS zwischen 2001 und 2017 in mindestens zwölf Verfahren wegen Bestechung verwickelt. In vier Fällen bestach ein CCLS-Mitarbeiter direkt Beamte des Local Disease Control Office. Diesen Beamten ist es erlaubt, von jeder verkauften Impfdosis rund 28 Prozent des Listenpreises einzustreichen. Die Besitzer der beteiligten Unternehmen wurden nicht bestraft und finden sich zum Teil auf der Forbes-Liste der reichsten Chinesen wieder.

Auch Staatsunternehmen panschen

Nicht nur das privatisierte Unternehmen CCLS, auch staatliche Firmen stehen im Verdacht, 2016 minderwertige Kombi-Impfstoffe gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten produziert und verkauft zu haben - ohne dass diese Unternehmen bestraft oder anderweitig zur Rechenschaft gezogen worden wären. Wir haben es also auch hier wieder mit menschenverachtenden Tricksereien zu tun, die nicht mehr als Einzelfälle abgetan werden können. Das gesamte System ist krank - inklusive des Staatssektors und der zuständigen Behörden.

"Der beste Weg zum Geldverdienen wird im Strafrecht beschrieben." Dieser zynische Spruch, den in China fast jeder kennt, scheint vielen chinesischen Unternehmern als "goldene Regel" zu gelten. Doch auch die Kontrollen ihrer betrügerischen Aktivitäten scheinen aufgrund von Korruption und Kickbacks nicht hinreichend zu greifen.

Inzwischen sind immerhin erste Haftbefehle erlassen worden, einige der Verantwortlichen werden wohl zur Rechenschaft gezogen werden. Ist das der Anfang vom Ende der menschenverachtenden Betrügereien mit Medikamenten und Impfstoffen in China? Das wäre zu hoffen. Das Land verzeichnet jedenfalls nach Indien die weltweit höchste Zahl menschlicher Tollwuterkrankungen. Es ist also höchste Zeit, dass sich etwas ändert.

Markus Pohlmann ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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