Mittwoch, 14. November 2018

Karstadt Heuschrecke in weißer Rüstung

Karstadt: Die Mitarbeiter haben durch ihren Lohnverzicht in den vergangenen Jahren mehr als 650 Millionen Euro in das Unternehmen investiert

Die Fronten sind verhärtet: Ausgerechnet Karstadt klinkt sich mit einer Tarifpause aus den Verhandlungen aus. Gewerkschafter sind wütend: Schließlich hatten sie Karstadt-Eigentümer Nicolas Berggruen einst zum Kaufzuschlag verholfen, weil er sich als sozialer Investor präsentierte.

Essen - Das Sanierungskonzept und die Motive des Investors schienen den Gewerkschaftern fragwürdig. Genauso wie die Tatsache, dass Nicolas Berggruen erst wenige Tage vor Ende des Bieterverfahrens für den pleitebedrohten Warenhauskonzern Karstadt in den Ring stieg. Aber immerhin, hieß es 2010 bei der Gewerkschaft Verdi, stelle Berggruen keine "halsabschneiderischen Forderungen" an die Belegschaft - ganz im Gegensatz zum Konkurrenzbieter Triton.

Der als "Heuschrecke" geschmähte Finanzinvestor hatte die Tarifverträge für die damals 25.000 Karstadt-Beschäftigten nämlich als nicht haltbar bezeichnet, ebenso wie eine Jobgarantie - und über den Sanierungstarifvertrag hinausgehende Zugeständnisse gefordert. Im Gegenzug hätte Triton rund 400 Millionen Euro frisches Kapital in den Umbau des maroden Unternehmens gesteckt. Ein "höchst unmoralisches" Angebot, ließ Gesamtbetriebsratschef Hellmut Patzelt damals die Belegschaft wissen.

Ganz anders der "weiße Ritter" Berggruen: Von der Belegschaft werde er keine weiteren Zugeständnisse fordern, ließ er seinen Sprecher ein ums andere Mal versichern. Da blieb Gewerkschaftern und Politikern kaum eine Wahl: Eine Entscheidung für Triton mit seinem harten Sanierungskonzept hätten sie Mitgliedern und Wählern wohl kaum als Erfolg verkaufen können - hätte das doch Stellenabbau und eine Aufweichung des Flächentarifvertrags bedeutet.

Also unterstützten sie Berggruens Angebot. Umso größer ist bei den Arbeitnehmervertretern jetzt die Wut auf den Investor: Der von Berggruen eingesetzte Karstadt-Chef Andrew Jennings kündigte im vergangenen Jahr an, nun doch massiv Stellen abzubauen. Und nun klinkt Karstadt sich auch noch aus den laufenden Tarifverhandlungen für den Einzelhandel aus - man lege eine "Tarifpause" von zwei Jahren ein, ließ Arbeitsdirektor Kai-Uwe Weitz den Gewerkschaftern mitteilen.

Von möglichen Lohnerhöhungen ausgeschlossen

Die schäumen vor Wut: Karstadt war im Herbst vergangenen Jahres gerade erst vom auslaufenden Sanierungstarifvertrag wieder in die Tarifnormalität eingetreten, viele Mitarbeiter hatten erstmals seit Jahren wieder Weihnachtsgeld und tarifübliche Leistungen bekommen. Jetzt sollen sie von möglichen Lohnerhöhungen durch die anstehenden Tarifverhandlungen ausgeschlossen werden. Skandalös, findet Stefanie Nutzenberger, Verdi-Bundesvorstand für die Handelsbranche. "Die Mitarbeiter haben durch ihren Lohnverzicht in den vergangenen Jahren mehr als 650 Millionen Euro in das Unternehmen investiert, Herr Berggruen dagegen so gut wie nichts", sagt Nutzenberger.

Durch die Tarifflucht des Unternehmens schließe es seine Mitarbeiter von der Fortentwicklung der Tarifansprüche aus. "Viele Kollegen bei Karstadt sind nach den vielen Jahren des Lohnverzichts finanziell am Limit. Sie haben viel investiert, sowohl Geld als auch Engagement", sagt Nutzenberger, die in den Achtziger Jahren selbst eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau bei Karstadt abschloss und dort bis Mitte der Neunziger Jahre als Verkäuferin arbeitete.

Es sei an der Zeit, dass der Investor in die Belegschaft investiere. "Wir werden Herrn Berggruen an den Versprechen messen, die er beim Kauf des Unternehmens gemacht hat. Wir haben ihn aufgefordert, jetzt einen Anerkennungstarifvertrag zu unterzeichnen", sagt Nutzenberger. Andernfalls drohen Streiks.

Berggruen zeigt bisher allerdings kein Interesse, mehr Geld zu investieren. Die Finanzierung des schwächelnden Konzerns bleibt weiterhin auf Kante genäht - die Investitionen müssen aus dem selbst erwirtschafteten Cashflow kommen. Da der nach einem schlechten Winter- und einem noch schlechteren Frühjahrsquartal nicht viel hergibt, bleibt für mögliche Gehaltserhöhungen um 6,5 Prozent, wie sie Verdi für den Einzelhandel fordert, kaum Spielraum. Der Zeitpunkt, weitere Nullrunden für die Beschäftigten anzukündigen, war zudem günstig: "Karstadt hofft wohl, dass der Austritt aus der Tarifbindung im Getöse der anstehenden Tarifkonflikte in der Branche untergehen wird", sagt Jörg Funder, Einzelhandelsexperte der Fachhochschule Worms.

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