Sonntag, 4. Dezember 2016

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Wie gerecht ist das Urteil? Ohne Maß

Stets im Blickpunkt: Thomas Middelhoff

Natürlich hat sich Thomas Middelhoff schuldig gemacht. Drei Jahre Haft sind aber ein unverhältnismäßig hartes Urteil. Ein Kommentar von Christoph Neßhöver

Als Topmanager kratzte Thomas Middelhoff mit seinem Wirken beim Medienkonzern Bertelsmann und beim Handelsriesen KarstadtQuelle (später: Arcandor) oft an der Grenze zum Blender. Große Gesten, große Sprüche, große Pläne, gepaart mit einem ausgeprägten Geltungsdrang und einem mindestens so ausgeprägten Hang zum Luxus: Vieles an "Big T" wirkte maßlos, weshalb auch sein bissiger Spitzname mit den Jahren immer besser zu passen schien. Dem Image des Managerstandes, das durch die Verfehlungen der Finanzkrise, überzogene Gehälter und zahlreiche andere Affären arg ramponiert ist, hat er damit noch zusätzlich geschadet.

Aber darf Maßlosigkeit durch Maßlosigkeit geahndet werden? Drei Jahre soll Middelhoff in Haft, findet das Landgericht Essen, weil der Ex-Manager Flüge mit Hubschraubern und Privatjets und einige andere Accessoires seines ausladenden Lebensstils von seinem Arbeitgeber Arcandor bezahlen ließ. Das Gericht sieht als erwiesen an, dass Middelhoff in 27 Fällen Untreue begangen hat. Nach der Urteilsverkündung sollte Middelhoff noch im Gericht festgenommen werden.

Es hätte dem Angeklagten Middelhoff sicher gut zu Gesicht gestanden, im Laufe des Verfahrens etwas Demut zu zeigen, einzuräumen, dass sein Lebensstil in jenen wilden Jahren vielleicht etwas zu extravagant ausgefallen ist, er zwischen Privatleben und Beruf schärfer hätte trennen und die enormen Kosten seines Wirkens für seinen (ohnehin klammen) Arbeitgeber im Zaum zu halten. Schließlich gelingt das den allermeisten Managern im Land ja auch, selbst wenn es mal etwas nervig sein mag, mit der Limousine im Stau zu stehen statt mit dem Hubschrauber drüber weg zu schweben.

Mit etwas Einsicht wäre auch überzeugender gewesen, dass Middelhoff alles in seiner Macht stehende versucht hat, um den taumelnden Handelsriesen vor dem Untergang zu retten. Aber auf eine solche große Geste hat Middelhoff verzichtet und dem Gericht so eine Vorlage für ein hartes Urteil geliefert.

Dennoch wirkt das Strafmaß fast absurd. Der Schaden, den Middelhoff angerichtet hat, beziffert das Gericht auf 808.565 Euro. Ex-Bayern-München-Präsident Uli Hoeneß hat fast 30 Millionen Euro an Steuern hinterzogen, also nicht nur eine Gruppe Aktionäre, sondern dem ganzen Gemeinwesen riesigen Schaden zugefügt, und er kam mit dreieinhalb Jahren Haft davon. Der Eindruck drängt sich fast auf, dass das Essener Gericht mit Middelhoff die gesamte Managerkaste abmahnen will. Auch das zeigt, wie tief die Deutschlands Unternehmensführer in der Achtung ihrer Landsleute gesunken sind.

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