Freitag, 16. November 2018

Beluga-Reeder Niels Stolberg Schwer verhoben

Dem Gründer der Bremer Beluga-Reederei, Niels Stolberg, wird schwerer Betrug vorgeworfen

Fünfzehn Jahre dauerte der Aufstieg des Kapitäns Niels Stolberg zu einem der erfolgreichsten Reeder der Welt. Sein Abstieg dauerte keine sieben Monate. Sein Absturz keine sechs Wochen. Eine Rückblende.

Bremen - Das Tempo des Niedergangs der einst größten Schwergutreederei der Welt raubt manchem Beobachter den Atem. Es dauerte nur Wochen, bis die Reederei erst ihre Führung, dann fast alle Frachter verlor, Wochen, in denen die Reederei unter Vorwürfen, nach Fehleinschätzungen und finanzieller Schieflagen in der Pleite versank. Mehr als 20 Tochterfirmen zog sie bislang mit sich. Viele dieser Töchter sind nicht nur mit der Beluga-Reederei eng verknüpft, sondern auch und vor allem mit dem einst gefeierten und vielfach ausgezeichneten Gründer des Unternehmens.

Niels Stolberg wuchs an der Elbmündung im gut 13.000 Einwohner zählenden Brunsbüttel auf. Bekannt ist der Ort für das Atomkraftwerk, gegen das der heute 50-Jährige als junger Mann protestierte. Bekannt ist Brunsbüttel aber auch für seine Häfen: den Elbehafen, einen Tiefwasserhafen für die ganz großen Pötte, und den nur bei Hochwasser befahrbaren Seglerhafen, wo der Sohn eines Lotsen früh zu seiner Berufung fand: der Seefahrt.

Auch nach dem Abitur im Jahre 1980 blieb Stolberg seiner Leidenschaft treu. Er fuhr als Offiziersbewerber zur See, wurde schließlich Offiziersassistent und gehörte bis 1982 zum letzten Ausbildungsjahrgang der Bremer Schwergutreederei "Hansa". Ab 1985 studierte er dann Nautik in Elsfleth an der Weser. Dort ließ er sich zum Diplom-Wirtschaftsingenieur für Seeverkehr ausbilden. Er war gerade 24 Jahre alt, als er sowohl den Abschluss als auch das große Kapitänspatent in der Tasche hatte.

Doch als Kapitän zur See fuhr Stolberg nur kurz. Denn an Land, das merkte er bald, konnte er mehr bewegen. Er heuerte bei der Bremer Reederei Bruno Bischoff an, für die er die Befrachtungsabteilung aufbaute. Vier Jahre arbeitet Stolberg dort. Doch dann zog es ihn erneut weiter. Er wollte lieber auf eigene Rechnung arbeiten.

So gründete er 1995 gemeinsam mit einem ehemaligen Kollegen einen sogenannten Cargo Operator, eine Frachtvermittlung. Ihr Name: Beluga Shipping GmbH. Ihr geschäftsführender Gesellschafter: Niels Stolberg. Damals residierte er noch in einer Zweizimmerwohnung auf dem Bremer Teerhof, einer Weserhalbinsel in der Nähe des heutigen Firmensitzes.

Der Name der Firma wird zum Programm

Der Belugawal als Namenspatron, das passt, dachte sich Stolberg damals. Die weißen Belugawale werden bis sechs Meter lang und bis zu einer Tonne schwer. Ihre auffällig breiten Schwanzflossen wurden zum Logo des Unternehmens. Belugas gelten als gesellige und soziale Tiere. Sie leben in Familienverbänden oder kleinen Gruppen. Dieses Verhalten nahm sich der Familienmensch und heutige Vater von drei Töchtern schon damals zum Vorbild. Das Kommunikationsverhalten der Weißwale, das Brummen und Quieken, auch das gefiel dem Unternehmer lange. Walfänger beschrieben die Belugas einst als die Kanarienvögel der Meere.

Das "Handelsblatt" beschrieb Stolberg 2007 als "Vielseitig verspielt", "Der Ehrgeizige" titelte 2008 die "Wirtschaftswoche". Und 2009 führte der Unternehmer die staunenden Reporter der "Bild" höchstselbst durch die neue, 12.000 Quadratmeter große Firmenzentrale. Denn auch der mitten in Bremen an der Weser gelegene eckige, dunkel geklinkerkte Bau war stets ein Statement aus Stein und Glas: Trotz seiner Wucht scheint das Gebäude zu schweben. Ein gläserner Konferenzraum, der im Foyer unter der Decke hängt, eine gläserne Pianobar, die im siebten Stock über dem Dach der Beluga-Zentrale und über den Dächern der Hansestadt thront.

Von dort erblickten Gäste und Freunde des Beluga-Chefs auf der anderen Flussseite den Zweckbau der einst in Bremen gegründeten und heute in der Schweiz ansässigen Großspedition Kühne + Nagel, sahen den Fluss hinauf die entfernten Flutlichter des Weser-Stadions, den Fluss hinab das weiße Hochhaus des Lebensmittelkonzerns Kraft Foods, der sich vor Jahren die Bremer Kaffeemarke Jacobs einverleibt hatte, blickte ein paar hundert Meter weiter auf das schwarze Hochhaus des Inbev-Konzerns, zu dem heute die Bremer Biermarke Beck's gehört.

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