Mittwoch, 24. August 2016

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Sport Scheck Angriff auf die Couch Potatoes

Sport-Scheck-Filiale in Berlin: In München soll alles anders werden

Der Sportfachhändler Sport Scheck setzt konsequent auf Expansion: Im größten Sporthaus einer europäischen Innenstadt sollen Onlinehandel und Filialgeschäft verschmelzen. Für den Mutterkonzern Otto beginnt eine Aufholjagd.

München - Es wird das größte Sporthaus einer europäischen Innenstadt. Auf 10.000 Quadratmetern will Sport Scheck sich ab Oktober dieses Jahres in einem angemieteten Neubau in der Münchener Fußgängerzone präsentieren und neu erfinden. Doch weit gefehlt, wer Spielereien wie knallbunte Kletterwände oder künstliche Seen erwartet: Geboten wird einzig Beratung und Dienst am Kunden. Man wird keine kultige Sports Bar finden, sondern Stände mit Wasser und Bananen, als sei man gerade auf den letzten Metern eines Stadtlaufs.

Die Tochter des Hamburger Otto-Konzerns plant konsequent und mit hohen Beträgen. Die beiden Welten stationärer Handel und Online-Handel will sie in diesem neuen Flaggschiff mit großen berührungsempfindlichen Bildschirmen konsequent vereinen. Das verwinkelte Traditionshaus von 1946, dem Gründungsjahr des ehemaligen Familienunternehmens, wird aufgegeben.

Der Aufwand verblüfft, gilt die Kombination aus Einzelhandel und Versandgeschäft, wie Sport Scheck sie unter dem Schlagwort "Multichannel" betreibt, nicht gerade als extrem wachstumsverdächtig. Den Sportartikelmärkten, die die Ur-Münchner Marke bedient (Deutschland, Österreich und die Schweiz), sagen Marktforscher zwar zwei bis drei Prozent Wachstum pro Jahr voraus. Doch mehr eben auch nicht - und das bei gleichzeitigem Vormarsch der reinen Internet-Händler wie Amazon Börsen-Chart zeigen und Zalando, der eigenen Geschäfte großer Sportartikelmarken wie Adidas Börsen-Chart zeigen oder neuer Wettbewerber wie Globetrotter.

"In dem Markt ist mehr Dynamik drin, als wir sehen", sagt Stefan Herzog, 51, seit 2005 Sprecher der Sport Scheck Geschäftsführung. Mit dem Otto-Konzern im Rücken fährt er eine Expansionsstrategie: mit immer mehr Läden auch in mittelgroßen Städten in ganz Deutschland und mit hohen Investitionen in den Online-Handel. Er will den Markt schlagen, sagt er im Gespräch mit mm-online.

Der gläserne Sportfreund

Denn das Unternehmen (1600 Mitarbeiter) hat entdeckt, dass seine Zielgruppe viel größer sein könnte als sie derzeit ist. Mit Werbung in knall-orange, mit Ski-Events auf dem Gletscher und Halbmarathons in abgesperrten Innenstädten, mit oft betont lässigen Verkäufern, die jeden Kunden gnadenlos duzen, wendet sich Sport Scheck derzeit nur an Menschen, die Sport mögen: Siegertypen, die sich eisern fit halten oder zumindest diszipliniert ihr Pensum erfüllen, auch Hedonisten, für die Sport Lebensgenuss ist, inklusive raffiniertem Zubehör und modischer Kleidung.

Unter dem Begriff "ambitionierter Freizeitsportler" fasst Herzog diese 60 Prozent der möglichen Kundschaft zusammen. Jetzt hat er es auf die übrigen 40 Prozent abgesehen, Menschen, die entweder völlig lusttlos sind oder für die gilt, "bloß nicht übertreiben". Herzog sagt: "Die wollen wir knacken".

Leistungsdiagnostik heißt sein Zauberwort. In den Filialen aber auch online soll der Kunde ein Gesundheits-Coaching erfahren: zum Paketpreis von 100 bis 150 Euro. Die Sport Scheck-Mitarbeiter als "sportliche Lebensbegleiter" sollen den Fitness-Zustand des Kunden testen, seine optimale Herzrate ermitteln und Trainingsempfehlungen geben. Das Ergometer und das empfohlene Zubehör für die gewählte Trainingsmethode soll er dann gleich unter demselben Dach erwerben. Telefonisch oder online soll er sich danach zum Abonnement-Preis jeden Monat weiter beraten lassen.

Wird man dann auch noch eine Kundenkarte an ihn los (gerne auch virtuell als "Club App"), kann man dem Kunden personalisierte Newsletter oder den Katalog senden und sein Kaufverhalten künftig nachverfolgen. Verfügt er über ein Internet-Telefon, das sich orten lässt, wird man ihn in jeder beliebigen Stadt mit aktuellen und speziell auf ihn zugeschnittenen Angeboten ins nächst gelegene Sport-Scheck-Haus locken, sobald er sich ihm auch nur nähert.

Ein Knackpunkt an dieser schönen neuen Online-Welt ist die dahinter stehende IT und Software. Seit 2011 investiert Sport Scheck und investiert auch Otto hohe Beträge in eine Komplett-Umstellung auf SAP. 2014 soll das Himmelfahrtskommando abgeschlossen sein - zumindest bei Sport Scheck. Denn das Unternehmen fährt seit 2012 einen dezentralen Ansatz, wie die Betriebsratsvorsitzende Herta Heuberger, Mitglied im Otto-Aufsichtsrat bestätigt.

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